Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Goethezeit

Index
» Goethezeit
» Schwäche und Bildsamkeit. Zur Figur Wilhelm Meisters

Schwäche und Bildsamkeit. Zur Figur Wilhelm Meisters



Schon eine oberflächliche Betrachtung der Lehrjahre zeigt, daß ihr Held nicht als dynamische Figur angelegt ist, die durch entschiedene und zielbewußte Aktivität das erzählte Geschehen beherrschen könnte. Goethe selbst hat das mehrfach ausgesprochen, am deutlichsten wohl in einem Gespräch mit Kanzler von Müller, in dem er seinen Romanhelden einen 'armen Hund" nannte. Er habe nicht anders sein können, denn: 'nur an solchen lassen sich das Wechselspiel des Lebens und die tausend verschiedenen Lebensaufgaben recht deutlich zeigen, nicht an schon abgeschlossenen, festen Charakteren" .
      Auch spätere Kritiker haben häufig die Schwäche und Passivität Wilhelm Meisters registriert, ja gelegentlich hat man ihm so wenig Bedeutung beigemessen, daß man die Lehrjahre als 'Raumroman" interpretierte und das Buch in die Nähe der pikaresken Erzählwerke stellte, in denen die zentrale Figur bloß funktionalen Wert bei der Absicht breiter Weltdarstellung hat . Die meisten Deutungen haben indessen daran festgehalten, daß Goethes Roman nur von der Titelgestalt und ihrer Entwicklungsgeschichte her angemessen verstanden werden könne. Die verschiedenen denkbaren Interpretationsaspekte bezüglich der Figur Wilhelm Meisters sind bereits kurz nach dem Entstehen des Buches in der sofort einsetzenden kritischen Diskussion formuliert und gegen-einandergestellt worden. Schiller war zunächst offenbar der Ãœberzeugung, der Goethesche Romanheld erreiche am Schluß den glücklichen Zustand einer harmonischen Selbsterfüllung, der als Inbegriff menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten gelten könne. Er schrieb an Goethe, Wilhelm erreiche sein Ziel dadurch, 'daß er Bestimmtheit erlangt, ohne die schöne Bestimmbarkeit zu verlieren" .
      Schillers Freund Christian Gottfried Körner hat diese Deutung der Wilhelm-Meister-Figur noch verstärkt. In einem Brief, der im Jahrgang 1796 der Hören publiziert wurde, sieht er im Titelhelden geradezu den dynamischen Mittelpunkt des Romans: 'Was der Mensch nicht von außen empfangen kann - Geist und Kraft - ist bei Meistern in einem Grade vorhanden, für den der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind." - Seine 'Bildsamkeit" sei ohne 'Schwäche", und seine Entwicklung erscheine als die exemplarische Darstellung 'einer schönen menschlichen Natur, die sich durch die Zusammenwirkung ihrer inneren Anlagen und äußeren Verhältnisse allmählich ausbildet" .
      Eine entschieden abweichende Position bezog Wilhelm v. Humboldt, der Körners Auffassung in einem Brief an Goethe ausführlich kritisierte: 'Er [Körner] scheint in ihm [dem Helden des Romans] einen Gehalt zu finden, mit dem die konomie des Ganzen, wie ich glaube, nicht würde bestehen können, und dagegen hat er, wie mich dünkt, seine durchgängige Bestimmbarkeit, ohne fast alle wirkliche Bestimmung, sein beständiges Streben nach allen Seiten hin, ohne entschiedene natürliche Kraft nach einer, seine unaufhörliche Neigung zum Räsonieren und seine Lauigkeit, wenn ich nicht Kälte sagen soll, der Empfindung, ohne die sein Betragen nach Marianens und Mignons Tode nicht begreiflich sein würde, nicht genug getroffen" . Von diesen Ãœberlegungen her entwickelte Humboldt eine Deutung der Lehrjahre, für die es von entscheidender Wichtigkeit ist, daß Wilhelm Meister nicht als strukturbildendes Zentrum des Romans verstanden wird.
      Diese Einwände führten Schiller zu einer Revision seiner Deutung, insbesondere zu einer neuen Bestimmung der Rolle des Protagonisten: 'Wilhelm Meister ist zwar die notwendigste, aber nicht die wichtigste Person; eben das gehört zu den Eigentümlichkeiten Ihres Romans, daß er keine solche wichtigste Person hat und braucht. An ihm und um ihn geschieht alles, aber nicht eigentlich seinetwegen; eben weil die Dinge um ihn her die Energien, er aber die Bildsamkeit darstellt und ausdrückt, so muß er ein ganz ander Verhältnis zu den Mitcharakteren haben, als der Held in andern Romanen hat" .
