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Grundbegriffe der texterschließung

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Ebenen der Kommunikation



Die Vermittlung von Bedeutung vollzieht sich im Theater auf drei sich überlagernden Kommunikationsebenen, deren gemeinsamer Bezugspunkt die dargestellte Geschichte ist2: einer dramatischen , einer theatralischen und einer lebensweltlichen Ebene .
      Diese kommunikativen Verhältnisse lassen sich durch eine Szene aus «Macbeth» verdeutlichen. Zwei Schauspieler stehen auf der

Bühne. Sie verkörpern Macbeth . In ihrem Dialog entfaltet sich die zu zeigende Geschichte, charakterisieren sich die Figuren, entwik-kelt sich die Handlung. Und doch ist bereits dieser Inhalt nicht völlig gewiß. Der zitierte dramatische Text der Lady Macbeth endet mit einem Ausrufezeichen, das «Folio» von 1623, einzige überlieferte Textfassung des «Macbeth» aus der Shakespeare-Zeit, verzeichnet hingegen ein Fragezeichen. Bei der Umsetzung in theatralisches Spiel läßt sich die Replik der Lady Macbeth mithin mehrfach interpretieren: als schicksalergebenes Sichfügen oder als selbstbewußtes Aufbegehren . Davon können aber die Produzenten der Aufführung nur eine Version wählen.
      In der Kommunikation zwischen Schauspielern und Publikum , die nicht reziprok ist und somit keine klärenden Rückfragen erlaubt, vereindeutigt sich die Interaktion. Die Wahlmöglichkeit ist also zugleich ein Wahlzwang, der das Bedeutungspotential einschränkt. Zudem stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Vermittlung; ist den Produzenten aufgrund ihres Verständnisses von Geschlechterrollen Lady Macbeth als machthungrige Machiavellistin vorstellbar , oder erscheint sie ihnen vor dem sozio-kulturellen Hintergrund bürgerlicher Verhaltensnormen eher als passiv-erduldende Stoikerin ?
Erst die auf den Vermittlungsebenen getroffenen Selektionen erzeugen also die Bedeutung, die die Produzenten mit der Aufführung eines Theaterstücks im Rahmen einer bestimmten sozio-kulturellen Situation im Sinn haben. Dabei stehen die Kommunikationsebenen quer zu den Ebenen der Inhaltsvermittlung; Textsubstrat und Aufführung können sowohl illusionsstiftend die Kommunikation zwischen den Figuren als auch illusionsbrechend die Kommunikation zwischen Schauspieler und Publikum in das Zentrum der Aufmerksamkeit setzen. Auch der Zuschauer kann in gewissem Rahmen wählen, auf welche der Kommunikationsebenen er sich einläßt; in dramatischer Perspektive verfolgt er eine Beratungsszene zweier Figuren; in theatralischer Perspektive genießt er als Theaterkenner das Rollenspiel der die Szene vorführenden Schauspieler; in lebensweltlicher Perspektivekonfrontiert er als gesellschaftlich bestimmter Mensch die auf der Bühne propagierten Normen mit seinen eigenen Verhaltenserwartungen.
      Die Aufteilung der im Theater erfolgenden Bedeutungsbildung in eine ergebnishafte Inhaltsebene und drei prozeßhafte Ebenen bildet im folgenden die Grundlage für die Beschreibung von Elementen des Dramas.
     

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