Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundbegriffe der texterschließung

Index
» Grundbegriffe der texterschließung
» Opitzens prosodisch-metrische Lehre und ihr literarhistorischer Kontext

Opitzens prosodisch-metrische Lehre und ihr literarhistorischer Kontext



Bedeutet < gebundene Rede>, daß die Anordnung der Silben im Rahmen der Verszeile schematisch geregelt ist, dann ist es für die Verstheorie wie für die Praxis der Versproduktion ein zentrales Problem, ob bzw. in welchem Maße das sprachliche Material - die Wörter also und die Silben als deren kleinste Einheiten - das in einem Metrum vorgegebene Gliederungsprinzip tatsächlich realisieren kann.


      Grundlage für entsprechende Entscheidungen ist die jeweilige Pro-sodie einer Sprache, das heißt die Lehre von der Einteilung der Silben im Hinblick auf die Versifikation.
      Am Anfang der neuhochdeutschen Verstradition stehen die proso-dischen Entscheidungen von Martin Opitz . Entgegen anderen prosodischen Ãoberlegungen um 1600 legte Opitz fest, daß beim Bau von Versen allein die < natürliche Betonung > der Silben, das heißt der Wortakzent, zu berücksichtigen sei. Unter dieser prosodischen Voraussetzung schrieb Opitz in seinem «Buch von der Deutschen Poeterey» :
«Nachmals ist auch ein jeder verß entweder ein iambicus oder trochaicus; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse grosse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir aus den accenten vnnd dem thone erkennen/ welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzt soll werden.»
Mit seiner Aussage, daß «ein jeder verß entweder ein iambicus oder trochaicus » sei, setzte er die Forderung nach strenger Alternations: Auf jede Hebung muß eine Senkung folgen und umgekehrt. Bemerkenswert ist, daß Opitz bei diesem von der antiken Prosodie völlig verschiedenen Prinzip die antiken Termini für Versfüße beibehielt. Diese Bezeichnungen besagten bei ihm aber nichts anderes, als daß ein Vers mit unbetonter oder betonter Silbe beginnt und dann alternierend fortgeführt wird. Der letzte durfte nach Opitz bei Versen um eine Senkung ergänzt, bei < trochäischen > Versen um eine Senkung gekürzt werden.
      Opitzens Forderung nach streng alternierenden Versen zielte darauf, die bei Gebildeten allgemein für unzureichend gehaltene deutsche Verspraxis zu verbessern. Sie setzte sich ab von Reformversuchen, die an französischen oder antiken Vorbildern orientiert waren, stand aber auch im Gegensatz zu einheimischen Formtraditionen wie Volkslied,

Sprechdichtung im Knittelvers, Meistergesang und Kirchenchoral, die nach der hochentwickelten Formenvielfalt der deutschen Versliteratur um 1200 allein lebendig geblieben waren und von denen keine am Prinzip der strengen Alternation orientiert war. Für das Volkslied, anonym entstanden und vorwiegend mündlich tradiert, galt weitgehend das Prinzip der Füllungsfreiheit bei festgelegter Zahl von Hebungen. Die Zeilen konnten vier- oder dreihebig sein.
      « Es jagt ein Jäger wol gemüt / er jagt auß frischem freyen müt / wol vnter ein grüne Linden / er jagt derselben thierlein also vil / mit seynen schnellen winden.
      Er jagt vber berg vnd tieffe thäl /vnder ein Stauden vnd vberäl /seyn hörnleyn thet er blasen /
Sein lieb vnder eyner Stauden saß /thet auff den Jäger losen.»
Die Füllungsfreiheit bedeutete ein hohes Maß an Variabilität in der Gestaltung der Verszeile; sie konnte aber auch den Eindruck von Regellosigkeit und Holprigkeit erwecken.
      Der übliche Vers der Sprechdichtung des 16. Jahrhunderts war der Knittelvers, der in der Form des < freien Knittels> freie Zahl der Silben und Endreim hatte, in der Form des < strengen Knittels> acht- oder neunsilbig war - mit einer Tendenz zur regelmäßigen Abfolge von betonten und unbetonten Silben.
      Die musikalischem Vortrag dienenden Verse des Meistergesangs und großenteils auch die des Kirchenchorals waren durch die Zahl ihrer Silben bestimmt. Trotz der damit gegebenen Regelmäßigkeit waren sie ebenfalls nicht nach dem Prinzip der strengen Alternation gebaut.
      Die Opitzische Reform zeigte einerseits deutlich synkretistische Züge, da sie in ihre Bestimmungen Elemente der verschiedenen Verstraditionen aufnahm: die Begriffe der Versfüße entstammten der antiken Tradition; Vers- und Gedichtformen wurden aus dem Romanischen übernommen; daß die Verse durch Hebungen strukturiert wurden, entsprach der germanischen Verstradition.
      Andererseits waren die Vorschriften Opitzens jedochrestriktiv. Sie unterwarfen die aus dem Romanischen übernommenen Formen dem strengen Alternationsprinzip. Was sich ihm nicht fügte, wurde aus dem Kanon des normativ Zugelassenen ausgeschlossen, da es einen «übelen klang» habe.
     

 Tags:
Opitzens  prosodisch-metrische  Lehre  ihr  literarhistorischer  Kontext    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com