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Rhetorik zwischen Diffamierung und Rehabilitierung



Ãober zweitausend Jahre als Bildungsmacht in Europa und bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts hinein als Unterrichtsfach in den Schulen etabliert, erlebte die « ars bene dicendi» insbesondere in Deutschland im 20. Jahrhundert ihren vorläufigen Niedergang. Erst in den 70er Jahren kam es zu einer bis heute anhaltenden < Renaissance > in der Beschäftigung mit Rhetorik. Es erschien eine nahezu unübersehbare Flut an wissenschaftlichen Publikationen über die rhetorische Tradition und Methodik literaturwissenschaftliche, semiotische, linguistische, kommunikationstheoretische, philosophische, theologische, juristische und medienkundliche Handbücher gingen nicht mehr achtlos an der Redekunst vorüber, die Curricula höherer Schulen nahmen sie erneut - wenn auch in rudimentärer Form - in ihr Arsenal bildungsrelevanten Lehrstoffes auf. In der Masse von populären praktischen Ratgebern und Anleitungen spiegelt sich ein breites Bedürfnis nach dem Erlernen einer sicheren, gewandt-wirkungsvollen Sprache und einem erfolgversprechenden Auftreten in der Ã-ffentlichkeit einer Mediengesellschaft.

      Obwohl als Gegenstand der Wissenschaft inzwischen rehabilitiert, wird allen mit Rhetorik zusammenhängenden Phänomenen auch noch gegenwärtig nicht selten mit Mißtrauen begegnet. Dabei ist die Diskreditierung rhetorischen Sprechens so alt wie Redekunst selbst. Ein mündiger Bürger möchte sich möglichst wenig beeinflussen lassen. Tatsächlich gibt es zahlreiche Beispiele für den Mißbrauch einer demagogischen Redegewalt nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland. Die Denunzierung der Rhetorik leitet sich ab aus der seit Piaton vorgebrachten philosophischen Kritik, die meist ethische Gesichtspunkte ins Feld führt. Als Ãoberlistungstheorie könne Rhetorik lehren, jedes artikulierte Argument als wahr erscheinen zu lassen und Menschen zu jedem beliebigen, auch moralisch bedenklichen Handeln zu bewegen. Die pejorative Begriffsverwendung kann sich darüber hinaus auf die Ã"sthetik des im 18. Jahrhundert entwickelten deutschen Idealismus berufen. Wo Poesie als autonom, zweckfrei und alsstets um Originalität bemühte individuelle Schöpfung galt, mußte es zur Ablehnung einer Theorie kommen, die die Produktion von Kunstwerken nach erlernbaren Regeln und mit kalkulierten Wirkungszielen unterrichtete.
      Was die Applizierung der Rhetorik auf das literaturwissenschaftliche Terrain der Textinterpretation angeht, wurde beanstandet, daß die propädeutische Disziplin auf antike und moderne Dichtung die immer gleichen formalistischen Begriffsinstrumentarien anwende. Bei näherem Hinsehen erweisen sich die Vorwürfe als Vorurteile, die dem Selbstverständnis der Rhetorik nicht gerecht werden. Das Ziel jeglichen rhetorischen Bemühens ist in seiner persuasiven Wirkungsintention, der Ãoberzeugung des Publikums, zu suchen. Als « ars bene dicendi» meint Rhetorik « die Kunst des guten Redens im Sinne einer von Moralität zeugenden, ästhetisch anspruchsvollen, situationsbezogenen und auf Wirkung bedachten Ã"ußerung, die allgemeines Interesse beanspruchen kann. Sie umfaßt sowohl die Theorie als auch die Praxis und hat damit zugleich den Charakter von Kunstlehre und von Kunstübung.»

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