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Grundbegriffe der texterschließung

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Erzählen



Vornehmster Gegenstand der literaturwissenschaftlichen Erzählforschung ist gegenwärtig die artifizielle, offene und rätselhafte Prosa der literarischen Moderne von Joyce bis zu Pynchon, die zur Erprobung unterschiedlichster Verfahren - psychoanalytischer, semiotischer, dekonstruktivistischer etc. - herausfordert. Ergänzt wird diese werkanalytische Forschung durch Arbeitsbereiche, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg neu erschlossen wurden: die Untersuchung der Bauformen des Erzählens, der Geschichte epischer Gattungen und Genres , der massenhaft verbreiteten Unterhaltungsliteratur und der Geschichte der Romantheorie und -kritik.

      Es scheint, als hätte die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausufernde Erzählforschung keinen Gegenstand ausgelassen, und doch hat sie in ihrem Blickfeld einen gelben Fleck. Nicht gesehen wird erstaunlicherweise das Erzählen selbst, genauer das Erzählen als alltägliche kommunikative Handlung: am Familientisch und auf dem Pausenhof, vor Gericht und in der Sozialberatung, das Erzählen von erlebten Geschichten und von Witzen. Es blieb Linguisten, Psychologen und Soziologen vorbehalten, die allgegenwärtige Welt alltäglichen Erzählens zuallererst zu entdecken und zu erschließen.
      Literaturwissenschaftler haben diese Diskussionen und Forschungsergebnisse bislang nur vereinzelt wahrgenommen. Offenbar ist für sie die Differenz zwischen einem Erlebnisbericht über eine unfreiwillig verzögerte Heimkehr und der «Odyssee» oder dem «Ulysses» zugroß, um wechselseitig erhellende Vergleiche zu ziehen. Zu wenig einladend sind vermutlich auch die narratologischen Stammbaum-Schemata und terminologischen Konstrukte der Linguisten und Psychologen. Umgekehrt ist offenkundig, daß die linguistische, psychologische und soziologische Erzählforschung sich bislang weitgehend auf die Untersuchung von Alltagserzählungen beschränkt hat. Der Dialog zwischen beiden Ansätzen der Erzählforschung ist noch kaum entwik-kelt. Dabei wären viele grundlegende Fragen zu klären, von denen drei für die folgende Ãobersicht leitend sind: Was sind die signifikanten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen alltäglichem und literarischem Erzählen ? Mit welchen erzählanalytischen Begriffen und Begriffssystemen kann erfolgreich gearbeitet werden? Was leistet die Analyse alltäglichen Erzählens für die Erkenntnis literarischen Erzählens und umgekehrt ?

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