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ur Entstehung des Romans



Den Briefen und Tagebüchern Goethes und den Bemerkungen der Zeitgenossen läßt sich entnehmen, daß von etwa 1777 an eine erste Fassung des Wilhelm Meister niedergeschrieben wurde. Das Manuskript blieb unveröffentlicht und ist dann in den neunziger Jahren im Text der Lehrjahre aufgegangen. Da sich im Nachlaß Goethes keine Kopie des 'Ur-Meisters" fand, mußte man diese Vorstufe der Lehrjahre als verloren betrachten.

      Es gehört bekanntlich nicht zu den Gewohnheiten der Philologen, sich mit Spekulationen deshalb zurückzuhalten, weil man über einen bestimmten Sachverhalt positiv nichts wissen kann. So kursierten abenteuerliche Mutmaßungen über den verschollenen Roman, etwa die, daß er von der Liebesvereinigung Wilhelm Meisters mit Mignon und der gemeinsamen Flucht nach Italien erzähle. Es war keine geringe Sensation, als im Jahre 1910 doch noch eine Abschrift von Goethes verloren geglaubtem Romanfragment auftauchte und sich nun durch einen Vergleich der Texte klären ließ, warum der erste Werkplan aufgegeben worden war und welche neuen thematischen und formalen Elemente sich nach der 'klassischen Wendung" des Autors in seinem Romanschaffen durchgesetzt hatten.
      Aufschlußreiche Anhaltspunkte bieten in diesem Zusammenhang die Bemerkungen in der Italienischen Reise, die vom Plan einer Wiederaufnahme des Romans sprechen und auch eine Änderung der Konzeption andeuten. Daß der neu zu fassende Wilhelm Meister die in Italien gewonnenen Erfahrungen aufnehmen sollte, zeigt ein auf den Oktober 1787 datierter Brief:
'Ich habe Gelegenheit gehabt, über mich selbst und andere, über Welt und Geschichte viel nachzudenken, wovon ich manches Gute, wenngleich nicht Neue, auf meine Art mitteilen werde. Zuletzt wird alles im ,Wilhelm' gefaßt und geschlossen" .
      Der 'Zweite römische Aufenthalt" stellt es als ein wesentliches Resultat der italienischen Reise hin, daß Goethe bewußt wurde, nicht zum bildenden Künstler geschaffen zu sein. Er verzichtete deshalb auf seine Ambitionen auf dem Feld des Zeichnens und der Malerei, um sich der Poesie als seiner eigentlichen Aufgabe zuzuwenden . Daß eine solche bewußte Beschränkung nötig ist, wenn man zu produktiver Tätigkeit finden will, ist eine der zentralen Bildungserfahrungen Goethes in diesen Jahren: Der Mensch muß sich von 'falschen Tendenzen" befreien, er hat ehrgeizige Prätentionen aufzugeben, wenn ihm deutlich wird, daß deren Erfüllung jenseits seiner individuellen Möglichkeiten liegt.
      Diese Erkenntnis ist für die Umarbeitung des unvollendeten Wilhelm-Meister-Manuskripts in die Lehrjahre von entscheidender Bedeutung. Denn die Fixierung des Helden auf das Theater wird nun als Irrtum, als ambitiöse Selbsttäuschung dargestellt, über die er sich durch desillusionierende Erfahrungen klarwerden muß, um sich am Ende in einer durch sittlichen Entschluß eingeschränkten 1 .ebensform zu beruhigen. Diese Verlagerung der Gewichte führt dazu, daß in den Lehrjahren das Theater nicht mehr im Mittelpunkt steht: Es ist jetzt nur noch Etappe der Entwicklungsgeschichte, ein Abweg und Irrtum.
      Bei der Umarbeitung war es nicht immer einfach, die veränderten Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen. Schiller beanstandete in seinen brieflichen Kommentaren zum Fünften Buch, Goethe habe den Erörterungen zum Schauspielwesen mehr Raum zugebilligt, 'als sich mit der freien und weiten Idee des Ganzen verträgt", wodurch der 'falsche Schein eines besonderen Zweckes" in den Roman geraten sei . Goethe erkannte diesen Einwand an, ließ 'bei einigen Stellen die Schere wirken" und erklärte seine Gestaltungsschwierigkeiten aus den Problemen bei der Umformung des Textes: 'Dergleichen Reste der früheren Behandlung wird man nie ganz los, ob ich gleich das erste Manuskript fast um ein Drittel verkürzt habe" .
      Erleichtert wurde der Umbau des Theater-Romans zu einer Bildungsgeschichte dadurch, daß auch der Held der Theatralischen Sendung bereits in einem Entwicklungsgang vorgeführt worden war. Er hatte sich mit der Welt auseinandersetzen und mit sich selbst ins reine kommen müssen, damit sein künstlerisches Schaffen das nötige Fundament bekam. Außerdem hatte er sich von seiner bürgerlichen Herkunft zu lösen, weil deren Enge keinen Raum für die innere und äußere Entfaltung eines freien Künstlertums bot: Aus der Perspektive seiner Eltern mußte der Schritt zur Bühne als Anschluß ans fahrende Volk erscheinen. Dieses Motiv der Emanzipation aus dem bürgerlichen Milieu bleibt auch in den Lehrjahren wichtig — allerdings nicht mehr als Freisetzung für die Laufbahn eines bedeutenden Theatermannes, sondern als Bedingung für die Selbstfindung des Helden.
      Der thematischen Umorientierung des Wilhelm-Meister-Romans entsprach eine Änderung des Erzählstils und der Sprache. Das realistische Detail wurde gedämpft, die Gegenstände erschienen nicht mehr in ihrer sinnlich faßbaren Besonderheit, sondern in ihren typischen Qualitäten. Die lebhafte, bisweilen drastische und mundartlich gefärbte Sprache der Sendung wurde bei der Ãœberarbeitung in den neunziger Jahren geglättet, die Sätze wurden mit Parallelen und Kontrasten gegliedert und in ausgewogenen Spannungsbögen organisiert .
      Unterschiede zwischen der Theatralischen Sendung und den Lehrjahren festzustellen, bedeutet keineswegs, Werturteile zu fällen. Es wäre ein Mißverständnis, in dem realistischen und spontaneren Stil des frühen Fragments einen Mangel an gestalterischer Kraft zu sehen; und es wäre ebenso verfehlt, den Lehrjahren Künstlichkeit, Blässe und Wirklichkeitsverlust vorzuwerfen. Die Interpreten, die solche Wertungen verfochten, erwiesen sich als wenig willig oder fähig, die grundsätzlich unterschiedlichen Intentionen der beiden Texte zu erfassen.

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