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Wilhelm Meisters Entwicklung: Bildung oder Degeneration?



Seit den Tagen der Frühromantik sind immer wieder Einwände gegen Wilhelm Meisters Lehrjahre, insbesondere gegen den Schluß des Romans erhoben worden. Novalis tadelte die 'ängstliche Peinlichkeit des 4. Teils" und den Sieg der 'Ã-konomie" über die Poesie, der ihm das Buch 'odiös" machte . In der Entwicklung des Helden konnte er nicht mehr finden als eine 'Wallfahrt nach dem Adelsdiplom" . Diese heftige Kritik findet Parallelen in Friedrich Schlegels Notizbüchern, wo dem Wilhelm Meister entgegengehalten wird, er sei 'nicht ganz mystisch" und ihm fehle 'wirkliche poetische Bedeutung" . Die romantischen Kritiker stießen sich offensichtlich an der Tendenz zum pragmatischen Kompromiß, zum tätigen Sich-Einrichten in der Wirklichkeit, die den Zielpunkt von Wilhelm Meisters Entwicklung bestimmt. Sie sahen hier den Geist der 'progressiven Universalpoesie" verraten, die unabschließbare Bewegung zu einer alle Entzweiungen überwindenden Synthese abgebrochen.
      Moderne Kritiker, die gegen die Tendenz von Wilhelm Meisters Entwicklung Einwände erhoben, gingen in der Regel nicht mehr von der romantischen Kunstreligion und ihrem hochfliegenden Poesiebegriff aus, sondern von einer Vorstellung persönlicher Selbstverwirklichung, der alle Entsagung und Beschränkung nur als Verstümmelung der Individualität erschien. Diese Auffassung steht offensichtlich hinter Karl Schlechtas These, aus Goethes Romanheld werde im Gang seiner Geschichte 'ein schattenhaftes, ein unbestimmtes Etwas" . In ähnliche Richtung deutet Heinz Schlaffers Meinung, man habe die Lehrjahre als 'Zerstörungsroman" zu verstehen . Auch Klaus-Dieter Sorg glaubt zu erkennen, Wilhelm Meister verändere sich bei seinem Eintritt in die Turmgesellschaft zu seinem Nachteil , und Jochen Hörisch sieht den Goetheschen Bildungshelden am Ende bei einem 'wunschlosen Unglück" angelangt .
      Hinter solchen Einwänden steht ein Unbehagen an der Disziplinierung des Helden, an der Dämpfung seiner Emotionen und an der Anerkennung eines auf pflichtmäßige Tätigkeit gegründeten Lebensethos. Daß Wilhelm Meister sich mit temperierten Gefühlen Therese und Natalie zuwendet, wird nicht als Zeichen größerer Bewußtheit und Reife, sondern als Rückschritt und Verlust gewertet . Diese Deutungsvorschläge stehen im Zeichen eines sensiblen Subjektivismus, der auf alle heteronome Bestimmung allergisch reagiert und das Recht des Einzelnen auf Verwirklichung seiner persönlichen Aspirationen leidenschaftlich verteidigt. Die Aufforderung, sich zu beschränken und äußere Ordnungen anzuerkennen, muß da leicht als Programm einer emotionalen und vitalen Reduktion, ja einer Verkrüppelung der Persönlichkeit erscheinen. Wo solche Wertungen gelten, da fehlen ganz offensichtlich die Voraussetzungen dafür, den in Goethes Roman geschilderten Entwicklungsgang als geglückt und beispielhaft aufzufassen.
      Es kann nun allerdings kein Zweifel bestehen, daß die von modernen subjekti-vistischen Stimmungen getragenen Urteile über Wilhelm Meisters Lehrjahre an der Intention des Autors und an der inneren Tendenz des Werks vorbeigehen. Man wird in ihnen eher eine vom Standpunkt des späteren 20. Jahrhunderts aus geführte Polemik gegen das Bildungsideal der deutschen Klassik sehen als eine Deutung des Romans, die dessen Gehalt von seinen konkreten historischen Voraussetzungen her erfassen will. Die Wahrheitsmomente der Goetheschen Bildungsvorstellung einerseits und die eines auf integrale Selbstverwirklichung zielenden Subjektivismus andererseits in einem philosophischen Räsonnement gegeneinander abzuwägen, ist hier nicht der Ort.
      Die meisten der zahlreichen Interpreten indessen haben die Lehrjahre als glücklich endenden Bildungsroman verstanden. Dieser Deutung hat bereits der erste Leser des Buches, Schiller nämlich, präzis formulierte Leitsätze geliefert, etwa wenn er 'das Ziel, bei welchem Wilhelm nach einer langen Reihe von Verirrungen endlich anlangt", mit folgender vielzitierter Wendung beschreibt: 'Er tritt von einem leeren und unbestimmten Ideal in ein bestimmtes tätiges Leben, aber ohne die idealisierende Kraft dabei einzubüßen" . Schiller sah selber deutlich, daß der Held des Romans nicht in erfolgreicher Lebens-Meisterschaft vorgeführt ist, sondern daß er gewissermaßen an der Schwelle der Erfüllung stehen bleibt:
'Freilich ist es für den Roman ein zarter und heikeligter Umstand, daß er, in der Person des Meister, weder mit einer entschiednen Individualität noch mit einer durchgeführten Idealität schließt, sondern mit einem Mitteldinge zwischen beiden. Der Charakter ist mdividual, aber nur den Schranken und nicht dem Gehalt nach, und er ist ideal, aber nur dem Vermögen nach. Er versagt uns sonach die nächste Befriedigung, die wir fordern , und verspricht uns eine höhere und höchste, die wir ihm aber auf eine ferne Zukunft kreditieren müssen" .
      Goethe hat diesen Deutungsansätzen nicht widersprochen, auch wenn er sich in späteren Jahren bisweilen sehr zurückhaltend über die Möglichkeit äußert, in den Lehrjahren einen geistigen Mittelpunkt aufzuzeigen . Immerhin steht außer Zweifel, daß er den Helden am Ende des Buches an einem 'glücklichen Ziel" angelangt sieht. Wilhelm Meister täuscht sich nicht, wenn er im letzten Satz des Romans von seinem 'Glück" spricht, das er nicht verdient habe und das er mit keinem andern Zustand vertauschen möchte . Indem er die Vaterstelle bei seinem Sohn Felix übernimmt, sich mit Natalie verlobt und im Kreis der Turmgesellschaft einer 'reinen und sichern Tätigkeit" entgegengeht , ist er in feste, auf Dauer angelegte Verhältnisse eingetreten. Wenn dies der Zielpunkt einer zunächst von Irrtümern und falschen Ambitionen bestimmten Lebensgeschichte ist, dann stellt sich dieser Prozeß nicht als Degeneration, als Schwächung und Verkümmerung des Helden dar, sondern eindeutig als ,Bildung' im Sinne eines Hineinfindens in bejahte Bindungen und als Ãobernahme einer sinnvollen Bestimmung.

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