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Äußere Bedingungen des guten Endes



Goethe hat aus größerem zeitlichen Abstand erklärt, der Sinn von Wilhelm Meisters Lehrjahren sei in den Worten ausgesprochen, die Friedrich auf der letzten Seite des Buches an den Helden richtet: 'Du kommst mir vor wie Saul, der Sohn Kis, der ausging, seines Vaters Eselinnen zu suchen, und ein Königreich fand" . Das heißt doch wohl, daß Wilhelms Glück als das Resultat einer über seinen Kopf hinweg wirkenden wohlwollenden Fügung aufzufassen ist. Für eine religiöse Deutung dieser Fügung im Sinne göttlicher Gnade oder providentieller Führung gibt der Roman keinen Anlaß. Manchen Interpreten schien die Affinität zum Glücksmärchen einleuchtender , ja gelegentlich wollte man in dem Wilhelm Meister des Romanschlusses einen wahren 'Hans im Glück" erkennen .
      Es ist nun allerdings nicht recht einleuchtend, daß der Roman seinen beträchtlichen erzählerischen Aufwand triebe und den Protagonisten und die Turmgesellschaft über die Probleme menschlicher Bildung ausführlich räsonieren ließe, nur um am Ende das Ganze in einem unverbindlichen Happy-End aufzulösen. So liegt es durchaus nahe, den glücklichen Romanschluß daraufhin zu befragen, was er über die Lebensmöglichkeiten des Menschen, über sein Verhältnis zur Welt und seine Stellung in einer umgreifenden Ordnung aussagt.
     
An Wilhelm Meisters Geschichte zeigt sich, daß der Mensch ahnungsweise sein Ziel in sich trägt und daß zwischen seinen Aspirationen und der Weltordnung eine Art prästabilierter Harmonie besteht. Diese garantiert, daß noch der Irrtum förderlich wirken kann. Es bedarf daher keines klaren Bewußtseins über die Richtung des Lebensgangs, um am Ende zu einem 'Königreich" zu kommen.
      Der Gedanke liegt nahe, eine solche bewußtseinslos sich vollziehende Entwicklung zum vorbestimmten Ziel als Wachstumsprozeß wie bei einer Pflanze aufzufassen. In der Tat hat man in Wilhelm Meisters Lehrjahren den Roman 'von der Metamorphose des Menschen" sehen wollen . Nun hat Goethe zwar wiederholt das Entwicklungsgesetz der Metamorphose als für alle organischen Wachstumsprozesse gültig bezeichnet . Bei der Bildung des Menschen ergibt sich indessen eine wesentliche Modifikation dadurch, daß hier die Möglichkeit der Selbstbestimmung und damit die Kategorie sittlicher Verantwortung ins Spiel kommt. Andreas B. Wachsmuth hat den kategorialen Unterschied zwischen pflanzenhafter Entfaltung und menschlicher Bildung deutlich betont: 'Sie war des Menschen Vorrecht und seine eigene Leistung. Naturgebunden blieb sie nur darin, daß sie im Hausrat der angeborenen Kräfte nicht mit Willkür schalten durfte. Mit der Möglichkeit zur Bildung überließ und übertrug die Natur dem Geisteswesen Mensch ihr eigenes Geschäft zur Weiterführung" .
      An planvoller, ihrer Ziele deutlich bewußter Bildungsanstrengung hat es nun aber im irrtumsreichen Lebensgang Wilhelm Meisters offensichtlich gefehlt. Sein dunkler Drang allein kann das gute Ende nicht garantieren. Ihm muß vielmehr eine Weltordnung entgegenkommen, die den gutwillig Strebenden durch die undurchschaubaren Wechselfälle des Lebens hilfreich hindurchführt. Vorausgesetzt ist dabei, daß Individuum und Welt sich nicht feindlich und fremd gegenüberstehen, sondern daß in beiden das gleiche Gesetz wirkt. Eine Deutung des Lebensprozesses nach diesem Muster entsprach offenbar Goethes eigener Erfahrung. Als er in der Campagne in Frankreich den inneren Zusammenhang seiner Biographie überdenkt, gelangt er zu der Feststellung, ihm selbst sei 'das wunderbare Los" beschieden gewesen, 'durch manche Stufen der Prüfung, des Tuns und Duldens durchzugehen, so daß ich, in eben der Person beharrend, ein ganz anderer Mensch geworden, meinen alten Freunden fast unkenntlich auftrat." In diesem Wandel ist ihm eine klare Tendenz nicht erkennbar. Aber auch wenn dem Verstand das Bewegungsgesetz des Lebensprozesses verschlossen bleibt, darf man - wie Goethe in der Fortsetzung der zitierten Stelle andeutet - auf den guten Sinn der Entwicklung vertrauen:
'Es würde schwer halten, auch in späteren Jahren, wo eine freiere Ãœbersicht des Lebens gewonnen ist, sich genaue Rechenschaft von jenen Ãœbergängen abzulegen, die bald als Vorschritt, bald als Rückschritt erscheinen, und doch alle dem gottgeführten Menschen zu Nutz und Frommen gereichen müssen" .
      Diese Sätze bezeugen den 'fast freudigen und vertrauenden Fatalismus", den Nietzsche am Grund der Goetheschen Denkweise erkannte . Eben dieser optimistische Fatalismus trägt die Geschichte Wilhelm Meisters und sichert durch alle Verwirrungen und falschen Tendenzen hindurch ihr gutes Ende. Wichtig zu sehen ist, daß Goethe sein Konzept auf eine den Dingen immanente einheitliche Teleologie gründete. Dieser Glaube ermöglichte es ihm, das 'Wahre", wie Georg Simmel formuliert hat, als das 'in die Lebenstotalität förderlich Eingefügte" zu begreifen .
     

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