      Zu dem brieflichen Disput zwischen Körner, Humboldt und ihm selber äußerte sich Schiller mit dem Stoßseufzer: 'Komisch genug ists, wie bei einem solchen Produkte so viel Streit in den Urteilen noch möglich ist." Man wagt nicht auszudenken, was er über die Meinungsverschiedenheiten späterer Kritiker-Generationen gesagt haben könnte.
      Allerdings erklären sich die bei den ersten Interpreten hervortretenden Unterschiede in der Deutung des Goetheschen Romanhelden keineswegs aus der Blindheit der an der Diskussion Beteiligten. Vielmehr läßt sich die Divergenz der Auffassungen aus der ambivalenten Stellung des Helden im Bildungsroman ableiten: Dieser steht nämlich einerseits im Zentrum des erzählerischen Interesses und erscheint am Ende in einem Zustand der Reife und an der Schwelle einer produktiven und innerlich ausbalancierten Lebenspraxis. Andererseits bleibt der Held, solange er sich noch auf dieses Ziel hinentwickelt, weithin unsicher, unfertig, passiv, verführbar und ohne verläßliche Einschätzung seiner Umwelt. Sieht man den Protagonisten der Bildungsgeschichte nun vor allem vom erfüllten Ende her , so verführt das leicht dazu, die Figur in den früheren Phasen ihrer Entwicklung zu überschätzen. Geht man indessen bei der Bewertung von der Kette der Irrtümer und Täuschungen aus, dann kann der Protagonist der Bildungsgeschichte leicht als Schwächling erscheinen, von dem nicht recht begreiflich wird, warum so viel erzählerisches Aufhebens von ihm gemacht wird.
      Die Figur Wilhelm Meisters erweckt wohl vor allem deshalb den Eindruck der Schwäche, Unsicherheit und Blässe, weil die praktische Bewährung der gewonnenen Reife, die tätige Auseinandersetzung mit der Welt und die Verbindung mit Natalie nicht ausdrücklich vorgeführt werden. Schiller beschrieb diese Schwierigkeit, als er anmerkte, man müsse dem Helden der Lehrjahre die höchste Erfüllung 'auf eine ferne Zukunft kreditieren" .
      Mit der Schwäche Wilhelms, mit seiner Anfälligkeit für Irrtümer und Selbsttäuschungen hängt es zusammen, daß er vom Erzähler des Romans auf höchst ironische Weise behandelt wird. So berichtet er etwa, daß Wilhelm sich 'das häusliche Leben eines Schauspielers als eine Reihe von würdigen Handlungen und Beschäftigungen [dachte], davon die Erscheinung auf dem Theater die äußerste Spitze sei" . Anschließend schildert er die chaotischen Verhältnisse im Zimmer Marianes und das wenig würdevolle Betragen der übrigen Schauspieler, um damit deutlich zu machen, daß Wilhelm sich in seinen Illusionen durch widersprechende Erfahrungen nicht irritieren läßt. Immer wieder führt der Roman mit mildem Spott die fragwürdigen Ambitionen seines Helden vor , und bisweilen kritisiert er ganz unverstellt die Irrtümer und Gefährdungen, in denen Wilhelm befangen ist .
      Wenn Wilhelm Meisters Lebensgang trotz aller Schwächen und Illusionen eine fruchtbare Entwicklung nimmt, so liegt das an seinem Willen zur Bildung der eigenen Person. Er begnügt sich nicht mit den vorgefundenen Verhältnissen, durch die er sich auf bequeme Weise festlegen lassen könnte, sondern er unterstellt sich bewußt einem höheren Anspruch. Schon früh, als er sich mit Werner über den Sinn der Kaufmanns-Existenz auseinandersetzt, hält er dem beschränkten Räsonnement seines Freundes entgegen: 'Gewöhnlich vergeßt ihr aber auch über eurem Addieren und Bilancieren das eigentliche Fazit des Lebens" . Die Bemühung um ein positives Lebensresultat steht hinter Wilhelms Bildungsvorsatz, den er auf dem Weg über das Theater verwirklichen will. Mag der gewählte Weg falsch sein, der Antrieb ist wertvoll und richtig — denn ohne ihn gäbe es keine Entwicklung. Jarno versteht daher die ehrgeizige und idealerfüllte Unruhe junger Leute als ein produktives Moment:
'Es ist gut, daß der Mensch, der erst in die Welt tritt, viel von sich halte, daß er sich viele Vorzüge zu erwerben denke, daß er alles möglich zu machen suche; aber wenn seine Bildung auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vorteilhaft, wenn er sich in einer größern Masse verlieren lernt, wenn er lernt, um anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmäßigen Tätigkeit zu vergessen" .
     

 Tags:
Schwäche  Bildsamkeit.  Zur  Figur  Wilhelm  Meisters    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com