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Grundbegriffe der texterschließung

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Auseinandersetzung um den Reim



Klopstock verzichtete in seinen Dichtungen fast gänzlich auf ein Element, das bis dahin für deutsche Verse konstitutiv war: auf den Reim. Dieser Verzicht bedeutete eine Irritation für einen Teil des Publikums, der «den Reim für poetische Werke unerläßlich » hielt und dem die neuen Verse « keine Verse schienen ».lv

Auch die Schriftsteller waren, selbst bei zustimmender Aufnahme der neuen Dichtung, irritiert. Die skizzierten Bemühungen um eine Prosodie stehen in Zusammenhang damit, daß für die neuen Versformen das gewohnte Strukturelement Endreim, das als Auszeichnung der Versgrenze und als Bindeglied der Zeilen fungierte, weggefallen war.
      Gegen Ende des 9. Jahrhunderts hatte Otfried von Weißenburg den Endreim in die deutsche Dichtung eingeführt; bis ins 18. Jahrhundert galt er in Theorie und Praxis als selbstverständliches Merkmal gebundener Sprache. So auch bei Opitz; Georg Philipp Harsdörffer sagte, daß «die Reimen gleichsam die Riemen sind / durch welche das Gedicht verbunden und zusamen gezogen wird» ". Daniel Georg Morhof verteidigte 1681 den Endreim vor allem gegen ausländische späthumanistische Gelehrte, die ihn als barbarisch verwarfen, und gegen eine beachtliche ausländische Tradition , indem er gegen die « ungereimbte Dichterey » anführte:

«In Teutscher Sprache hat noch niemand es zu versuchen begehret/ist auch eine unnöthige Arbeit. Meines erachtens/wenn einer die ungereimbten Verse höher/als die andern halten/wollte/wäre es eben/als wenn jemand einer Strohfiedel vor einer wohlgestimmeten Geige den Vorzug gäbe.»
Reime könnten, so Morhof, Führer zu guten Gedanken sein; sie seien in den «gemeinen Sprachen», das heißt den europäischen Volkssprachen im Gegensatz zum Lateinischen, notwendig und könnten nicht ausgelassen werden; sie seien ihnen von Natur gegeben wie dem Griechischen und Lateinischen die langen und kurzen Silben.
      Parallel mit der Abwendung vom Prinzip der starren Alternation beginnt zu Anfang des 18. Jahrhunderts der Streit um den Reim, wobei die Reimgegner die Argumentation des 17. Jahrhunderts umkehren : Der Reim hindere, wie die strenge Alternation, die Entfaltung der Gedanken; er sei, urteilte 1722 Johann Jakob Bodmer , geeignet, die Vernunft aus dem Vers zu verweisen. Die Infragestellung des Reims geschah also im Namen der Aufklärungs- und Erziehungsfunktion der Literatur, das heißt im Zusammenhang mit der Herauslösung der Literatur aus höfisch-feudalen Bindungen und ihrer Integration in den bürgerlichen Selbstbewußtwerdungsprozeß.
      Hier ergab sich bei den frühaufklärerischen Literaturtheoretikern aber bald eine Trennung in Fraktionen. Johann Christoph Gottsched , dessen «Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen» in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts einen ähnlich beherrschenden Einfluß ausübte wie Opitzens « Buch von der Deutschen Poeterey » im 17. Jahrhundert, hatte sich zunächst auf die Seite der Reimgegner geschlagen; in dem Maße aber, in dem die Schweizer Theoretiker Bodmer und Breitinger den Reim weniger ablehnten, weil er die Klarheit der Gedanken hindere, als vielmehr deshalb, weil er nicht erlaube, «poetischen Taumel»Z4, Leidenschaft, überhaupt Herzensempfindung erhaben darzustellen, bezog Gottsched die Gegenposition, da er durch diese Forderungen sein an Verstand und Vernunft orientiertes Stilideal in Gefahr sah. Mit Klopstock setzten sich dann um die Jahrhundertmitte die Auffassungen der Schweizer durch und damit die allmähliche Anerkennung ungereimter
Verse als Verse.
      Gotthold Ephraim Lessing , der die ästhetischen Anschauungen des späteren 18. Jahrhunderts maßgeblich prägte und vor allem mit Gottscheds poetologischen Anschauungen scharf ins Gericht ging, nahm schließlich 1753 folgendermaßen zum Reim-Streit Stellung:
«Den Reim für ein notwendiges Stück der deutschen Dichtkunst halten, heißt einen sehr gothischen Geschmack verrathen. Leugnen aber, daß die Reime oft eine dem Dichter und Leser vortheilhafte Schönheit seyn können, und es aus keinem andern Grunde leugnen, als weil die Griechen und Römer sich ihrer nicht bedient haben, heißt das Beyspiel der Alten mißbrauchen. Man lasse einem Dichter die Wahl. Ist sein Feuer anhaltend genug, daß es unter den Schwierigkeiten des Reims nicht erstückt, so reime er. Verliert sich die Hitze seines Geistes, während der Ausarbeitung, so reime er nicht.» Z
Lessing begründete sein Sowohl-als-auch damit, daß er « nur auch hier auf eine republikanische Freyheit» dringe, « die ich überall einführen würde, wenn ich könnte»26. Er machte so darauf aufmerksam, daß die ästhetischen und poetologischen Diskussionen seiner Zeit ebenso wie die praktischen Formentscheidungen der Dichter politische Implikationen enthielten und daß sie von den Beteiligten gezielt mit politischen Implikationen versehen werden konnten.
      Die unorthodoxe Haltung in der Frage des Reims, die Lessing artikuliert hatte, blieb für die Folgezeit bestimmend, wobei Goethes entsprechende Praxis traditionsbildend wirkte. Dichter konnten fortan den Reim verwenden oder nicht; der Reim war nicht mehr äußere formale Bedingung für den Vers. Die nunmehr vorhandenen formalen Alternativen erlaubten es, den Reim freier und distanzierter zu reflektieren, insbesondere seine sinnlich-klanglichen Potenzen und seine Fähigkeit, ästhetische Erwartungen zu wecken, die das korrespondierende Reimwort erfüllen oder enttäuschen konnte.
      In solcher Distanzierung faßte Schiller im « Prolog » zum «Wallenstein » mit Bezug auf den in Knittelversen geschriebenen ersten Teil «Wallensteins Lager» den Reim als Verfremdungsmittel auf, das dem Rezipienten der Dichtung deren Kunstcharakter bewußtmachen und ihn vor der Illusion bewahren soll, auf der Bühne werde unmittelbar Wirklichkeit dargestellt.
      Darüber hinaus interpretierte Georg Wilhelm Friedrich Hegel den Reim als ein Moment des Ã"sthetischen, in dem ein modernes Subjekt sich seiner selbst bewußt werden kann:
« Das Metrum der rhythmischen Versifikation erwies sich als ein vielfach gegliedertes Verhältnis unterschiedener Längen und Kürzen, der Reim dagegen ist einerseits zwar materieller, andererseits aber in diesem Materiellen selbst abstrakter: die bloße Erinnerung des Geistes und Ohrs an die Wiederkehr gleicher oder verwandter Laute und Bedeutungen, eine Wiederkehr, in welcher das Subjekt sich seiner selbst bewußt wird und sich darin als die setzende und vernehmende Tätigkeit erkennt und befriedigt.»

  

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