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Rhetorik als Basis eines ideologiekritischen Diskurses



Die Rhetorik hat einen Doppelcharakter: Sie ist einerseits eine Anleitung zur Produktion von Rede, andererseits stellt sie ein taugliches Begriffsinventar zur strukturellen und gehaltlichen Erschließung von Texten aller Art bereit. So offeriert sie auch im Rahmen einer pragmatischen Texttheorie ein fruchtbares heuristisches Analyse-Modell. Als «ars bene dicendi» ist die Rhetorik eine hermeneutische Wissenschaft, die sich nicht als philologisches Propädeutikum im positivistischen Aufspüren und in der bloßen formalästhetischen Untersuchung der Figuren erschöpfen darf. Eine derartige Reduzierung übersieht allzu schnell den sozialhistorischen Kontext und die Praxisbezogenheit rhetorischen Sprechens. Die umfassende rhetorische Texterschließung vermag dagegen eine aufklärerisch-emanzipatorische Aufgabe zu erfüllen; denn sie ist in der Lage, die Funktion von sprachlichen Ã"ußerungen nicht zuletzt ideologiekritisch zu reflektieren. Mit dem Instrumentarium der Rhetorik, einer «Gesellschafts-Wissenschaft kat exochen» '7, können manipulatives Sprechen und verschleierte Herrschaftsstrukturen in sozialen Gebilden und Kommunikationsakten dekuvriert werden. Die « ars bene dicendi» mit ihrem angestammten Prinzip von Rede und Gegenrede soll den verantwortungsbewußten argumentativen Dialog im demokratischen Gemeinwesen und die rationale politische Entscheidungsfindung fördern. Ziel einer Rekonstruktion der Rhetorik in der heutigen Zeit mag außer der Präparierung zu möglichst herrschaftsfreier Verständigung « eine Grammatik des vernünftigen Redens»l als Grundlage vernunftgeleiteten Handelns sein. Jedenfalls bietet eine sich auf ihre ethische Gebundenheit besinnende Redekunst eine Chance zum kritisch-toleranten öffentlichen Diskurs innerhalb einer demokratischen Streitkultur. Die zu intensivierende Integration der Rhetorik in die Schul- und Universitätsausbildung sollte zur Entwicklung der sprachlichen Kompetenz im geschilderten Sinne und zur freien Rede befähigen. Eine Ignorierung der rhetorischen Tradition mißachtet die nicht zu unterschätzende wirkungsmächtige soziokulturelle Rolle der Disziplin in Vergangenheit und Gegenwart.



     
  

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