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Motive und Themen: deutsche und amerikanische Forschungen



Ein die Bildelemente und den metaphorischen Gebrauch, die stoffliche, die situative und die strukturelle Funktion sowie die Verknüpfung von Figuren und Themen organisierendes Motivkonzept legen Horst S. und Ingrid Daemmrich ihrer lexikalischen Erschließung der «Themen und Motive in der Literatur» zugrunde. Sie bezeichnen Motive als « Grundformen des Denkens » und Themen als « Grundbausteine eines Textes», die sowohl die formale als auch die gehaltliche Komponente literarischer Werke erfassen. Besonders aufschlußreich sind deshalb so weitgespannte Motivartikel wie «Ehre», «Herz», «Rache», «Traum» und «Utopia» oder thematische Stichwörter wie «Angst», «Anpassung», «Begrenzung-Freiheit», «Liebe» und «Selbstverwirklichung». Daemmrichs wollen die Analyse formaler und rhetorischer Elemente mit den im literarischen Text zugrunde liegenden Problemen und Ideen synthetisch verbinden. Ihre Konzeption von Motiv und Thema versucht also, die einengende Konkretisierung von Stoffen durch eine mythologische Figur oder ein nur struktural festgelegtes Motiv aufzubrechen. Diese methodische Ã-ffnung kommt dem Bedürfnis nach einer die Bedeutung der Motive im Kontext erschließenden Themenforschung entgegen.

      Im anglo-amerikanischen Sprachbereich bezeichnet «theme» den Stoff. Gleichwohl beobachtet Francois Jost in der Einleitung zu Jean-Charles Seigneurets neuestem «Dictionary of Literary Themes and Motifs» , daß oft der eine Artikelbearbeiter «motif» nennt, was der nächste mit «theme» bezeichnet. Die terminologischen Interferenzen werden jedoch verständlich, weil dieses Handbuch nur Artikel über Motive, z.B. «Arcadia», «Liebestod», «Pact with the Devil», oder über Typen, z.B. «Comic Hero», «Fool», «Leader», und über thematische Konzepte, z.B. «Death and the Individual», «Rebellion», «Time», aber keine Artikel über Stoffe im Sinne traditioneller mythischer oder historischer Figuren enthält. Seigneurets «Dictionary» offenbart im weitesten Rahmen, was Daemmrichs Handbuch spezifisch zu begründen versucht, nämlich die allgemeine Tendenz zur thematologischen Begriffserweiterung.
      Unabhängige Bestätigungen dafür liefern einige jüngst erschienene Studien, die ohne Bezugnahme auf die kritische Tradition der Stoff-, Motiv- und Themengeschichte und ihr Begriffsbesteck auskommen. Sie befassen sich mit Figuren- und Raummotiven, die bestimmte so-ziokulturelle Epochenphänomene literarisch gestalten. Zwei weitgehend parallele, aber voneinander unabhängige Arbeiten von Eckhardt Köhn und Rüdiger Severin behandeln den Typ des Flaneurs. Dabei akzentuiert Köhn stärker den sozialgeschichtlichen Aspekt der modernen Metropolen, während Severin diesen Figurentyp auch in großstadtferneren Erzählzusammenhängen nachzuweisen sucht. Die gleiche Großstadtluft atmet der Typus des Dandy, dem Hiltrud Gnüg nachforscht.

     
   Zwei weitere, methodisch sehr verschiedene Arbeiten untersuchen die Darstellungen der menschlichen Behausung. Hans Bänziger wählt aus der deutschen Literatur die Beispielfälle für «Burg und Schloß», für «Haus und Villa», für «Bau und Wohnhöhle» aus und beurteilt die literarischen Gestaltungen mit bewußtem Seitenblick auf die architektonischen und urbanistischen Aspekte, auf die reale oder auch als Symbol aufgefaßte Außenwelt.l Dagegen konzentriert sich Claudia Becker auf «Zimmer-Texte», «die für die zunehmende Metaphorisie-rung des Rückzugsraumes in der Literatur der Moderne bestimmend sind»/ Der Rückzug auf die Innerlichkeit im Bild des Innenraums, der bei Bänziger am Ende einer historischen < Regression > steht, bildet für Becker den Einstieg in das «Zimmer als Seelenlandschaft» und als «Bewußtseinsraum» bis hin zur ästhetischen Konstituierung des Interieurs der Intellektuellen.
     

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Motive  Themen:  deutsche  amerikanische  Forschungen    





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