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Hermeneutik und Semiotik



Unter Hermeneutik verstehen wir die Lehre vom Verstehen der Texte, es ließe sich auch sagen: die «Kunst der Interpretation» . Die verschiedenen erwähnten Möglichkeiten, Hafis zu lesen , aber auch unsere eigene Entschlüsselung des Fächer-Symbols wären Fälle hermeneutischer Tätigkeit. Nun würden traditionelle Goethe-Philologen gegen die semiotische Symbolanalyse sicherlich einwenden, daß sie nicht genug greife, an der bleibe usw. In der Tat gilt es hier, Mißverständnisse nach Möglichkeit zu vermeiden; denn die semiotische Analyse ist mit dem Aufweis der Analogiestruktur des Symbols keineswegs abgeschlossen.

      Die Pictura im Gedicht «Wink» evoziert eine biedermeierliche, Eigenschaften ausgestattet, die in dualistischer Manier der Pictura und der Ebene der Denotation vorenthalten werden. In dem schönen Bild vom Fächer und vom Auge liegt der Dualismus von Vordergrund vs. Hintergrund, Oberfläche vs. Tiefe, Ausdruck vs. Seele, der manche hermeneutischen Darstellungen durchzieht. Demgegenüber würde eine semiotische Sicht die funktionale und wesensmäßige Einheit, radikal durchdacht die durchgängige Materialität beider Ebenen der Zeichen hervorheben. Auf der Zeichenebene entspricht dem durch die «Stäbe» sichtbaren «Auge» ein denotatives Signal , auf das eine Konnotation errichtet werden kann. Ein solches denotatives Signal ist mit dem übrigen Text wesenhaft völlig gleich. Das «mystisch Reine », um das es Goethe geht, ist also das « Geheimnis » des Erratens der Konnotation durch den Rezipienten/die Rezipientin . Mittels analoger Sprachkreativität können sich also spontan zwei analoge Subjektivitäten formieren, sich ineinander wiedererkennen und spiegeln. All das, bis hin zu der vielleicht unaussprechlichen damit verbundenen Lust, sind Effekte der semiotischen Signifikation. Goethe verehrte diese Effekte als «religiös», weshalb er das «mystische» Vokabular von Offenbarungsreligionen auf das Funktionieren der Symbolstruktur anwendete. Einige Spielarten der traditionellen Hermeneutik würden diese Goethesche Haltung lediglich wiederholen, applizieren, beschwören wollen, während die semiotische Analyse diese Haltung selbst auch noch in die struktural-funktionale Analyse einbezieht.
      Erst eine solche Analyse erlaubt nun auch eine plausible Antwort auf die Frage, ob die Integration zwischen biedermeierlicher Galanterie und Poetologie im «Divan» lediglich als < allegorischer > Gewalt-streich gelten muß. In den Zeichen der galanten Kultur des Biedermeiers kann als semiotischer Effekt der Subjekteffekt zünden - so wie in den sprachlichen Zeichen des Symbols der Subjekteffekt Verstehen >. Indem Goethe und Marianne Gedichte zusammen mit anderen Biedermeier-Utensilien wie Fächern austauschten, integrierten sie beides und schufen sich dadurch eine Einheit von sprachlicher und nicht-sprachlicher Semiose.
     

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Hermeneutik  Semiotik    





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