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Grundbegriffe der texterschließung

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Vorbemerkung



In den Jahren 1937 und 1938 schrieb Bertolt Brecht Gedichte, mit denen er aus dem dänischen Exil über den «Deutschen Freiheitssender» politisch aufklärend und agitierend in das nationalsozialistische Deutschland hineinwirken wollte. Die Reflexion auf die Bedingungen der Produktion und Rezeption dieser Gedichte führte Brecht zu wichtigen Entscheidungen bezüglich ihrer poetischen Form:

« Der Reim schien mir nicht angebracht, da er dem Gedicht leicht etwas In-sich-Ge-schlossenes, am Ohr Vorübergehendes verleiht. Regelmäßige Rhythmen mit ihrem gleichmäßigen Fall haken sich ebenfalls nicht genügend ein und verlangen Umschreibungen, viele aktuelle Ausdrücke gehen nicht hinein: der Tonfall der direk-ten, momentanen Rede war nötig. Reimlose Lyrik mit unregelmäßigen Rhythmen schien mir geeignet.» J
Brecht wußte, daß er sich mit diesen Entscheidungen gegen ein tradiertes Bild von Lyrik stellte. Daß « Lyrik, wenn sie schon auf den Reim verzichtet, doch gewohntermaßen wenigstens einen festen Rhythmus bietet»z, gehörte zu den Erwartungsstereotypen seiner Zeitgenossen. Mit «festem Rhythmus» meinte Brecht, was in der Verstheorie Metrum genannt wird; er meinte die geregelte Abfolge von betonten und unbetonten Silben im Rahmen der Verszeile.
      Brecht traf seine Entscheidung, auf Reim und festes Metrum zu verzichten, im Hinblick auf die historische Situation. An seinen Ãoberlegungen, die sich nicht nur auf Lyrik beziehen, sondern Verse auch anderer Textarten betreffen, ist erkennbar, daß literarische Formprobleme in engem Zusammenhang mit politischer Geschichte und gesellschaftlicher Wirklichkeit stehen. Selbst scheinbar so technische Fragen wie die Wahl eines Metrums oder die Entscheidung für oder gegen die Verwendung des Reims haben Implikationen, die über das Technische hinausgehen.
      Zugleich ist an Brechts Ausführungen erkennbar, daß heute ein festes Metrum nicht ausschließliche Voraussetzung dafür ist, daß Verse als Verse begriffen werden. Das Metrum ist also nur einer unter mehreren Faktoren, die an der Konstituierung von Versen beteiligt sind. Gleiches gilt für den Reim. Verse ohne Reim und ohne festes Metrum gibt es in der neuhochdeutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert. Zur genaueren Unterscheidung von den Versen, die metrisch geregelt sind, kann man Verse ohne festes Metrum als < unmetrische Verse > bezeichnen.
      Ãober die Rolle und Bedeutung von Metrum und Reim für den Vers wurde vor allem während des 17. und 18. Jahrhunderts intensiv nachgedacht und gestritten. Die Diskussion und die darauf bezogene Verspraxis haben gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einer bis dahin im Deutschen nicht vorhandenen Mannigfaltigkeit von Versformen geführt. Nur selten liegen ihre gesellschaftlichen und politischen Hintergründe so offen zutage wie bei Brecht; sie wären von einer Geschichte deutscher Verse aufzuhellen und darzustellen.
     

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