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Subjektive Voraussetzungen für einen gelingenden Bildungsprozeß



Daß Wilhelm Meister am Ende seiner Lehrjahre ein Glück erreicht, das er 'mit nichts in der Welt vertauschen möchte" , verdankt er nicht seinem eigenen Scharfblick und seinem unbeugsamen Willen - im Gegenteil: der gute Schluß kommt offensichtlich ohne sein Zutun zustande. Schon Schiller hatte in einer kantisch klingenden Wendung festgestellt, das Ganze zeige 'eine schöne Zweckmäßigkeit, ohne daß der Held einen Zweck hätte" .
      Dennoch scheint der Roman Wilhelm persönliche Eigenschaften zusprechen zu wollen, die ihn seines Glückes würdig machen. Bei der Gegenüberstellung mit Werner zu Beginn des letzten Buches erscheint die Person Wilhelms in sehr vorteilhaftem Licht, während es von Werner heißt, er sei 'eher zurück als vorwärts gegangen" . Entscheidend für das Stocken oder Fortschreiten der Entwicklung ist die Bildungsbemühung des Einzelnen: Wo sie fehlt, kommt es nur zu einem bequemen Arrangement im Gegebenen, nicht aber zu einer Entfaltung der individuellen Daseinsmöglichkeiten. Jarno resümiert die Erfahrungen der Turmgesellschaft zu dieser Frage:
'Nicht allen Menschen ist es eigentlich um ihre Bildung zu tun; viele wünschen nur so ein Hausmittel zum Wohlbefinden, Rezepte zum Reichtum und zu jeder Art von Glückseligkeit. Alle diese, die nicht auf ihre Füße gestellt sein wollten, wurden mit Mystifikationen und anderem Hokuspokus teils aufgehalten, teils beiseitegebracht. Wir sprachen nach unserer Art nur diejenigen los, die lebhaft fühlten und deutlich bekannten, wozu sie geboren seien, und die sich genug geübt hatten, um mit einer gewissen Fröhlichkeit und Leichtigkeit ihren Weg zu verfolgen" .
      Wilhelm Meister gehört nun ohne Zweifel zu denen, die den Willen zur Entfaltung ihrer Talente und zu fruchtbarer Wirkung nach außen in sich tragen und in die Tat umzusetzen versuchen. Zwar folgt er über lange Strecken einer 'falsehen Tendenz", doch verrät er dabei nicht jenes Element seiner Natur, das Schiller die 'idealisierende Kraft" genannt hat . Therese stellt Wilhelm deshalb neben Natalie und entdeckt in ihm 'das edle Suchen und Streben nach dem Bessern, wodurch wir das Gute, das wir zu finden glauben, selbst hervorbringen" .
      Der Oheim hatte die Ausbildung der individuellen Natur und ihre produktive Einwirkung auf die Umwelt auf eine 'schöpferische Kraft" zurückgeführt, die den Menschen unablässig antreibt . In der Entwicklungsgeschichte Wilhelm Meisters zeigt sich, daß diese Kraft durch Irrtümer in eine falsche Richtung gedrängt werden kann und daß auch von guten Vorsätzen getragene Aktivitäten unfruchtbar bleiben können. Erst am Ende des Romans, als er zur Aufklärung über sich selbst und zu einer neuen Orientierung seiner Existenz gelangt ist, öffnet sich für Wilhelm der Ausblick auf eine zielbewußte und beständige Lebenspraxis.
      Am Beispiel Marianes, Mignons und des Harfners zeigt der Roman, daß der Einzelne als Opfer ungünstiger Verhältnisse oder fataler Konstellationen in die Katastrophe getrieben werden kann. Daß menschliche Lebensläufe zu einem glücklichen Ende finden, ist offensichtlich nicht selbstverständlich, ja nicht einmal die Regel . Es stellt sich daher die Frage, welche äußeren Faktoren es sind, die Wilhelm Meisters Weg durch alle Irrtümer und Gefährdungen hindurch sichern.

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