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Zur Rolle der weiblichen (Gestalten



Die weiblichen Figuren, denen Wilhelm Meister auf seinem Weg vom Theater zur Turmgesellschaft begegnet, spielen eine wichtige Rolle im Sinngefüge des Romans. Von ihnen gehen bedeutsame Einflüsse auf den Helden aus, und sie veranlassen Wilhelm zu Reaktionen, in denen sein innerer Zustand, seine Illusionen und Irrtümer, aber auch seine zunehmende Reife ans Licht treten. Besondere Bedeutung für die Interpretation des Romans im ganzen haben die Figuren Mignons und Natalies, denen daher auch im hier verfolgten Zusammenhang einige Bemerkungen gewidmet werden müssen.
      Als Wilhelm Meister auf Mignon trifft, wird seine Aufmerksamkeit durch das scheue und rätselhafte Wesen des Mädchens angezogen. Angesichts ihrer elenden Lage in der reisenden Artistentruppe erfaßt ihn Mitleid. In der Beziehung zu Mignon manifestiert sich Wilhelms Sehnsucht nach poetischer Freiheit, aber auch jene Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen, die später für seine Lossprechung durch die Turmgesellschaft von entscheidendem Gewicht sein wird. Mignon ist verängstigt durch eine unglückliche Vergangenheit und beherrscht von der Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Wegen ihrer Lieder, in denen sich diese Regungen aussprechen, haben die Interpreten in Mignon immer die Inkarnation der Poesie gesehen. Aber sie zeigt auch eindeutig pathologische Züge, seelische Verkrampfungen und körperliche Anomalien, die sich aus der monströsen Familiengeschichte erklären, die am Ende des Romans aufgedeckt wird.
      Umstritten ist die Frage, ob das Ende Mignons der Turmgesellschaft angelastet werden muß. Bei einigen neueren Kritikern findet sich die Meinung, der rational planende und pragmatische Geist des Turms sei der Poesie feindlich und treibe deren Repräsentanten, Mignon und den Harfner, in den Tod. Der Versuch einer 'Heilung" und Sozialisierung der poetischen Gestalten beweise durch seine Unangemessenheit und durch seine fatalen Konsequenzen nur die Borniertheit der vom Turm vertretenen Bildungsvorstellung . Diesem Deutungsansatz ist mit dem Gedanken widersprochen worden, daß Mignon und der Harfner als Opfer einer tragischen Verwicklung nicht für die Gesellschaft gerettet werden können: 'We are invited to recognize that no humane ,development' is possible for either Mignon or the Harper, because their very being is warped by superstitious distortions and misdirections of ,naturaP influences from which no amount of retrospective enlightenment could conceivably release them" .
      Die beiden Figuren machen demnach deutlich, daß es Schicksale gibt, die in die Gemeinschaft der Gebildeten und Tätigen nicht zu integrieren sind. Mignon selbst empfindet die wohlgemeinten Bemühungen um ihre Person als unangemessen, ja als gewaltsam. Das spiegelt sich in ihrem Satz: 'Die Vernunft ist grausam, das Herz ist besser" . Die Turmgesellschaft kann sich die von einem düsteren Geschick gezeichneten Figuren nicht anverwandeln, ja sie kann sie nicht einmal im Leben halten. Ihr bleibt nichts anderes, als sich am Ende in Trauer und Pietät vor dieser Unmöglichkeit zu beugen. Man wird nicht davon sprechen dürfen, Mignon und der Harfner würden am Ende 'in die Geborgenheit der Humanität" heimgeholt . Aber es läßt sich sagen, daß der Roman mit diesen beiden Figuren auch das Moment des Tragischen in sich aufnimmt, das in bedeutsamen Kontrast zu der optimistisch-pragmatischen Konzeption gelingender 'Bildung" gestellt ist .
      Nach seinem Eintritt in die Turmgesellschaft kommt Wilhelm zu der Gewißheit, daß er sein Glück nur mit Natalie finden wird Deren bestimmende Eigenschaft ist, daß sie spontan, ohne allen Zwang, das Gute und Sinnvolle tut. Der Oheim pflegt über sie zu sagen: 'Natalien kann man bei I.eibesleben selig preisen, da ihre Natur nichts fordert, als was die Welt wünscht und braucht" . Dieser glücklichen Disposition und einer weisen Erziehung ist zuzuschreiben, daß Natalie eine Entwicklung ohne alle Irrtümer und Abwege durchlaufen hat. Wilhelm stellt den Unterschied zu semer eigenen unsteten und gefährdeten Lebensgeschichte bewundernd fest: 'Sie haben sich, man fühlt es Ihnen wohl an, nie verwirrt. Sie waren nie genötigt, einen Schritt zurück zu tun" .
      Die ins Idealische gesteigerte Vollkommenheit Natalies zeigt sich auch darin, daß ihr die leidenschaftliche Zuwendung zu einer bestimmten Person fremd ist. Wilhelm gegenüber erklärt sie:
',Es ist vielleicht nicht außer der Zeit, wenn ich Ihnen sage, daß alles was uns so manches Buch, was uns die Welt als Liebe nennt und zeigt, mir immer nur als ein Märchen erschienen sei.'

