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Grundbegriffe der texterschließung

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Die erste Ereigniskette: Die Figur begehrt etwas



Innerhalb der Kette der ereignishaften Erfahrungen einer Figur ist zwischen Anfang, Mitte und Ende bzw. handlungseröffnenden, -begleitenden und -beschließenden Erfahrungen zu unterscheiden. Eine häufig dargestellte Ereigniskette wird durch die figurenperspektivische Erfahrung eingeleitet, daß die Figur für ein Gut entbrennt, das sie aber nicht besitzt . Diese für viele Figuren typische handlungseröff-nende Erfahrung läßt sich unter mehreren Aspekten näher charakterisieren. Die Figur hat also von einem ereignishaften Moment an ein bestimmtes Gut vor Augen und möchte es realisieren und genießen. Ihr ist ein Wunsch, eine Leidenschaft, ein Begehren eingeschrieben wie dem jungen Mann in Ruhms Geschichte, der um das Mädchen wirbt. Die Figur gewahrt , daß sie das Gut nicht unmittelbar erlangen kann, weil ihr Hindernisse oder Widersacher entgegenstehen. Im Blickfeld des jungen Mannes ist ja nicht allein das Mädchen, sondern der See, der ihn von dem Mädchen trennt. Die Diskrepanz zwischen Wunsch und realer Mangelerfahrung erzeugt - nach dem Willen der Autoren - in der Figur eine negativ besetzte Unzufriedenheit, Unruhe oder Erregung, eine Spannung, welche die Figur intentional abbauen möchte. Mit der Erfahrung, den Spannungszustand auflösen zu wollen, verbindet sich für die dargestellte Figur das Bewußtsein, daß sie das Hemmnis nicht unmittelbar und berechenbar beseitigen kann. Für die Figur ist offen, ob es ihrgelingen wird, die Spannung erfolgreich abzubauen oder nicht. Wenn es in Ruhms Geschichte heißt, der junge Mann «wollte um die hand eines mädchens werben», so schließt der Leser auf eine offene, für die Figur nicht eindeutig berechenbare Situation.'

Diese handlungseröffnenden Erfahrungen können sämtlich so gestaltet sein, daß sie für die Figur in besonderem Maße neu, unerwartet und nachhaltig bedeutsam erscheinen: Die Figur verliebt sich zum erstenmal, sie ist von einer Person besonders fasziniert, das Hindernis kommt für sie völlig überraschend etc.
      Mit den handlungseröffnenden Erfahrungen kommt die Figur in Bewegung, muß sie sich verhalten und reagieren, verstrickt sie sich in eine Geschichte. Auf die eröffnenden Merkmale folgen handlungsbe-gleitende Erfahrungen wie das Erlebnis von Fehlschlägen, welche die Figur noch nicht zur Aufgabe veranlassen. Die Kette von figurenperspektivisch ereignishaften Erfahrungen findet schließlich ihr Ende, wenn die angespannte Ausgangssituation aufgehoben ist. Das ist der Fall, wenn die Figur z. B. das begehrte Gut erfolgreich in ihren Besitz bringt und es glücklich genießen kann. Eine weitere - für Geschichten bedeutungsvolle - Abschlußerfahrung ist: Die Figur erwirbt das Gut, ist aber später von dem Besitz enttäuscht und desillusioniert. So ergeht es den allegorisch angelegten Figuren «der König», «die Schönheit», « der Reiche » in Calderons « Großem Welttheater » oder dem Damo-kles in der Verserzählung des Aufklärers Geliert, der « aus Erfahrung » erkennen muß, daß Macht und Reichtum nicht glücklich machen. Ferner ist der Schluß hervorzuheben, daß die Figur auf das anfänglich begehrte Gut verzichtet und entsagt, eine Wendung, die für die deutsche Klassik - von Schillers « Eine großmütige Handlung » bis zu Goethes « Prokurator » und «Iphigenie » - charakteristisch ist. Oder aber die Figur tröstet sich rasch über den Mißerfolg hinweg nach dem Muster des äsopischen Fuchses, der die Trauben für sauer erklärt. Nicht abgeschlossen ist die Kette ereignishafter Erfahrungen, wenn die Figur keine Hoffnung auf Erfolg hat, aber den Mißerfolg nicht verwinden kann. In diesem Fall bleibt die Spannung zwischen Wunsch und Wirklichkeit der Figur schmerzlich bewußt. Abgeschlossen ist die Kette erst, wenn die Figur so gestaltet ist, daß sie sich aus Verzweiflung selbst tötet, ihre Aggression gegen andere wendet und damit aufhebt oder ihre Trauer langsam verwindet.
      Läßt man die ereignishaften Erfahrungen Revue passieren, so fällt auf, daß die Figuren - nach dem Willen der Autoren - die textinterne Welt nicht nur erfahren, sondern aus den Erfahrungen auch Erkennt-nisse ziehen, wie die textinterne Welt faktisch und normativ beschaffen ist, welche Werte man erstreben soll, wie man sie erwirbt, wodurch ein Scheitern bedingt ist etc. Diese Erkenntnisse können für die Figur ebenfalls ereignishaft wahrgenommen werden, weil sie für sie neu, unerwartet und bedeutsam sind, indem Einstellungen und Auffassungen, von denen die Figur zuvor zutiefst und fest überzeugt war, falsifiziert werden und sich als Irrtümer erweisen. Durch die Modellierung von Figuren, die in der textinternen Welt ereignishafte Erfahrungen machen und Erkenntnisse gewinnen, verschaffen sich epische und dramatische Autoren die Möglichkeit, dem Leser zu vermitteln, wie er die textinterne und -externe Wirklichkeit adäquat wahrnehmen, erklären und bewerten und wie er in ihr handeln soll. Die Botschaft lehrhafter Dichtung von der antiken Fabel bis zur Komödie der Aufklärung und dem deutschen Bildungsroman besteht eben darin, daß die Autoren ihre Figuren beispielhaft erfahren und verfehlen lassen, wie die Welt beschaffen ist und wie man sich in ihr verhalten kann und soll. Diese Möglichkeit schließt natürlich ein, daß moderne Autoren wie Kafka dem Leser vermitteln, daß die textinterne und -externe Wirklichkeit nicht eindeutig oder gar nicht durchschaubar ist. Der Galeriebesucher in der Erzählung «Auf der Galerie» z. B. kann keine endgültige Klarheit darüber gewinnen, ob die Reiterin ein Opfer des Zirkusdirektors ist und seiner Hilfe bedarf oder nicht.
     

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