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Grundbegriffe der texterschließung

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Ausblick



Die Strukturanalyse sollte die Möglichkeit eröffnen, so komplexe sprachliche Gebilde wie die literarischen Figuren zu beschreiben und historisch-systematisch zu typisieren, wobei der methodische Kunstgriff darin bestand, von den ereignishaften Erfahrungen auszugehen, welche die Autoren den Figuren - mit welchen Mitteln auch immer - auf den Sprach-Leib schreiben. Für die beschreibende und interpretierende Rekonstruktion literarischer Figuren und ihrer Handlungen gewinnen damit bestimmte Fragen eine besondere heuristische Kraft, von denen die wichtigsten resümiert seien:i. Welche Werte kommen ins Spiel, wenn den Figuren ereignishafte Erfahrungen zugeschrieben werden? Sind sie abstrakt und konkret näher zu bestimmen, textintern konventionell oder originell, eindeutig oder mehrdeutig gestaltet?z. Welche Werte erfährt die Figur als besonders ereignishaft ?

3. In welcher Ausgangssituation wird der Wert von der Figur ereignishaft erfahren, und wie ist die Kette der handlungsbegleitenden und -beschließenden Erfahrungen inhaltlich entwickelt ?
4. Gewinnt die Figur aus der Erfahrung der textinternen Welt ereignishafte Erkenntnisse, wie sie sich selbst und ihre Umwelt deuten, erklären, bewerten und wie sie handeln kann und soll? Unterlag die

Figur zuvor Irrtümern ? In bezug auf welche Sachverhalte ? Wer schädigte die Figur? Wen schädigte die Figur selbst, und gegen welche Normen verstieß sie ? Wie erklärt und bewertet sie ihre Erfahrung des Irrtums, des erlittenen Schadens und der Schädigung ?
5. Welche ereignishaften Erfahrungen einer Figur werden durch semantische Korrespondenzen und Kontraste zu anderen Figuren, Sachverhalten und Normen besonders hervorgehoben ?
Die Rekonstruktion der figurenperspektivisch ereignishaften Erfahrungen erschließt nur eine Dimension der Figuren und der Handlung, freilich eine grundlegende und anschlußfähige. In einem zweiten Schritt bleibt zu berücksichtigen, daß die Autoren das, was eine Figur aus ihrer Perspektive wahrnimmt, durch die Perspektive anderer Figuren und Instanzen ergänzen und brechen. Diese Polyperspektivität, welche den Erfahrungshorizont einer Figur übersteigt, erzeugt zudem spezifische ästhetische Wirkungen. Gerade dadurch, daß eine Figur die Gefahr nicht oder erst zu spät erkennt, bringt die Komödie und Tragödie ihre wirksamsten Effekte hervor. Ferner kann der Autor beabsichtigen, durch die mangelnde Einsicht der Figur in die richtigen handlungsorientierenden Normen den Leser zur eigenen Erkenntnisarbeit herauszufordern.
      Wie die Geschichte von Gerhard Rühm zeigt, muß eine Figur selbstverständlich nicht durch eine vollständige oder vollständig explizierte und eindeutige Kette von Erfahrungen bestimmt sein; sie kann auch mehrsträngig aus einer Ãoberlagerung und Folge verschiedener Ereignisketten gebildet sein. Auch müssen nicht alle Erfahrungen in gleicher Weise von der Figur als neu, unerwartet und affektiv, kognitiv und pragmatisch bedeutsam wahrgenommen werden, wie überhaupt der Grad der Erfahrung von Ereignishaftigkeit figurenperspektivisch abgestuft sein kann bis hin zu dem Grenzfall, wo der Figur alltägliche und routinemäßige Erfahrungen ohne subjektive Bedeutsamkeit zugeschrieben werden. Schließlich ist mit der Typologie der Ereignisketten nichts darüber ausgesagt, aufweiche Weise der Autor der Figur ereignishafte Erfahrungen zuschreibt. Gibt die Figur selbst im Bericht, in erlebter Rede oder im inneren Monolog Auskunft über ihre bedeutsamen Erfahrungen, oder ist es ein Er-Erzähler, der uns informiert? Eröffnet der Erzähler überhaupt einen Einblick in die Innenwelt der Figur, oder bleiben wir als Leser darauf angewiesen, den Inhalt und die Ereignishaftigkeit von Erfahrungen aufgrund der Aktionen, Gesten und mimischen Reaktionen der Figur zu erschließen ?
Die Rekonstruktion der vier Ereignisketten ist also nicht ein Abbild, wie Figuren und ihre Handlungen dargestellt sind, sondern ein heuristisches Modell, um methodisch zu analysieren, wie jeweils Figuren und ihre Handlungen in einzelnen Werken, Gattungen und Epochen gestaltet sind. Die Heuristik und ihre Reflexion soll vermeiden helfen, daß der Interpret sich im Gewirr ereignishafter Erfahrungen verstrickt und einzelne Erfahrungen willkürlich hervorhebt oder vernachlässigt.
      Auch wenn die Reflexion literarischer Figuren, ihrer Merkmale und Merkmalsstrukturen, nur skizzenhaft und lückenhaft entfaltet werden konnte, sollte doch sichtbar werden, daß die Semantik literarischer Figuren und Handlungen ein zentrales und fruchtbares Feld für literaturtheoretische, geschichtliche und werkanalytische Untersuchungen liefert. Zudem könnte eine entfaltete Semantik literarischer Figuren dazu beitragen, den beiden Tendenzen in der Literaturwissenschaft und -didaktik entgegenzuwirken: zum einen dem Relativismus, der die Intersubjektivität textbezogener Aussagen als regulative Idee aufgegeben hat, zum anderen dem Konzep-tualismus, der sich darauf beschränkt, jeweils aktuelle philosophische, psychologische und soziologische Menschen- und Gesellschaftsbilder unbesehen auf literarische Texte abzubilden und sie damit lediglich zu verdoppeln.
     

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