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Stationen von Heinrichs Bildungsgang



An der einzigen umfangreicheren Stelle, an der sich der Erzähler des Romans kommentierend einschaltet, gibt er dem Leser zu verstehen, daß der Held der Geschichte eine folgerichtige Kette von Episoden durchläuft, an deren Ende er seine Bestimmung zum Dichter verwirklichen wird:
„Mannichfaltige Zufälle schienen sich zu seiner Bildung zu vereinigen, und noch hatte nichts seine innere Regsamkeit gestört. Alles was er sah und hörte schien nur neue Riegel in ihm wegzuschieben, und neue Fenster ihm zu öffnen. Er sah die Welt in ihren großen und abwechselnden Verhältnissen vor sich liegen. Noch war sie aber stumm, und ihre Seele, das Gespräch, noch nicht erwacht. Schon nahte sich ein Dichter, ein liebliches Mädchen an der Hand, um durch Laute der Muttersprache und durch Berührung eines süßen zärtlichen Mundes, die blöden Lippen aufzuschließen, und den einfachen Accord in unendliche Melodien zu entfalten" .


      Die Folge der bedeutungsvollen Begegnungen wird eröffnet durch den Fremden, dessen Erzählung in Heinrich den prophetischen Traum von der blauen Blume aufsteigen läßt. In den Kaufleuten treten ihm praktisch denkende Männer entgegen, denen „Einsicht und Ansehn in irdischen Dingen" wichtig ist . Heinrich widerspricht ihnen und erklärt sich unter Berufung auf seinen Lehrer, den Hofkaplan, für den „Weg der Betrachtung" , wird aber später von Klingsohr ganz ähnliche Lehren über die Bedeutung der Weltkenntnis hören .
      Die Kreuzritter erwecken in Heinrich „kriegerische Begeisterung" , was möglicherweise auf eine für den unvollendeten zweiten Teil des Romans geplante Episode vorausdeutet, in der Heinrich als siegreicher Held figurieren sollte . In der unmittelbar folgenden Begegnung mit der Morgenländerin Zulima werden ihm die leidvollen Konsequenzen kriegerischer Auseinandersetzungen vor Augen geführt. Zugleich lernt er durch Zulimas Erzählung eine fremde Welt kennen, in der eine „reine starke Empfänglichkeit für die Poesie des Lebens" herrscht und die Natur eine „wunderbare, geheimnißvol-le Anmuth" zeigt .
      In der Gestalt des alten Bergmanns trifft Heinrich auf ein tätiges und zugleich andächtiges Verhältnis zur Natur. Die einsame Arbeit in den unterirdischen Schächten erhält die „kindliche Stimmung", in der „alles mit seinem eigenthüm-lichsten Geiste und in seiner ursprünglichen bunten Wunderbarkeit erscheint" . Diese Begegnung ist von großer Bedeutung für Heinrich, da er durch sie die Natur neu zu sehen lernt:
„Die Worte des Alten hatten eine versteckte Tapetenthür in ihm geöffnet [...]. Wie wunderte er sich, daß ihm diese klare, seinem Daseyn schon unentbehrliche Ansicht so lange fremd geblieben war. Nun übersah er auf einmal alle seine Verhältnisse mit der weiten Welt um ihn her" .
      Durch den Einsiedler erfährt Heinrich in der nächsten Episode, daß auch die Geschichte mit frommem Sinn zu betrachten ist und daß sie nur in poetischem Geist dargestellt werden kann . Auch hier wird die verwandelnde Wirkung dieser Erfahrung besonders hervorgehoben: Heinrich, so heißt es, fühlte „neue Entwickelungen seines ahndungsvollen Inneren. Manche Worte, manche Gedanken fielen wie belebender Fruchtstaub, in seinen Schooß, und rückten ihn schnell aus dem engen Kreise seiner Jugend auf die Höhe der Welt" .
      Die letzten Abschnitte des ersten Romanteils stehen im Zeichen der Begegnung mit der Liebe und der Dichtung. Beide Bereiche sind miteinander verbunden: Die Geliebte ist die Tochter des poetischen Lehrers, und die beiden Erfahrungen führen in dieselbe Richtung, ja sie verfließen ineinander. Für Heinrich ist Mathilde „der sichtbare Geist des Gesanges" . Als Klingsohr die Momente aufzählt, in denen Heinrich „der Geist der Dichtkunst" nähergekommen ist , da fällt ihm sein Zögling ins Wort: „Ihr vergeßt das Beste, lieber Meister, die himmlische Erscheinung der Liebe" . Und im Gespräch mit Mathilde läßt er keinen Zweifel, daß die Liebe ihn in die gleiche Sphäre erhebt wie die Poesie: „Von dir allein kommt mir die Gabe der Weißagung [...]; deine Liebe wird mich in die Heiligthümer des Lebens, in das Allerheiligste des Gemüths führen, du wirst mich zu den höchsten Anschauungen begeistern" . Klingsohr selbst, der Heinrich über das Geschäft des Dichters belehrt, hat einen universalen Begriff von der Poesie: Sie ist ihm „die eigenthümliche Handlungsweise des menschlichen Geistes". Zur Erläuterung verweist er auf die Liebe, die er mit der Poesie gleichsetzt:
