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Grundbegriffe der texterschließung

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Grundbegriffe der Rhetorik



Das klassische rhetorische Texterstellungsmodell gliedert sich in fünf Bearbeitungsstadien der Rede. Die «inventio» enthält Regeln über das standardisierte Suchen und Finden von geeigneten Gedanken, Argumenten, Tatsachen, Exempeln etc. zur Bewältigung eines zu erörternden Themas hinsichtlich der angestrebten Wirkung. Die To-pik, systematisiertes Reservoir von Fundorten der Beweise, dient dabei als heuristisches Mittel. Das Abfragen der «topoi » erleichtert das Aufspüren einer angebrachten Beweisführung zur Person oder Sache. Fragen etwa nach dem Wer, Was, Wo, Womit, Warum, Wie und Wann einer Begebenheit vermögen die beabsichtigte Argumentation zu strukturieren. Dem Stadium der Stoffsammlung schließt sich die «dispositio», die Lehre der wirksamen Gliederung des Materials nach verschiedenen Ordnungsschemata, an. Denn der mittels der Suchformeln der «topoi» ausfindig gemachte Stoff muß der persuasiven Strategie zweckgerecht angepaßt werden. Das geschieht mit Hilfe detaillierter Anweisungen, die z. B. die vorteilhafte Plazierung der Beweise im Gang der Argumentation regeln.

      Grundsätzlich sind zwei Ordnungsprinzipien verfügbar: die natürliche und die künstliche Disposition. Während das erste Ordnungssystem eine natürliche Ordnung der Dinge in räumlicher, zeitlicher und logischer Hinsicht voraussetzt, weicht das zweite absichtlich von der von der Natur vorgegebenen Reihenfolge der Ereignisse und der Kausalität ab, um den