,Sie haben nicht geliebt?' rief Wilhelm aus.
      ,Nie oder immer!' versetzte Natalie" .
      Schiller fand es höchst angemessen und 'schön", daß Natalie 'die Liebe, als einen Affekt, als etwas Ausschließendes und Besonderes gar nicht kennt, weil die Liebe ihre Natur, ihr permanenter Charakter ist" . Neuere Kritiker nahmen häufig an dieser Charakterisierung der Figur Anstoß. Sie registrierten 'eine gewisse Blässe, einen gewissen Mangel an Vitalität" oder meinten, in Natalie seien 'alle natürlichen Regungen abgestorben" .
      Unbestreitbar fehlt der Darstellung Natalies eine kräftige individuelle Färbung durch leidenschaftliche Gefühle, durch Energie des Willens oder interessante Eigenheiten. Das kann aber bei einer Figur kaum anders sein, die der Erzähler mit einer 'ruhigen, sanften, unbeschreiblichen Hoheit" ausstattet und von der es heißt, sie sei 'der Anbetung einer ganzen Welt würdig" . Wenn man die hier wirkende idealisierende Absicht erkennt, wird man der Verhaltenheit und Dämpfung der Darstellung innere Notwendigkeit nicht absprechen.
      Ã"hnliches gilt für die Tonlage, in der die Verbindung Natalies und Wilhelms geschildert ist. Hier ist nicht leidenschaftlicher Ãoberschwang oder romantische Illusion im Spiel, weder sinnliche Anziehung noch vitales Gefühl. Sondern hier waltet vor allem die Ãobereinstimmung der Seelen, die Harmonie edler Lebenszwecke. Das heißt jedoch nicht, daß die Figuren alles Leben verlören. Der Roman sucht an mehreren Stellen die Intensität von Wilhelms Neigung fühlbar zu machen. Nach der Wiederbegegnung im Schloß des Oheims heißt es, das Bild Natalies scheine Wilhelm 'umschaffen" zu wollen . Und später, als der Weg zu der Geliebten versperrt erscheint, glaubt er in seinen Gefühlen für sie die Summe aller seiner früheren Empfindungen zu erkennen .
      Wenn sich somit von einem Erlöschen der Gefühle bei Wilhelm nicht sprechen läßt, so gilt das gleiche für Natalie: Friedrichs respektlose Anspielungen auf die ungeklärten Gefühlsverhältnisse bringen sie in Verlegenheit und nötigen sie zur Flucht . Bei dem Gespräch, in dem sie sich dem Abbe erklärt, ist sie 'sehr bewegt" . Es war im übrigen die gemeinsam durchlitte-ne Sorge um den vermeintlich in Lebensgefahr schwebenden Felix, die Wilhelm und Natalie definitiv zusammengeführt hatte:
'Das Kind wollte sich nicht von Natalien trennen lassen. Wilhelm saK vor ihr auf einem Schemel; er hatte die Füße des Knaben auf seinem Schoßt, kopl und llrusi lauen auf dem ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen Sorben uiul verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an" .
      Die Szene stellt die Verbindung Natalies und Wilhelms ins /eichen eines selbstlosen Handelns für andere: Natalie, deren Lcbcnsgcsct/, die teilnehmende Zuwendung zu ihren Mitmenschen ist , gibt zu erkennen, daß sie Mutterstelle bei Felix vertreten will. Wilhelm hatte schon früher die Verantwortung für das Kind anerkannt und war damit ans Ziel seiner Lehrjahre gelangt . Diesen Entschluß, sich in die moralische Ordnung zu integrieren und für andere zu wirken, bestätigt er nun durch die Verbindung mit Natalie.
      Es entspricht Goethes symbolischem Darstellungsverfahren, daß die Reihe der Romanfiguren, auch der weiblichen, auf den ideellen Gehalt des Werks bezogen ist. Der Autor selbst hat diesem Umstand nach einer späteren Lektüre des Werks besonderes Gewicht beigemessen: Er empfand 'Freude und Beruhigung" darüber, 'daß der ganze Roman durchaus symbolisch sei, daß hinter den vorgeschobenen Personen durchaus etwas Allgemeines, Höheres verborgen liege" .
      Es leuchtet ein, daß in Philine eine unreflektierte Sinnlichkeit geschildert ist, während sich in der Schönen Seele ein Ãobermaß von Reflexion bei Zurückdrängung aller sinnlichen Antriebe und Vernachlässigung der praktischen Weltbewältigung zeigt. In Natalie wird man ohne Schwierigkeit eine Idealfigur erkennen, die für eine anstrengungslos verwirklichte Synthese des Guten und Schönen steht. Aber man sollte die Figuren nicht in eine systematische Ordnung zwingen, in der sie als Momente eines ausgeklügelten Systems figurieren . Ein solcher Ansatz ließe sich mit der Komplexität der im Roman ausgebreiteten Wirklichkeit kaum in Einklang bringen. Goethe selbst hat vor systematisierenden Deutungen gewarnt und das Werk zu seinen 'incalculabelsten Produktionen" gerechnet .
     

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