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Allgemeine Merkmale literarischer Figuren



Literarische Figuren bestehen aus Wörtern und Sätzen. Sie referieren nicht auf konkrete Personen aus Fleisch und Blut. Wer, wie Christian Friedrich Daniel Schubart, über Werthers Schicksal Tränen vergießt -«Da sitz ich mit zerfloßnem Herzen, mit klopfender Brust, und mit Augen, aus welchen wollüstiger Schmerz tröpfelt » -, weint über eine fiktive Figur, deren materielle Existenz aus Druckerschwärze besteht. Das Wissen, daß literarische Figuren luftige Gebilde sind, schützt uns aber nicht im mindesten davor, auf sie emotional zu reagieren, als ob sie unsere leibhaftigen Freunde und Widersacher sind. Diese auffällig suggestive Kraft hängt vielleicht mit einem Merkmal literarischer Figuren zusammen, das in der Debatte über Fiktion und Nicht-Fiktion häufig vernachlässigt wird: Literarische Figuren sind von ihren Schöpfern so geschaffen, daß sie das textinterne Universum, in dem sie sich bewegen, als real wahrnehmen. Werther, der von sich berichtet, daß « ein Strom von Tränen » aus seinem gepreßten Herzen bricht und er trostlos einer finsteren Zukunft entgegenweint, kann sich nicht mit dem Gedanken trösten, er sei ja lediglich ein Phantasieprodukt Goethes, so wie wir uns zuweilen aus einem Alptraum mit dem Satz retten können. In der literarischen Moderne stoßen wir hingegen auf das illusionsbrechende Motiv, daß ein Autor seine Figuren über ihren bloß fiktiven Charakter aufklärt. In welchem Maße die Figuren jedoch in der Phantasie der Autoren ein Eigenleben gewinnen, zeigen Filme und Romane, in denen die Figuren gegen die Illusionsbrechung ihrer Schöpfer rebellieren.

      Die suggestive Wirkung fiktiver Figuren ist auch dadurch bedingt, daß wir so viel über ihr Innenleben erfahren. Während wir die Menschen, denen wir begegnen, zuallererst als körperliche Wesen wahrnehmen und ihre Gedanken, Gefühle und Absichten aus ihrer Mimik, ihren Reden und Handlungen erschließen müssen, vermittelt uns der Autor vor allem Innenansichten von der Figur. Wir erfahren von Werther nicht, was uns bei jeder Person sofort in die Augen fällt, die Körpergröße und die Haartracht, eine Leerstelle, die uns zumeist erst bewußt wird, wenn wir eine Verfilmung des Romans sehen. Die Dominanz der Innensicht über die Außensicht unterliegt in der Geschichte der Literatur jedoch Veränderungen: Im 20. Jahrhundert gibt es zunehmend Erzähler, die bewußt mit der einfühlenden Darstellungsweise brechen und die Figur durch mimische Reaktionen, Gesten und Handlungen darstellen.
      Als Leser und Zuschauer stoßen wir auf Figuren, die, wie Aristoteles vermerkt, entweder besser sind als die Menschen, die wir kennen, oder schlechter oder ihnen gleich. Aus diesem Vergleich erklären sich zwei extreme Figurentypen, deren Bezeichnung in die Alltagssprache eingegangen ist: der , den wir wegen seiner besonnenen Klugheit, selbstlosen Hilfsbereitschaft, hervorragenden Tapferkeit, unerschütterlichen Tugendhaftigkeit und makellosen Schönheit bewundern , und der , oder , den wir verabscheuen , weil er listig, gemein, feige, amoralisch und häßlich ist. Bezeichnenderweise fehlt in unserer auf semantische Oppositionen ausgerichteten Sprache ein eigenes Substantiv zur Bezeichnung der Figur, die beide Extreme meidet: Es ist die uns ähnliche oder nur sehr bedingt auf Lotte, Albert und Wilhelm passen. Die Kräfte, die Werther in seinem Glück fördern und hemmen, sind in seiner psychischen Struktur und in gesellschaftlichen Verhältnissen begründet und nicht mehr auf verschiedene Rollen verteilt.

     
Ein Drama oder einen Roman, in dem alle Figuren in ihrem Aussehen und ihren Gedanken einander gleichen, würden wir als literarische Provokation oder gesellschaftskritische Satire lesen. Womit wir fest rechnen, sind Figuren, die sich voneinander unterscheiden. Die Strukturalistische Semantik spricht davon, daß Figurenkonstellationen durch « Kontrast- und Korrespondenzrelationen » oder « Ã"quivalenzen und Oppositionen» bestimmt sind." Dies zeigt in elementarer Form das russische Zaubermärchen; denn in der Figurenkonstellation lassen sich ja suchende und gesuchte, strebende und widerstrebende Figuren unterscheiden, ebenso Zauberwesen und Menschen, weibliche und männliche, alte und junge Personen. Und nicht allein die Konfiguration der Figuren ist durch semantische Oppositionen organisiert, auch ein und dieselbe Figur macht differenzbildende Veränderungen durch. Romeo und Julia durchbrechen die eingespielte familiäre und gesellschaftliche < Ordnung > in Verona und brechen damit auch mit ihrer Vergangenheit. Lotman hat diesen Tatbestand als differenzbildende «Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes» beschrieben.

     
   Die Forschung liefert also Einsichten in das «Wesen> literarischer Figuren und hat eine Vielzahl von Differenzkriterien zu ihrer Analyse entwickelt. Darüber hinaus hat sie eingehende historisch-typologische Untersuchungen vorgelegt: z. B. zu einzelnen literarischen Figuren, insbesondere solchen, die ,

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