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Literarische bzw. poetische Texte



Lange Zeit hat die Literatursemiotik versucht, eindeutige Kriterien für die sog. Literarizität bzw. Poetizität von Texten herauszufinden. Man wollte also immanent, aus dem Text selbst heraus feststellen können, ob es sich um einen < literarischen > oder < nichtliterarischen > Text handle. Dieser Ansatz war grundsätzlich verfehlt, weil die Vorstellungen von < Poesie > nach Kulturen und Zeiten äußerst stark schwanken. < Literatur > in unserem heutigen Verständnis hat es in der längsten Zeit der Geschichte und in der Mehrzahl der Kulturen nie gegeben. Hafis wurde in seiner Kultur zwar als < poetisch > betrachtet, wobei die Vor-


Stellung von Poesie aber sicherlich etwa von der Goetheschen sehr verschieden war, die Vokabel < literariscH) wäre aber für Hafis völlig fehl am Platz gewesen. Literatur konnte erst in der europäischen Neuzeit dadurch entstehen, daß Poesie sich aus ihrer mittelalterlichen Symbiose mit Religion endgültig löste. Historisch gesehen gehört die Bestimmung von und also in die Geschichte kulturell verschiedener Formen der Institutionalisierung bestimmter Diskurse.
      Dennoch läßt sich sagen, daß der weitaus größte Teil der zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturen als poetisch betrachteten Texte eine Reihe von Strukturmerkmalen teilt. Im wesentlichen handelt es sich um die folgenden vier Merkmale: Autofunktionalität, Verfremdung, Vorherrschen der Konnotation, Vorherrschen der Symbolik.
      • Autofunktionalität: Darunter versteht die Semiotik mit Roman Jakobson «die Einstellung auf die Nachricht als solche, die Zentrierung auf die Nachricht um ihrer selbst willen»4. Damit ist gemeint, daß nicht die sog. pragmatischen Faktoren der Sprache strukturell vorherrschen, sondern die Form der Sprache selbst. Bei einer Verkehrsampel z. B. geht es nicht um ihre etwa besondere Form, sondern einzig um ihre jeweilige Bedeutung , die in pragmatisches Verhalten umgesetzt wird . Die Nachricht wird also in ihre Bedeutung und dann in eine Handlung aufgelöst, auf die es allein ankommt. Stellen wir uns nun vor, Ampeln hätten verschiedene phantastische Formen, deren jeweilige Schönheit es zu bewundern gälte. Dann hätten wir es mit jener auf die Nachricht und ihre Form selber Einstellung zu tun, die Jakobson «poetisch» nannte und die wir als autofunktional bezeichnen wollen. Als Beispiel können folgende Verse aus dem ersten Goethe-Gedicht dienen: «Und haben, die Wortgelehrten, / Den Wert des Worts nicht erkannt.» Wäre die entsprechende Aussage etwa rein philologisch-kritisch, sozusagen wissenschaftlich gemeint, so könnte sie etwa lauten: Form der Konnotation auch dann, wenn nur ein Element der Subscriptio denotiert ist . Goethe nannte diese Form des Symbols auch « offenbares Geheimnis »: « Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeinere repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen.» Er spielte diesen Symboltyp gegen die Allegorie aus, worunter er eine eher willkürliche Zuordnung von Konnotaten zu Denotaten verstand. Er wirft den islamischen Kommentatoren also eine « allegorische » Lektüre des Hafis vor , die er als « unlautern Wein » symbolisiert
- im Gegensatz zum «reinen Wein» des Goetheschen Symbols. Schon Walter Benjamin hat die Allegorie gegen Goethe rehabilitiert
- und aus semiotischer Sicht läßt sich sagen, daß es historisch und kul-turell verschiedenste Spielarten der Symbolik gibt . Semiotisch gesehen ist die Grundstruktur dabei stets ähnlich: Einer oder mehreren Picturae werden eine oder mehrere Subscriptiones nach verschiedenen möglichen Abbildungs- und Verweisstrukturen zugeordnet. Es werden also mehrere Isotopien semantisch integriert - mit dem Resultat einer polyisotopen Rede.
      Aus semiotischer Sicht ließe sich also < literarische > Rede insgesamt am ehesten als eine Redeweise mit Tendenz zu polyisotopen Formulierungen bestimmen. Wie schon gesagt, muß aber als entscheidendes historisches Kriterium die kulturspezifische Institutionalisierung hinzukommen.
     

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