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Grundbegriffe der texterschließung

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Denotation und Konnotation, Desemantisierung und Resemantisierung



In der neueren Kunstlyrik läßt sich eine Tendenz zur Vermehrung der semantischen Ebenen beobachten, die begründet werden muß. So können wir in dem Gedicht « Zwei Segel» zunächst eine Bedeutungsebene isolieren, die man im allgemeinen die der wörtlichen Bedeutungen nennt. Dabei handelt es sich um einen Komplex < harmonische paarige Bewegung zweier Segel >, den wir imaginäre Evokation genannt haben und der sich etwa durch ein Foto oder eine Filmsequenz verstärken läßt: zweifellos ein schönes, ästhetisch befriedigendes Bild. Diese erste semantische Ebene ist die der Denotation, d. h. die Ebene der sprachlich üblichen Bedeutungen aller im Text niedergeschriebenen Zeichen.

      Unsere Faszination bei der Lektüre des Gedichts beruht aber vor allem auf dem spontanen Eindruck, daß mit dem Bild noch etwas anderes gemeint sein könnte - z. B. die Harmonie eines Liebespaars, wenn auch von einem solchen wörtlich gar nicht die Rede ist. Wenn wir aber eine solche Bedeutung annehmen, konstituieren wir damit eine zweite Bedeutungsebene . Solche zusätzlichen Ebenen assoziierbarer Bedeutungen werden als Ebenen der Konnotation bezeichnet.
      Ein Vorurteil gegen Lyrikanalysen lautet, Konnotationsanalysen seien nicht überprüfbare Ratespiele, die allzu leicht in Geschwätz ausarten. In Wahrheit sind Konnotationen aber keineswegs < reine Gefühlssache», usw., auch wenn sie manchmal so erschei-nen - sie folgen vielmehr sprachlichen Strukturen, Regeln und Zusammenhängen, und das auch dann, wenn sie unbewußt zustande kommen, wie bereits Freud in der Traumtheorie gezeigt hat. Im Falle des Meyer-Gedichts ist der Bezug zwischen Denotaten und möglichen Konnotaten ganz sicher metaphorisch, woraus sich bereits Einschränkungen für die Deutung ergeben. Jedes hypothetische Konnotat muß mit dem Denotat eine gemeinsame semantische Teilstruktur teilen: < harmonische paarige Bewegung >. Daraus ergibt sich die hohe Plausi-bilität der Konnotation eines Liebespaars, wie sie durch das Wort « Gesell» im Text nahegelegt wird. Das Bild besteht aus nicht-menschlichen Gegenständen. Dadurch, daß die Segel auch mit dem Wort « Gesell» bezeichnet werden, rücken sie gleichzeitig in ein anderes semantisches Feld, das von menschlichen, insbesondere erotischen Beziehungen, was durch weitere metaphorische Begriffe wie « empfinden » und « erregt» bestätigt wird.
      Wir können nun zusammenfassen und systematisieren. Dazu schlagen wir ein allgemeines Modell der lyrischer Texte vor:
Signi-fikat-« Ebenen»

Signi-fikant-« Ebenen »
« Ebene » der Konnotation n.......

« Ebene » der Konnotation Reimpaar Subscriptio
« Ebene » der Konnotation i Liebespaar Subscriptio
« Ebene » der Denotation « Zwei Segel. imaginäre Evokation = Picturalautliche « Ebene » Reime, Alliterationen usw. metrische «Ebene» daktylisches j Metrumrhythmische «Ebene» « glatte Fügung »
Wir haben den Terminus < Ebenen > absichtlich durch Anführungszeichen relativiert: Es handelt sich um einen metaphorischen Begriff, der nicht in verdinglichender Weise aufgefaßt werden darf. Zum Beispiel ist es willkürlich, die < Ebenen > so anzuordnen, wie in dem Modell geschehen. Allenfalls läßt sich der < mittlere > Platz der Denotation damit rechtfertigen, daß diese < Ebene > am ehesten strukturell mit standardsprachlichen Texten vergleichbar ist und also so etwas wie eine < Basis-Ebene > bildet.
      In dem Schema sind die lautliche und die metrisch-rhythmischen Ebenen als Signifikant-«Ebenen» zusammengefaßt, weil deren struk-
turelle Gemeinsamkeit darin liegt, die Sprache zu organisieren und zu markieren, insofern sie materieller Träger von Bedeutung ist. Wir wol-
Slen nicht untersuchen, wodurch lautliche Eindrücke wie: melodiös, klangvoll oder hart, rauh hervorgerufen werden. Wir halten nur fest, ; daß die Sprache - unabhängig von ihrer Bedeutung - aus Lautmaterial besteht. Wir bezeichnen dieses Lautmaterial als Signifikant-Seite der Sprache , im Gegensatz zum Signifikat . In den natürlichen Sprachen sind bestimmte Signifikant-Komplexe rein konventionell mit bestimmten Signifikaten verbunden. Kehrt der gleiche Signifikant wieder, so assoziiert der kompetente Sprecher das gleiche Signifikat .
      Diese Verbindung von Signifikant-Wiederholung und semantischer Identität macht sich der lyrische Text besonders intensiv zunutze. Im Deutschen hat der isolierte Laut IM keinen Sinn. Wenn wir sprechen, achten wir z. B. keineswegs darauf, wie oft der Laut IM in dem, was wir sagen, wiederkehrt. Anders, wenn in einem Text der Laut IM ständig und zudem noch jeweils vor einem betonten Vokal wiederholt wird . Sagen wir also mit Wagner: «In mildem Lichte leuchtet der Lenz», so unterstellen wir für die drei mit IM anlautenden betonten Silben eine gemeinsame Zusatzbedeutung, die sich der konventionellen Bedeutung der Worte überlagert. Diese Erscheinung soll als Semantisierung der sprachlichen Signifikant-Ebenen bezeichnet werden, und es ist bereits erkennbar, daß auch der Vorgang der Semantisierung zu den Verfahren der paradigmatischen Organisation des Syntagmas gehört.
      Mit dieser Semantisierung können wir eine gleichzeitige, sozusagen umgekehrte Erscheinung beobachten. Wenn wir hören: «In mildem Lichte leuchtet der Lenz», haben wir keinen auch nur annähernd so klaren Eindruck von der < normalen > Wortbedeutung wie etwa bei der Folge: «Im Frühling leuchtet die Sonne hell». Die Ãoberlagerung durch eine zusätzliche Bedeutungsebene führt dazu, daß die Aufmerksamkeit für die denotierte Bedeutung verringert, abgelenkt, ja geradezu in die Irre geführt wird. Es läßt sich also sagen, daß der Semantisierung der Signifikant-Ebenen eine Desemantisierung der Ebene der Denotation entspricht. Diese Operation der literarischen und insbesondere der lyrischen Sprache ist häufig so gekennzeichnet worden, daß der Dichter aus der üblichen, normalen Sprache eine oder, wie Mallarme es sagte: « den Worten der Masse einen neuen Sinn » gibt.
     

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