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Selbst- und Weltkenntnis



Viele Interpreten haben gemeint, bei dem Helden des Goetheschen Bildungsromans lasse sich von kontinuierlichen Erkenntnisfortschritten nicht sprechen . In der Tat scheint Wilhelm Meister hartnäckig an seinen Irrtümern festzuhalten. Der Belehrung ist er kaum zugänglich, da er, wie der Erzähler feststellt, 'eine fast unüberwindliche Neigung" zum Selbstbetrug zeigt . Offensichtlich weiß Wilhelm an vielen Punkten seiner Geschichte nicht recht, was mit ihm vorgeht und wo seine wahre Bestimmung liegt. Sogar kurz vor dem Schluß des Romans noch will er sich von der Turmgesellschaft trennen . Der Held des Romans nähere sich, so die These, fortschreitend einer Erkenntnis seines eigenen Wesens, aber auch einer 'Bewußtseinsstufe, die ihm die empirische Wirklichkeit für die zugrundeliegende Seinsordnung transparent macht" .
      Man darf wohl zweifeln, ob Wilhelms Einsichten diesen hohen Anspruch erfüllen, aber es läßt sich doch aus einer ganzen Reihe einzelner Hinweise entnehmen, daß er über sich selbst und sein Verhältnis zur Welt zunehmend Klarheit gewinnt. Vor der Ãoberreichung des Lehrbriefs beispielsweise durchschaut er den Lebensirrtum, der ihn zum Theater führte . Und als er die Aufzeichnungen des Turm-Archivs über seine Bildungsgeschichte gelesen hat, wird es ihm möglich, seinen eigenen Lebensgang zu überblicken und für Therese niederzuschreiben .
      Aus seinen Erfahrungen wachsen ihm auch Einsichten in die Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Lebens zu. So wird ihm die Bedeutung einer fruchtbaren Tätigkeit in einem überschaubaren Lebenskreis bewußt. Außerdem erkennt er, daß sich die Aufgaben seiner Existenz aus deren natürlichem Fortgang selbst ergeben und nicht aus abstrakten Regeln deduziert werden müssen: ',0, der unnötigen Strenge der Moral!' rief er aus, ,da die Natur uns auf ihre liebliche Weise zu allem bildet, was wir sein sollen'" . Diese Erkenntnisse machen Wilhelm Meister nicht zum Philosophen und Menschheitslehrer, sondern zum Lebenspraktiker, der sein durch Erfahrung gewonnenes Wissen nicht in begriffliche Formeln faßt, sondern in seiner eigenen Existenz bewährt.
     

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