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Tendenzen der Versentwicklung im I8. Jahrhundert



Für die Entwicklung der Verspraxis, soweit sie von Opitz wegführte, war Friedrich Gottlieb Klopstock von größter Bedeutung. Er veränderte nicht nur die Ausdrucksfähigkeit der deutschen
Sprache, sondern auch das Formbewußtsein seiner Zeitgenossen und ihre Auffassung vom Wesen der Dichtung und des Dichters.

      «Als ich erschien, klimpertet Ihr auf einem hölzernen Hackbrett von Alexandrinern, gereimten Jamben, Trochäen, allenfalls Dactylen, wohlmeinend, treufleißig und unermeßlich; ich kam, und ließ aus meiner Region euch neue Sylbenmaasse hören. Die höchste Poesie war mein Ziel, die Poesie des Herzens und der Empfindung. Ich zählte und maaß nicht nur, ich wägte die Sylben im Fluge des Wohllauts; auf eine vorher ungeahnte Weise machte ich Euch Eure ganze Sprache melodisch.» M
Mit diesen Worten, die er Klopstocks « heilige Muse » sprechen ließ, faßte Herder 1803 Klopstocks Leistungen für die deutsche Dichtung zusammen. Klopstock gewann seine « neuen Sylbenmaasse » zunächst in der Nachbildung antiker Verse. Er wählte den Hexameter als Versmaß für sein zwanzig Gesänge umfassendes biblisches Epos «Der Messias» . Für seine lyrische Produktion griff er vorwiegend zur Form der Ode, wobei er anfangs die Strophenformen aus der Antike übernahm:
Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht, Das den großen Gedanken Deiner Schöpfung noch Einmal denkt.
      Klopstock befolgte die komplizierten Formgesetze der antiken Oden-dichtung genau. Das war nicht blinde Normerfüllung, sondern sollte dartun, daß die deutsche Sprache, genetisch und soziokulturell unter anderen Bedingungen stehend, der gleichen Größe und Würde fähig war wie die antiken Sprachen. Klopstock zielte auf Eigenständigkeit gegenüber der Antike. Sie äußerte sich schließlich darin, daß Klopstock eigene Verskombinationen und eigene Odenstrophen erfand.
      Die übernommenen wie die selbst geschaffenen Epen- bzw. Oden-verse genügten Klopstock allerdings dort nicht mehr, wo er sich mit seiner «Poesie des Herzens und der Empfindung» den unendlichen,irdische Erfahrung übersteigenden Dimensionen der Schöpfung zuwandte, die das Kopernikanische Weltbild dem Denken zugänglich gemacht hatte. Hier sprengte Klopstock die metrisch geregelten antiken und antikisierenden Formen und äußerte sich im Medium der von ihm erfundenen freien Rhythmen:

Groß ist der Herr! und jede seiner Thaten,
Die wir kennen, ist groß!

Ozean der Welten, Sterne sind Tropfen des Ozeans!
Wir kennen dich nicht!

Freie Rhythmen folgen keinem festgelegten Organisationsprinzip mehr; es sind unmetrische reimlose Verse von ungleicher Länge. Sie sind dennoch oft metrisch , indem sie Rudimente antiker Verse enthalten.
Klopstocks Durchbrechen enger Denk- und Formschemata hatte starke Wirkung auf die literarische Bewegung des «Sturm und Drang», die um 1770 einsetzte. Sie übernahm mit der neuen Sprache den neuen Dichtungsbegriff sowie die Auffassung vom Dichter als dem keiner fremden Regel unterworfenen Genie.
     
   Im Zusammenhang damit steht die Suche der jüngeren Generation nach Formen, die nicht dem Alternationsprinzip unterworfen waren. Sie entdeckten dabei auch wieder die altdeutsche Vemradition , die weitgehend aus dem literarischen Bewußtsein verdrängt war.
      Volkslieder waren seit Herder und seinem aufwertenden Begriff «Volksdichtung» keine «gemeinen Liedlein» mehr. Herder sah in ihrer Eigenart nicht Unbeholfenheit und künstlerische LJnzulänglichkeit, sondern den Ausdruck der Volksseele und eine Offenbarung des Menschengeistes. Er machte in Straßburg Goethe auf diese schriftlich kaum fixierte Poesie aufmerksam und regte ihn zu deren selbständiger Nachahmung an. Herders Volksliedsammlung, Goethes entsprechende Lieder und seine frühe Balladendichtung begründeten eine Tradition, die stark auf die Romantik wirkte und die bis ins 20. Jahrhundert geltende Vorstellung vom Gedicht als liedhafter Stimmungs- und Erlebnislyrik prägte.
      Den stärksten Kontrast zum Formprinzip der Alternation bildeten jedoch die freien Rhythmen. Ihre Ungeregeltheit ist im Formalen die Antithese zum Ideal der Erfüllung vorgegebener Normen, das in den Regelpoetiken des 17. und frühen 18. Jahrhunderts galt.
      Spude dich, Kronos!

Fort den rasselnden Trott!
Bergab gleitet der Weg;

Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern.

      Frisch, den holpernden
Stock, Wurzeln, Steine den Trott

Rasch in's Leben hinein!

 Tags:
Tendenzen  der  Versentwicklung  I8.  Jahrhundert    





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