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Das Motiv: methodische Klärungen und Nebenbegriffe



Einen klärenden Beitrag zum Motiv-Begriff leistet die Dissertation von Joachim Rickes über die handlungsbestimmende Situation zwischen «Führerin und Geführtem» in Wielands «Musarion». Rickes will die «fehlende Verbindung von Theorie und Praxis , ein Grundproblem der Stoff- und Motivforschung», überwinden. Deshalb schickt er der Motivanalyse von « Musarion » ein umfangreiches Kapitel über die «Methodologischen Voraussetzungen und motivtheoretischen Grundlagen» als Forschungsbericht und zur Rechtfertigung seiner Beschränkung auf einen Einzeltext voraus. Seine Analyse erprobt punktuell die Tragfähigkeit des begrifflichen Instrumentariums der Motivforschung und führt zur Definition, daß ein Motiv trotz mancher geschichtlichen Wandlungen ein « strukturelles Minimum» durchhält und die die jeweilige Handlung motivierende Grundsituation «kurz und allgemein» formuliert werden kann

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Was Rickes in seiner punktuellen Motivanalyse systematisch durchgeführt hat, scheint auch beim Vergleich verschiedener Werke aus mehreren Literaturen und Epochen möglich. Das hat Hellmuth Petri-coni schon vor Jahrzehnten am Motiv der « verführten Unschuld » demonstriert, hat damals aber noch ungenau «Thema» genannt, was sonst allgemein als Motiv bezeichnet wird. Es ging ihm um den Nachweis, daß man von klar umrissenen Stoffen und Motiven ausgehend die Literaturgeschichte auch als eine Geschichte der literarischen Themen darstellen könne." Auch Petriconi hat also schon das Motiv für die Strukturanalyse literarischer Werke gebraucht.
      Aufgrund der inzwischen erreichten Präzisierung des Begriffs Motiv als eine die epische oder dramatische Handlung auslösende Situation verwendet man bei der Textanalyse auch die Termini Randmotive und Nebenmotive, die das Hauptmotiv begleiten, und blinde Motive, die nur kurz angesprochen, aber nicht weiter durchgeführt sind. Die im Laufe der Geschichte eines Motivs von Werk zu Werk aus thematischen Gründen veränderten Teile, die akzidentellen Variablen einer Motivstruktur, bezeichnet man als Zug. Dagegen haben Leitmotive, entsprechend ihrer Herkunft aus der Musik und ihrer Konstanz in der Wiederholung, mehr stilistische und charakterisierende Funktionen.
      Herkömmlicherweise wird aber auch bei vielen kleineren Einheiten, die nicht unbedingt Movens einer Handlung sein müssen, sondern beschreibende, bildliche oder symbolische Funktionen erfüllen, häufig von Motiven gesprochen. Solche Elemente haben, vor allem in lyrischen Texten, trotz ihrer Expressivität meist eher statischen Charakter, können aber durchaus weitreichende Bedeutungen tragen und den thematischen Kern einer Dichtung bilden. Erst jüngst hat Hans-Guen-ther Schwarz den orientalischen Teppich zum Gegenstand einer kulturgeschichtlichen, literarischen und kunsttheoretischen Untersuchung gemacht. Dessen farbenprächtige, die Realität abstrahierende suggestive Ornamentik hat das poetische Schaffen der europäischen Künstler vielfältig inspiriert; der Orientteppich kann, wie an einem geschichtlichen Längsschnitt gezeigt wird, zum «Motivator literarischer Gestaltung werden» : als Metapher für den Himmel, für die Natur und die Landschaft, für die Dichtung und den Künstler, als Metapher des Lebens, die am deutlichsten im Webergleichnis zum Ausdruck kommt , als ästhetisches Dekor bei den Symbolisten, als «ornamentales Symbol des Lebenszusammenhangs» in der modernen Kunst.
     

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