Adressaten zu überreden. Die Strukturierung des Materials kann u. a. - wie in der Aufsatzlehre - in einer dreigliedrigen Anordnung münden. Es folgt die «elocutio», die Kunst der überzeugenden und ästhetisch befriedigenden sprachlichen Formulierung der in der «inventio » gefundenen und in der « dispositio » sortierten Gedanken. Hier fällt meist dem Redeschmuck eine wichtige Rolle zu. Den fertigen Text eignet sich der Redner durch Einprägen im Gedächtnis an. In dieser Phase der « memoria » werden mnemotechnische Ãobungen gelehrt. Die « actio » bzw. « pronuntiatio » rundet das Quintett ab. Sie umfaßt Instruktionen, die die Stimmführung, Mimik, Gestik und Körperhaltung mit dem vorzutragenden Text in Einklang bringen und zu einem gewinnenden öffentlichen Auftreten befähigen.
      Im Mittelpunkt des Modells steht die Stufe der «elocutio». Zu ihr gehört die Theorie von der Angemessenheit des sprachlichen Ausdrucks etwa in bezug auf den Gegenstand und den Zweck der Rede, den Sprecher, die je zu berücksichtigende temporäre und lokale Situation und die psychische Disposition des Adressaten. Im Idealfall harmonieren alle eingesetzten Strategien mit dem Ziel des Redners. Das «aptum» reguliert ebenso die Stimmigkeit der verwendeten Mittel untereinander. Darüber hinaus hat ein Verfasser für die Sprachkorrektheit und die Deutlichkeit Sorge zu tragen. Gleichfalls im Bereich der «elocutio» ist die Dreistillehre angesiedelt. Gewöhnlich wird bei den « genera dicendi» unterschieden in einen niederen , mittleren und gehobenen Stil . Das «genus humile» ist einfach, belehrend-informativ, relativ schmucklos und bewegt sich auf dem Niveau der Alltagssprache. Das « genus medium » nutzt mehr Schmuckmittel und hat einen eher unterhaltenden Charakter. Das «genus grande» prunkt mit reichem Dekor eines erhabenen Sprachgestus. Mit ihm wendet sich der Redner an ein Publikum, welches er durch einen leidenschaftlichen Vortrag erregen möchte. Die Wahl des passenden Stils hängt ab von der Intention des Deklamierenden, dem sozialen Status des Rede-Verfassers wie der Zuhörer und der zu behandelnden Sache. Eine Mischung der Stilebenen ist möglich.
      Traditionell sind zunächst drei Redegattungen zu differenzieren. Zu der Trias zählen das «genus iudiciale», «genus deliberativum» und « genus demonstrativum ». Im Lauf der Geschichte splitterte sich das aristotelische Dreierschema in eine Fülle von Redegattungen auf. Als Dreiheit erscheinen bei Aristoteles auch die Beeinflussungsebenen, diemeist im Zusammenhang mit dem Trio der Stillehre genannt werden. Das «genus humile» zielt auf Belehrung , das «genus medium » auf unterhaltsame Darstellung und das « genus grande» auf die heftige Bewegung der Emotionen . Während der niedere Stil mehr das Gebiet nüchtern-rationaler Ãoberzeugung ist, konzentrieren sich die beiden anderen Stile auf das Ansprechen der Affekte, um das Publikum zur Zustimmung zu leiten.1' Schon früh entwickelte sich eine Affektenlehre, die den psychologischen Konditionen emotionaler Einwirkung mittels Sprache systematisch nachging. Nur ein Durchschauen der psychischen Konstitution der Zuhörer verspricht dem Redner Erfolg. So ist es doch seine wichtigste Aufgabe, die Affekte der Adressaten zu erreichen und für seine Interessen zu nutzen. Allein darin liegt die Funktion des Einsatzes von rhetorischen Figuren, den Vehikeln bestimmter affektappellierender und aktivierender Eigenschaften, keinesfalls in der lediglich formalistischen Motivationen oder einem Selbstzweck folgenden Verzierung von ästhetisch befriedigenden Texten. Zur Weckung angenehmer Gefühle beim Rezi-pienten ist eine moderate Affektstufe dienlich, zur Erzeugung von Ergriffenheit eine heftige . Die jeweils zugehörigen Stillagen sind das «genus medium» und das «genus grande».
      Für die Produktion wie Interpretation von Texten ist die Kenntnis der Topik, der Lehre von den Fundorten, belangvoll. Sie beherbergt eine Vielzahl systematisierter bewährter Abrufschemata, die der Redner bemüht, um sie für den jeweiligen Redegegenstand und das Argumentationsziel zu verwerten. Die «Findekunst» ist im Stadium der «inventio» behilflich, auf den geeigneten Gedanken zu kommen. Ãoblicherweise werden Fundstätten « a persona » und aus den Sachen resultierende auseinandergehalten. Das Finden der entsprechenden Gedanken bleibt also nicht dem Zufall überlassen, sondern geschieht durch gezieltes Abfragen. «Locus» oder «topos» meint demnach die Methode zur Auffindung eines Arguments.
      Dem Toposbegriff steht eine bereits in der Antike geläufige Auffassung gegenüber, nach der die «topoi» die Gedanken bzw. Argumente und feststehenden Redewendungen samt deren inhaltlicher Füllung selbst sind. Sie wurden in Sammlungen überliefert, so daß die Voraussetzung für ein bequemes Nachschlagen geschaffen war. Die von Curtius für die Literaturwissenschaft inaugurierte «historische Topik » fußt auf diesem Verständnis des «topos »- Die Topik geriet von einem Instrument der Textproduktion zu einem Verfahren der Textinterpretation. In Verkennung der ursprünglichen Begriffsbedeutungwurde im Entwurf Curtius', der sich schnell in den modernen Philologien durchsetzte, aus der rhetorischen Kategorie eine Art literarisches Klischee, ein Denk- und Ausdrucksschema bzw. ein montierbares Versatzstück. Die Einschätzung der «topoi» als Archetypen europäischer Literatur, als historisch-systematisch zu untersuchende Formeln, stereotype Wendungen, Motive, Bilder, Zitate, Sentenzen, Themen etc. leistete einer Begriffsexpansion und damit dem anhaltenden Verlust ohnehin mangelnder definitorischer Schärfe Vorschub.
      Die Teile der «oratio» werden herkömmlicherweise als Quartett begriffen. In der Einleitung wird versucht, die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen des Publikums zu erlangen. Die «narratio» bringt die Darstellung des Sachverhalts. In der «argumen-tatio » wird die Beweisführung und Begründung bzw. die Widerlegung des gegnerischen Standpunktes vorgenommen. Der Redeschluß faßt das Gebotene zusammen und hebt nochmals nachdrücklich auf die Affekte ab. Eine jeweilige Feindifferenzierung der Sektoren ist durchführbar.
      Den umfangreichsten Part vieler Rhetorik-Lehrbücher nimmt innerhalb der «elocutio» der Redeschmuck ein. Man kann zunächst Figuren und Tropen unterscheiden, wobei die Abgrenzung in den Redelehren strittig und keineswegs stringent ist. Die Figuren bezeichnen die vom normalen Sprachgebrauch abweichenden Besonderheiten ohne grundsätzliche Veränderung des eigentlich Gemeinten. Der Schmuck vermag sich in einzelnen Wörtern und in Wortverbindungen zu zeigen. Tropen sind übertragene, uneigentliche sprachliche Ausdrücke, die das Gemeinte nicht direkt artikulieren. In diese Sparte fallen z. B. Synonyme, Umschreibungen, Hyperbeln, Metaphern und Allegorien. Die Tropen sind auf die Bedeutung der Wörter, nicht auf syntaktische Konstruktionen zu beziehen. Bei den Wortverbindungen ist zu rubrizieren in Wort- und Gedankenfiguren. Prinzipiell können Wortfiguren durch Addition , Elimination und Permutation gebildet werden. Die Gedankenfiguren strukturieren den Gedankengang. Denkbar ist eine Einteilung aufgrund des Kriteriums einer abweichenden Syntax . Daneben gibt es durch Sinnverdeutlichung oder Sinnaussparung geformte Gedankenfiguren und durch Erweiterung der Rede gestaltete . Die Kunst der Wortfügung beinhaltet u. a. Anweisungen zur Anordnung der Wörter, zum Rhythmus, zur Melodie und Metrik des Vortrags.
     

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