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Lyrik vs. Narrativik



Im Laufe unserer Annäherung an lyrische Strukturen ist bisher eine komplexe, im weiteren noch genauer zu analysierende Eigenschaft mit einer scheinbar sehr banalen kombiniert worden. In aller Regel sind Lieder/Gedichte kurz, Erzählungen/ Dramen/Filmszenarien usw. jedoch erheblich länger. Dieser quantitative Unterschied hängt mit einem entscheidenden strukturellen zusammen : mit dem zwischen narrativen und nicht-narrativen Texten.

      Unter einem narrativen Text verstehen wir einen Text, der sich auf eine Geschichte gründet. Geschichte soll in folgendem eingeschränkten Sinne verstanden werden:i. Sie ist auf der Basis einer Konfiguration konstituiert;z. sie läßt sich nach dem Verfahren von < vorher-nachher > idealiter in eine lineare Serie zeitlicher Sukzession einordnen;
3. sie läßt sich aus einem darstellenden Medium in ein anderes übertragen.
      Zur Geschichte gehört demnach alles, was in und um eine Konfiguration in einem Text passiert, und zwar in idealiter chronologischer Abfolge. In einem konkreten Text kann die Darstellung allerdings anders verlaufen als die zugrundeliegende Geschichte, z. B. dadurch, daß mit dem Ende angefangen und die Geschichte Stück um Stück aufgedeckt wird , oder auch durch andere Anachronien , z. B. die sogenannte Rückblendentechnik.
      Wir vertreten im folgenden die These, daß zumindest ein großer Teil, sozusagen ein Mainstream lyrischer Texte, den wir für strukturtypisch halten, zu nicht-narrativen Formen tendiert. Kürze spielt dabei zwar auch eine Rolle, ist aber nicht notwendigerweise damit kombiniert. Denn selbstverständlich gibt es auch sehr kurze narrative

Texte, etwa das berühmte Diktum Cäsars «Ich kam, ich sah, ich siegte». Die Konfiguration besteht hier, da es sich um den Bericht über eine Schlacht handelt, aus Cäsar und seinen Feinden. Der zeitliche Ablauf ist prägnant auf drei Ereignisse reduziert.
      Als Basis der weiteren Ãoberlegungen zur Struktur nicht-narrativer, lyrischer Texte sollen die folgenden zwei Beispiele dienen:
Zwei Segel
Zwei Segel erhellend Die tiefblaue Bucht! Zwei Segel sich schwellend Zu ruhiger Flucht!
Wie eins in den Winden Sich wölbt und bewegt, Wird auch das Empfinden Des andern erregt.
      Begehrt eins zu hasten, Das andre geht schnell, Verlangt eins zu rasten, Ruht auch sein Gesell.
     

Rudern, Gespräche
Es ist Abend. Vorbei gleiten

Zwei Faltboote, darinnen
Zwei nackte junge Männer: Nebeneinander rudernd

Sprechen sie. Sprechend
Rudern sie nebeneinander.

     
Es handelt sich um zwei Beispiele nicht-narrativer Textkonstitution. Angenommen, wir würden in den beiden Gedichten in einem Experiment Zeilen oder Strophen vertauschen, so wäre der Text in seiner fundamentalsten Struktur erschüttert. Dies trifft jedoch nicht zu auf die Anachronie in narrativen Texten. Dort gilt für alle Elemente der Geschichte das Prinzip einer irreversiblen Ordnung nach dem Prinzip . «Ich siegte, ich sah, ich kam» schließt in seiner
Verkehrung die richtige Ordnung in sich. Das gilt auch für narrative Balladen, die insofern zu den poetisch-narrativen, nicht aber zu den lyrischen Texten in einem struktural definierten Sinn rechnen.
      Auch in «Zwei Segel» gibt es einzelne Ereignisse und Vorgänge; doch ein irreversibles Nacheinander von Interaktionen bzw. Prozessen um eine Konfiguration herum existiert nicht. Die Ereignisse aller drei Strophen erscheinen gleichzeitig, oder besser: außerzeitlich. Würden wir das Gedicht ins Narrative umschreiben: « Es waren einmal zwei Segel, die erhellten eine tiefblaue Bucht...», so wäre augenblicklich eine ganz andere, balladeske Textsorte konstituiert.
      Kann man also bei Märchen, Erzählungen, Romanen, Filmen usw. die Ordnung der Geschichte prinzipiell wiederherstellen, auch wenn sie durch Rückblendentechnik verwirrt ist, so stellt sich diese Fragestellung bei lyrisch konstituierten Texten als sinnlos heraus. Deren Einheit wird, wie unsere Beispielgedichte zeigen, offensichtlich anders hergestellt als durch eine Geschichte. Der Gleichzeitigkeit, Punktualität bzw. Außer-zeitlichkeit ihrer Elemente entspricht die Einheit eines , mit anderen Worten: einer imaginären Evokation.
      Nach diesen Prämissen müßte in nicht-narrativen Texten eine Konfiguration fehlen. Das klingt nicht ohne weiteres plausibel: Kommen nicht in dem Gedicht von Brecht zwei Ruderer vor ? Bei näherem Hinsehen sind sie aber nicht die Träger einer Geschichte, sie scheinen eher Elemente eines punktuellen Bildes, eben einer imaginären Evokation zu sein. Ein weiterer Einwand bietet sich an: Angenommen, in beiden Gedichten käme ein sog. lyrisches Ich vor. «Zwei Segel» könnte ja eine vierte Strophe enthalten, in der es sinngemäß hieße: «aber ich so allein!» - und in dem Brecht-Gedicht könnte noch ein «sehe ich» stehen. Unsere These lautet: Auch das lyrische Ich ist keine Figur. Figuren zeichnen sich dadurch aus, daß sie innerhalb einer Personenkonstellation eine bestimmte, unverwechselbare Position einnehmen. Das lyrische Ich ist in diesem Sinn keine Figur.
     

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Lyrik  vs.  Narrativik    





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