„Nirgends wird wohl die Nothwendigkeit der Poesie zum Bestand der Menschheit so klar, als in ihr. Die Liebe ist stumm, nur die Poesie kann für sie sprechen. Oder die Liebe ist selbst nichts, als die höchste Naturpoesie" .
      Alle Erfahrungen, die Heinrich auf seinem Weg macht, erweisen sich als Förderung, nirgendwo gerät er in Konflikte, in Irrtümer oder in die Gefahr des Scheiterns. Was ihm an Neuem begegnet, irritiert ihn nie, denn es scheint ihm längst bekannt. Langer Verarbeitung und Durchdringung bedarf es nicht, denn Heinrichs Natur war darauf angelegt, alle begegnenden Erfahrungen spontan aufzunehmen und zu verstehen. Wohin er auch gelangt, er kommt immer bei sich an. Kaum hat er die Worte des Einsiedlers gehört, glaubt er, „nie anders gedacht und empfunden zu haben" . Daß die äußere Welt dem sich bildenden Poeten stets entgegenkommt , zeigt sich auch im Ablauf der Liebesgeschichte: Sie hat kaum begonnen, da ist sie schon am Ziel. Mathilde und Heinrich sinken sich ohne Zögern und ohne alle Hinderung von außen in die Arme.
      Daß allerdings die Poesie und die Wirklichkeit nicht immer in einem harmonischen Verhältnis stehen, deutet Klingsohr an:
„Ich weiß nicht [...], warum man es für Poesie nach gemeiner Weise hält, wenn man die Natur für einen Poeten ausgiebt. Sie ist es nicht zu allen Zeiten. Es ist in ihr, wie in den Menschen, ein entgegengesetztes Wesen, die dumpfe Begierde und die stumpfe Gefühllosigkeit und Trägheit, die einen rastlosen Streit mit der Poesie führen. Er wäre ein schöner Stoff zu einem Gedicht, dieser gewaltige Kampf" .
      Die Konflikte, die hier angedeutet sind, bleiben jedoch in der Geschichte Heinrichs ausgespart. Sie demonstriert lediglich jene schöne Entsprechung zwischen Ich und Welt, von der auch die Fragmente des Novalis sprechen: „Das Universum völlig ein Analogon des menschlichen Wesens in Leib - Seele und Geist. Dieses Abbreviatur, jenes Elongatur derselben Substanz" .
      Die Entwicklung Heinrichs, die der Roman selbst als „Bildung" bezeichnet , kommt an ihr Ziel, ohne daß der Held sich unter dem Eindruck seiner Erfahrungen substantiell verändern müßte. Er durchlebt einen ruhig fortschreitenden Prozeß der Ausfaltung seiner Natur und gelangt zu einem immer breiter fundierten Einklang mit der Welt. Diese Harmonie und Konfliktlosigkeit der erzählten Entwicklung macht den Ofterdingen zu einem besonderen Fall in der Geschichte des deutschen Bildungsromans - ebenso wie das anvisierte Ziel, das in nichts Geringerem besteht als in der Erlösung der Welt durch die Wiederkehr des goldenen Zeitalters. Man kann sehr wohl fragen, ob man das Buch wegen dieser Besonderheiten überhaupt als Bildungsroman bezeichnen sollte. Denn ist nicht gerade der Kern des Bildungsproblems, die spannungsvolle Auseinandersetzung zwischen Subjekt und Welt, bei Novalis eliminiert? Immerhin entstand der Ofterdingen auf dem Hintergrund einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Goetheschen Wilhelm Meister und gehört somit untrennbar zu dessen Wirkungsgeschichte. Außerdem war es die - freilich unter besonderen philosophischen Prämissen verfolgte — Absicht des Romans, das Werden eines Dichters und damit die exemplarische Erfüllung einer individuellen Lebensgeschichte zu schildern. Es scheint daher sinnvoll, ja unumgänglich, den Ofterdingen im Rahmen einer Geschichte des deutschen Bildungsromans zu betrachten.
     

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