Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Grundbegriffe der texterschließung

Index
» Grundbegriffe der texterschließung
» Absoluter Gebrauch fundamentaler Kategorien

Absoluter Gebrauch fundamentaler Kategorien



Wenn das lyrische Ich keine Figur ist, weil es nicht als Element zu einer Konfiguration gehört, wie wäre es dann strukturell zu kennzeichnen ? Greifen wir noch einmal auf unsere erdachte Fortsetzung des Meyer-schen Gedichts zurück: «aber ich so allein!» Semantisch äquivalent könnte es auch heißen: . Dieses insbesondere in neuerer Lyrik seit der Goethezeit verwendete meint offensichtlich nicht die Anrede an eine bestimmte Figur in einer Konfiguration, aus der heraus eine andere bestimmte Figur als spräche. Man könnte dieses < lyrische Du> als Selbstanrede des lyrischen Ich in einer Art Monolog auffassen. Da der entsprechende Monolog aber strukturell außerhalb jeder Konfiguration verläuft, werden sowohl Ich wie Du absolut verwendet. Ich wie Du markieren allenfalls Subjektivität als solche, die Position eines gegenüber einem . Das lyrische Ich wäre demnach eine der möglichen Textgestalten einer absolut verwendeten lyrischen Subjektivität. Weil das so ist, kann das lyrische Subjekt auch durch Abwesenheit realisiert sein, d. h. als abstrakte, dem Text inhärente subjektive Perspektive.

      Der von der Pragmatik gelöste absolute Gebrauch von textkonsti-tutiven Kategorien bzw. Redeformen ist für die Lyrik überhaupt charakteristisch: Nicht nur können die Personalpronomina ohne Bezug auf eine quasipragmatische Konfiguration benutzt werden - auch die Tempora des Verbs oder die Sprechakte tendieren zum absoluten Gebrauch. Ein Beispiel dafür liefert die erste Strophe von « Zwei Segel»; dort fehlen finite Verben. Die Partizipien «erhellend» und «schwellend» werden einfach mit Rufzeichen versehen.
      Ã"hnlich grundlegend ist die Kategorie der Situation. Wir können sie in narrativen Texten als die jeweilige Lage einer bestimmten Figur der Konfiguration zwischen zwei Ereignissen definieren. Cä-sars Lage nach dem «ich sah » wäre eine solche Subjektsituation, die seiner Feinde zum gleichen Zeitpunkt eine andere. In narrativen Texten sind die Situationen also quasi-pragmatisch definiert. Demgegenüber ist die lyrische der beiden Gedichte schweben sozusagen frei.
      Der tendenziell absolute Gebrauch struktureller Kategorien in der Lyrik kann nun prinzipiell auf alle existierenden Redeformen ausgedehnt werden. Er kann ausgesprochen pragmatische Redeformen 1 und auch einzelne narrative Sequenzen in den lyrischen Text einbinden. Sie werden dadurch aber durchgängig strukturell entpragmatisiert und entnarrativiert, was in der Lyrik des 20. Jahrhunderts zu komplexen Effekten geführt hat.
      Ein Beispiel liefert Brecht im Zyklus der «Buckower Elegien», zu dem «Rudern, Gespräche» gehört. Häufig erscheint dort in einem lyrischen Zusammenhang ein quasi-pragmatisches in einer quasi-pragmatischen Situation. Stellen wir uns folgenden Zusatz vor: « Sitzend an meiner Schreibmaschine/ Sehe ich sie rudern/ Sehe ich sie sprechen.» Das aufgerufene Ich kann nicht durch Du oder Er substituiert werden, ist also quasi-pragmatisch verwendet. Dennoch ist es strukturell nicht mit dem empirischen Autor Brecht in einem biographischen Augenblick gleichzusetzen, sondern bleibt eine < lyrische Perspektive >.
     

 Tags:
Absoluter  Gebrauch  fundamentaler  Kategorien    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com