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Themes et mythes: französische Forschungen und Begriffe



eben der deutschen und der korrespondierenden anglo-amerikani-schen Motiv- und Themenforschung hat sich in der französischsprachigen Literaturwissenschaft ein eigener Zweig der Erforschung von «themes » und « mythes » herausgebildet. Pierre Albouy versteht unter Mythen die jeweils mit neuem Sinngehalt erfüllten literarischen Gestalten, in deren Namen die Dichter sich ihre eigene Mythologie erschaffen, wogegen Raymond Trousson die Kontinuität der Mythen als «themes» in der literarischen Tradition nachzeichnet.' Troussons Ãoberlegungen zur Methode begleiten und verteidigen seine umfangreiche geistesgeschichtliche Beispielstudie «Le theme de Promethee dans la litterature europeenne» . Methodisch unterscheidet Trousson zwischen dem «motif», das ein Typus, eine Situation oder ein allgemeines Konzept sein kann, und dessen Konkretisie-rung mit Namen und Fabel in einer literarischen Gestalt wie Prometheus, Antigone, Don Juan usw., die er «themes» nennt ; demnach entspricht bei ihm theme dem deutschen Stoff-Begriff. Das Französische bietet aber den für die Textanalyse näherliegenden Gegenstandsbegriff sujet, und dementsprechend ist Troussons Quasi-Gleichsetzung von « mythe » mit «theme » von Pierre Brunei kritisiert worden. Brunei berücksichtigt seinerseits die Unterscheidung von Northrop Frye zwischen « mythe » als der literarisch manifesten Fabel und dem darin ausgedrückten sinngebenden «theme», womit er dem deutschen Thema-Begriff nahekommt. Für alle kleineren, das Thema wie auch die Fabel konstituierenden Elemente empfiehlt Brunei den Terminus «motif». Sein Mofw-Begriff reicht daher von den kleinsten Einheiten, analog den morphologischen Elementen bei Boris Tomasevskij und Victor Propp, bis zur « situation-cle de la condition humaine» , der er generalisierende Funktion zuspricht: «le motif introduit ä la generalite du theme» .

      In der Praxis hat die neuere thematologische Schule eine Reihe von Studien über große literarisch-mythologische und historische Gestalten oder über so umfassende Konzepte wie den «Mythe de la meta-morphose» hervorgebracht. Wichtigstes Resultat ist der 1988 unter Bruneis Direktion erschienene « Dictionnaire des mythes litteraires ». Er eröffnet neue weltliterarische Perspektiven, da er außer den mythologischen und biblischen Gestalten sowie kollektiven Stoffen auch Einzelfiguren und Sammelartikel zum außereuropäischen Kulturkreis enthält. Der Aufbau der Artikel nach systematischen wie auch historischen Kategorien läßt den einzelnen Bearbeitern viel Spielraum für die jeweilige thematische Interpretation.
      Die Verbindung systematischer Gesichtspunkte mit historischen Beispielanalysen war 1984 auch Gegenstand der Pariser Tagung «Du theme en litterature. Vers une thematique»." Linguistische und struk-turalistische Beiträge sprechen von «theme » als dem vorherrschenden «aspect structurale» eines Werks oder analysieren die Variationen des Doppelgängermotivs als die im Stoff angelegten Möglichkeiten einer «thematique structurale» . Hier wie auch bei dem von der Märchenforschung ausgehenden Claude Bremond wird der nach deutschem Sprachgebrauch zu erwartende Motiv-Begriff als Analyse von «themes » bezeichnet. Trotzdem gilt der über den Text hinausweisende Problemgehalt mehrfach nicht nur als das vom Autor intendierte, sondern auch als das erst durch den Leser und die Interpreta-tion zu benennende Thema .
     

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