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Die Ereignishaftigkeit figurenperspektivischer Erfahrungen



Um eine in Worten gestaltete literarische Figur wie den «jungen Mann » methodisch zu beschreiben, sei gefragt, ob die Autoren ihren Figuren das Merkmal zuschreiben, in der textinternen Welt Erfahrungen zu machen. Die Antwort ergibt: Offenbar ist es ein zentrales Anliegen epischer und dramatischer Autoren, daß ihre Phantasiegeschöpfe die textinterne Welt sehr real erfahren. Selbst in der lakonischen Geschichte von Rühm findet sich eine Fülle von figurenperspektivischen Erfahrungen formuliert: Der junge Mann verliebt sich in das Mädchen, er kann nicht sofort zu ihr gelangen, er überquert den zugefrorenen See, er sieht eine Schar wilder Schwäne etc. Läßt sich die Vielfalt dieser Erfahrungen näher bestimmen? Ein erstes Kriterium soll dafür die Frage liefern, in welchem Maße die Erfahrungen für die Figuren als ereignishaft gestaltet werden. Drei Klassen von figurenperspektivischen Erfahrungen lassen sich aus dieser Sicht unterscheiden.i. Die Erfahrungen sind für die Figur nicht ereignishaft. Die Figur macht also Erfahrungen, die ihr vertraut sind, die sie vorhersehen kann, die sie gleichgültig lassen und die sie nicht nachhaltig beschäftigen - wie es bei Routinearbeiten der Fall ist. Hätte Rühm etwas über den jungen Mann ausgesagt, bevor er um das Mädchen warb, wären vielleicht Erfahrungen dieser Art sprachlich formuliert worden. Je realistischer, naturalistischer und moderner literarische Figuren modelliert sind, desto mehr ist damit zu rechnen, daß ihnen ereignislose Erfahrungen zugeschrieben werden: zum einen als Annäherung an das Leben im Alltag, im geregelten Beruf und in einer verwalteten Welt, zum anderen als Ausdruck eines provokativen Menschenbildes wie in



Camus' «Der Fremde», dessen affektarm und eher passiv reagiert, obwohl er für die textinterne Mitwelt in ereignishafte Situationen verwickelt ist . Um Figuren dieses Typus von erfahrungsreichen und leidenschaftlich bewegten Helden traditioneller Prägung zu unterscheiden, verwendet die Literaturwissenschaft den Begriff des Antihel-den oder negativen Helden.'
2. Die Figur liebt und haßt bestimmte Dinge, ohne aber in ihren Einstellungen und Situationen Veränderungen zu erfahren. Sie hat z. B. eine feste und nicht konflikthaft wahrgenommene Weltanschauung oder kann bestimmte Werte ungestört genießen bzw. problemlos abwehren. Epische Hauptfiguren sind nur in Ausnahmefällen statisch angelegt. Figuren mit problemlosen affektiven Einstellungen und Erfahrungen kommen aber als Nebenfiguren vor oder im Lustspiel, wo ihre starren Einstellungen und ihre mangelnde Einsicht in konflikthafte Situationen als Irrtum entlarvt und verlacht werden soll. Werden ansonsten Figuren lediglich vertraute und erwartete, wenn auch affektiv bedeutsame Erfahrungen zugeschrieben, dann in der Regel, um zu zeigen, wie die festen Erwartungen später dennoch durchbrochen werden, oder um eine Folie für die Darstellung ereignishafter Erfahrungen der Figur zu gewinnen.
      3. Die Figur macht ereignishafte Erfahrungen im oben beschriebenen Sinne, also Erfahrungen, die für sie im Extremfall neu, unerwartet und bedeutungsvoll sind. Epische und dramatische Hauptfiguren sind mit mindestens einer solchen ereignishaften Erfahrung ausgestattet. Selbst in Ruhms Kürzestgeschichte zeigt der junge Mann eine Kette von ereignishaften Erfahrungen. Leser und Zuschauer, die - freiwillig oder gezwungenermaßen - lange Phasen ihres Lebens eher ereignislos erfahren, suchen und finden in der epischen und dramatischen Literatur in dieser Hinsicht eine Kompensation. Dort lernen sie Personen kennen, die in kurzer Zeit eine schier unglaubliche Fülle von ereignishaften Erfahrungen machen. Das gilt selbst für solche Figuren, von denen der Erzähler behauptet, sie seien uneingeschränkt in eine normale Schul- und Lebenswelt integriert .
      Lassen sich nun die zahlreich dargestellten ereignishaften Erfahrungen näher bestimmen? Die Untersuchung dieser Frage führt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die Autoren gestalten - auf einer mittleren
Ebene der Abstraktion gesehen - nicht unendlich viele ereignishafte Erfahrungen, sondern vor allem vier Haupttypen, welche eine Geschichte einleiten können: Die Figur begehrt etwas; die Figur sieht sich bedroht; die Figur erleidet eine Schädigung/einen Verlust; die Figur macht sich schuldig. Zudem stimmen die ereignishaften Erfahrungen, welche die Figur im Anschluß an die jeweilige Anfangserfahrung machen kann, strukturell und inhaltlich überein und erweisen sich zahlenmäßig als überschaubar. Der Stoff, aus dem die Autoren ihre vielfältig schillernden und widersprüchlichen Figuren schaffen, ist in seinen Elementen und Verbindungen erstaunlich begrenzt.
     

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Die  Ereignishaftigkeit  figurenperspektivischer  Erfahrungen    





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