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Lyrische Symbolik



Wir hatten das Bild, das die Ebene der Denotation in beiden Gedichten jeweils entfaltet, in einem früheren Zusammenhang als imaginäre Evokation bezeichnet. Solche Evokationen sind für große Teile der Lyrik charakteristisch, ob es sich nun um intensiv aufgefaßte Landschaften handelt oder um faszinierende Details oder nostalgische Erinnerungen. Im Gedicht «Zwei Segel» erschien die imaginäre Evokation recht deutlich überbaut durch Konnotationen . Bei relativ kohärenten Konnotationen, die an relativ kohärente Bilder geknüpft sind, können wir von Symbolen sprechen.

      Auch bei Brecht legt der auffällige Chiasmus der zweiten Gedichthälfte mit seinen eigenartigen Wiederholungen die Annahme konnotierter Nebenbedeutungen nahe. Die beiden Sportler sprechen miteinander und rudern gleichzeitig. Ãoblicherweise rudert man schweigend, da alle Anspannung auf die körperliche Anstrengung konzentriert ist. Dieser Erwartung gegenüber konnotiert das Sprechen der beiden Männer einen Gegensatz zur körperlichen Tätigkeit, also eine semantische Akzentuierung geistiger Anstrengung. Nun laufen aber Rudern und Sprechen bei Brecht synchron, ebenso wie die beiden jungen Nackten nicht um die Wette rudern, sondern «nebeneinander» koordiniert fortschreiten. Man könnte darin eine Symbolisierung bekannter marxistischer Theoreme wie < Einheit von Theorie und Praxis > und < solidarischer FortschritT) sehen.
      Werden an ein < Bild > - über den Mechanismus der Konnotation -eine oder mehrere Zusatzbedeutungen angeknüpft, so sprechen wir von einem literarischen Symbol im engeren Sinn. Systematisch gesehen bestehen Symbole aus analogen Entsprechungen zwischen einer Reihe von Elementen des denotierten Bildes und entsprechenden Elementen konnotativer Bedeutungen .
      In Anlehnung an die barocke Emblematik ließe sich die Bildebene von Symbolen allgemein als Fictura und die Bedeutungsebene allgemein als Subscriptio bezeichnen.
      Wir können abschließend folgende These formulieren: Ein großer Teil der Lyrik im engeren, hier analysierten Sinn tendiert zur Symbolik, weil die überstrukturierte Form der Sangbarkeit/Tanzbarkeit das


Prinzip der Mehrstimmigkeit für alle , also gerade auch für die semantischen < Ebenen > nahelegt und weil die Kürze der lyrischen Formen die vertikalen Dimensionen der Sprache gegenüber den horizontalen favorisiert.
      Es ging in unserer Darstellung in erster Linie darum, strukturelle Bedingungen und Möglichkeiten lyrischer Texte allgemein zu kennzeichnen. Eine solche Betrachtungsart steht keineswegs im Gegensatz zu einer historischen Betrachtung, sondern bildet umgekehrt gerade deren Voraussetzung. So wird eine Geschichte der Lyrik auf jeden Fall nach den jeweiligen musikalischen und tänzerischen Kontexten fragen und die jeweiligen konkreten Typen von Uberstrukturiertheit mit solchen Kontexten in Beziehung setzen. Die strukturellen Faktoren bilden darüber hinaus ein Reservoir von Möglichkeiten, aus denen einzelne historische Konkretionen sozusagen ausgewählt haben. Die Gesetzmäßigkeiten einer solchen historischen Auswahl können hier nicht weiter dargestellt werden.
      Grob gesagt, spielen dabei sowohl externe, d. h. übergreifend kulturelle, etwa religiöse, politische, ideologische als auch interne, immanent-literarische Tendenzen wie die von den russischen Formalisten beschriebene Entautomatisierung und Verfremdung der Formen eine Rolle. Letztere wirkt allerdings unbeschränkt nur in Kulturen, dieidentische Wiederholung als langweilig auffassen und die Innovationen mit Lust verbinden, wie die europäischen Kulturen der Neuzeit. In diesen Kulturen können wir gerade in der Lyrik einen Trend zur ständigen Ãoberbietung, z. B. einen Trend zur ständigen Ausdehnung der Mehrstimmigkeit, d. h. der Semantisierung der Signifikantenebenen und zur Multiplikation der Konnotationsebenen beobachten, der im Symbolismus - Conrad Ferdinand Meyer kann als des Symbolismus aufgefaßt werden - einen ersten Höhepunkt erreichte.
      Eine Entwicklungstendenz wirkt jedoch niemals allein determinierend, weil sie stets mit externen Entwicklungsfaktoren in-teragiert, zu deren wichtigsten in der europäischen Lyrik der Neuzeit die Tendenz zur Individualisierung, Subjektivierung und Verinner-lichung gehört. Die entsprechende Hoch-Wertung von Individualität/Subjektivität gilt für die Kultur allgemein; sie führte folgerichtig zu einer Hochwertung der Literatur allgemein und insbesondere der Lyrik.
     

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