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Perspektiven der Versentwicklung im I9. und 20. Jahrhundert



Das Ergebnis der skizzierten Entwicklungen ist, daß beim Ãobergang vom 18. ins 19. Jahrhundert der deutschen Dichtung eine bis dahin nicht vorhandene Fülle von Versformen zur Verfügung stand. Diese Formenvielfalt umfaßte
- die vormals als vulgär geltenden gereimten Verse germanisch-deutscher Tradition mit Füllungsfreiheit, vor allem Volksliedverse und Knittelvers;

- die alternierenden, meist gereimten Verse, die trotz der vormals heftigen Kritik sehr häufig verwendet wurden;

- den Blankvers ;
- antike Vers- und Strophenformen ;

- die freien Rhythmen.
      Grundsätzliche prosodische und metrische Neuerungen sind seither ausgeblieben, abgesehen von Richard Wagners Versuch, den durch Alliteration, das heißt lautgleichen Beginn betonter Silben ausgezeichneten germanischen Stabreimvers wiederzubeleben. Vereinfachend läßt sich sagen, daß die Autoren des 19. Jahrhunderts weniger Energie für die eigenständige Entwicklung von Versformen als für die Auseinandersetzung mit den ererbten Versformen aufbrachten. Denn durch die Stilisierung der Goethezeit zur < Klassik > wurde deren Formenbestand für bürgerliche Schriftsteller zu einem nicht ignorierbaren Kanon, freilich nur für denjenigen problemlos verwendbar, der die historische Differenz zu jener Zeit weder fühlte noch reflektierte.
      Für das 19. und 20. Jahrhundert läßt sich das Verhältnis zum Formrepertoire der Verstradition unter folgenden Aspekten beschreiben:
1. zustimmende Verwendung vorhandener Formen;

2. ironisch-parodistische Verwendung vorhandener Formen ;
3. versimmanente Problematisierung von verskonstituierenden Momenten ;

4. Abwendung von der Versform zugunsten der Prosa.
      Gottfried Benns 1912 publiziertes, dem Frühexpressionismus zugerechnetes Gedicht « Kleine Aster » ist ein Beispiel für die erwähnte Problematisierung des traditionellen Verses als Formprinzip:

Kleine Aster
Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt.
      Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Asterzwischen die Zähne geklemmt.
      Als ich von der Brust ausunter der Hautmit einem langen Messer
Zunge und Gaumen herausschnitt,muß ich sie angestoßen haben, denn sie glittin das nebenliegende Gehirn.
      Ich packte sie ihm in die Brusthöhlezwischen die Holzwolle,als man zunähte.
      Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,kleine Aster!z
In Sujet und Form setzt sich dieses Gedicht deutlich von der bis um 1900 vorherrschenden Verstradition ab. Zwar sind Verbindungen zu dieser erkennbar: Die unmetrischen Zeilen lassen sich verstehen als freie Rhythmen in der Tradition Klopstocks ; gleichzeitig und konträr zu dieser Tradition reimen einige Zeilen und wird das Mittel der Assonanz verwendet; Zeilen-und Kolongrenze treffen meist zusammen und akzentuieren so trotz fortlaufender Syntax das Zeilenende als Sinneinschnitt. Aber da sich der sprachliche Duktus mit Ausnahme der Schlußzeilen, die rhetorische Klauseln parodieren, kaum von Prosa unterscheidet , wirken die vershaften Elemente des Textes, auch weil sie einander widersprechen, wie provokativ sichtbar gemachte Tradition, zitiert zu dem Zweck, sie zu zerbrechen.
      Zu dieser im 20. Jahrhundert verstärkt einsetzenden Tendenz tritt eine zweite, die einen anderen Ausgangs- und Zielpunkt zu haben scheint:

Wissenschaftlicher Pluralismus 1

  
   Daß der Kandidates gewagt hat,unsere Gesellschaft als kapitalistische zu bezeichnen -
Sie erinnern sich vielleicht an die Formulierung, exakt kann ich es nicht angeben, aber im zweiten Drittel des Vortrags etwa -finde ich doch sehr mutig.
     
Auch hier ist die Sprache unmetrisch und zugleich verszeilenartig angeordnet, und auch hier wäre es möglich, Beziehungen zu freien Rhythmen in der Klopstock-Tradition aufzuzeigen; überdies kann man in Zeile 1 und 2 parodistisch gebrauchten Reim erkennen; auch stimmen Zeilen- und Kolongrenze meist iiberein. Dennoch scheint es in diesem Beispiel so zu sein, daß der Text nach den Regeln und dem Sprachduktus der Prosa konzipiert ist - er läßt sich ohne weiteres als Prosa sprechen oder lesen. Die Abweichung vom Druckbild der Prosa signalisiert jedoch, daß der Rezipient den Text nicht wie Prosa auffassen soll. Dabei fungiert die Anordnung in versartige Zeilen als Verfremdungsmittel, und der Zeilenbruch erhält semantische Funktion: Er drückt Distanz zur Prosa aus, indem er das spezifische Formelement Versgrenze ins Spiel bringt und beim Rezipienten das durch Tradition geprägte Verhaltens- und Erwartungsstereotyp induziert: Verse sprechen auf andere Weise über die Welt als Prosa, das semantische Gewicht der Wörter ist durch die Stellung in der Zeile mit bedingt, der Zeilenschluß ermöglicht eine gewisse Retardation des Gedanken- und des Lese- Flusses und zugleich einen Spannungsbezug zur nächsten Zeile (

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Perspektiven  der  Versentwicklung  I9.  20.  Jahrhundert    





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