Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundbegriffe der texterschließung

Index
» Grundbegriffe der texterschließung
» Opposition gegen die Alternation

Opposition gegen die Alternation



Die strenge Befolgung der Opitzischen Regel, daß «jeder verß entweder ein iambicus oder trochaicus » sei, hatte zur Folge, daß ein Teil des Wortschatzes und geläufige Wortkombinationen nicht verwendet werden konnte.
      An dieser Praxis entzündete sich im Laufe des 17. Jahrhunderts die Diskussion. August Buchner suchte schon in den 1630er Jahren Opitzens Regel zu erweitern: Daktylus, Anapäst und Spondeus sollten ebenfalls < zugelassen > sein. Insbesondere für den Versanfang forderte er die Möglichkeit, statt mit einem mit einem einsetzen zu können; er meinte damit Verse wie:

Der welcher heute diese Nacht Sein Leben hat zu ende bracht.
      Der entscheidende Angriff auf das Prinzip der strengen Alternation wurde im 18. Jahrhundert geführt. Aufklärung und Empfindsamkeit betonten in zunehmendem Maße den Subjektcharakter des Menschen, seine Fähigkeit zu geistiger und sittlicher Selbstbestimmung, die Unerschöpflichkeit seiner Innerlichkeit und die Einmaligkeit seiner Individualität. Dementsprechend galt Dichtung - im Sinne einer Selbstbewußtwerdung der natürlichen Vernunftbegabtheit des Menschen - als Medium moralischer Erziehung und als individueller Seelenausdruck.
      Johann Jakob Breitinger , einer der frühesten Theoretiker der neuen Dichtungsauffassung, formulierte in seiner «Criti-schen Dichtkunst» den Grundsatz, daß «man besser thäte, so man die Regel, die befiehlt die hohen und tiefen Accente beständig mit einander abwechseln zu lassen, fahren liesse »10. Das von Breitinger bis Johann Gottfried Herder vorgetragene Argument war, daß im Rahmen der Forderung nach strenger Alternation das starre Metrum die Entfaltung des Geistes hemme.

     
Angriffsziel war vor allem der deutsche Alexandriner, der im Drama und auch in der Lyrik des Barock der vorherrschende Vers war. Er war eine Adaption des französischen Alexandriners, mit dem er die feste Silbenzahl und die Zäsur nach der sechsten Silbe gemeinsam hatte, von dem er sich aber durch die strenge Alternation unterschied. Dem Denken der Barockzeit war dieser Vers insofern entgegengekommen, als es seine, durch die Zäsur bedingte, «zweischenkligte Natur» ermöglichte, antithetische Gedankenführung darzustellen.
      Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden.
      Was itzt so pocht vndt trotzt ist morgen asch vnd bein.
      Nichts ist das ewig sey / kein ertz kein marmorstein. Jtz lacht das gluck vns an / bald donnern die beschwerden.
In dem Maße, wie die antithetische Struktur des barocken Weltbildes nicht mehr allgemein anerkannt wurde, wurde auch die regelmäßige Teilung der Verszeile in zwei Hälften eher als Starrheit und Zwang denn als sinnvolles Ausdrucksmittel empfunden. Vor allem gegen die bei der Verwendung des Alexandriners durch die Form erzwungene Struktur der Aussagenfügung stellte Breitinger die «Erfoderung der Rede»'i. Nicht die vorgegebene Form sollte Syntax und Gedankenführung, sondern umgekehrt sollte der Sinn dessen, was gesagt werden soll, die Form bestimmen. Unter diesem Axiom spielte Breitinger gegen die Alternation Verfahren aus, um deren Vermittlung schon Reformversuche vor Opitz bemüht gewesen waren: Er pries den Vorzug des Hexameters und empfahl für das Deutsche einen dem Französischen und Italienischen entsprechenden Vers. Sogar dem alten deutschen «kurtzen acht-sylbigen Vers, mit welchem sich unsre Voreltern vor Opitzs Zeiten be-hulfen», räumte er wegen «beständiger Abwechselung der Füsse» Musikalität und darum den Vorzug vor der Alternation ein.'

 Tags:
Opposition  gegen  Alternation    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com