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Produktive Wirkungen einer 'falschen Tendenz: Wilhelm Meister und das Theater



In den spät niedergeschriebenen autobiographischen Bemerkungen der Tag- und Jahreshefte heißt es zum Wilhelm Meister, der Roman beruhe auf dem Gedanken,
'daß der Mensch oft etwas versuchen möchte, wozu ihm Anlage von der Natur versagt ist, unternehmen und ausüben möchte, wozu ihm Fertigkeit nicht werden kann; ein inneres Gefühl warnt ihn abzustehen, er kann aber mit sich nicht ins klare kommen und wird .ml falschem Wege zu falschem Zwecke getrieben, ohne daß er weiß, wie es zugeht. Hiezu kann alles gerechnet werden, was man falsche Tendenz, Dilettantismus usw. genannt hat [...]. Gar viele vergeuden hiedurch den schönsten Teil ihres Lebens und verfallen zuletzt in wundersamen Trübsinn. Und doch ist es möglich, daß alle die falschen Schritte zu einem unschätzbaren Guten hinführen: eine Ahnung, die sich im .Wilhelm Meister' immer mehr entfaltet, aufklärt und bestätigt" .
      Als Wilhelm Meister kurz vor der Ãœberreichung des Lehrbriefs über die Rolle des Irrtums im Lebensgang aufgeklärt wird, da erkennt er in seiner ehrgeizigen Neigung zum Theater die 'falsche Tendenz" seines Lebens . Diese Einsicht ist schmerzlich, und sie setzt sich erst nach einer ganzen Reihe von Enttäuschungen und gegen beträchtlichen Widerstand durch. Wilhelm Meisters Begeisterung für die Bühne war auf hohe Ziele gerichtet: Er wollte künstlerischen und nationalpädagogischen Zwecken dienen, durch das Auftreten auf dem Theater zur 'öffentlichen Person" werden und sich damit eine freie, vom Gesichtspunkt bürgerlicher Nützlichkeit gelöste Bildung verschaffen . Die Hoffnung auf die Erfüllung dieser Ziele hat er lange gegen seine durchweg zweifelhaften Erfahrungen festgehalten. Bisweilen waren es aber auch Motive aus ganz anderer Richtung, die ihn an den Kreis der Schauspieler banden. Als die Truppe auf das Schloß des Grafen engagiert wurde und Wilhelm sich ihr anschloß, gab nicht mehr der Theaterenthusiasmus den Ausschlag. Vielmehr sind es die Hoffnung, das geliehene Geld von Melina wiederzubekommen, die Erwartung, in der großen Welt Menschenkenntnis zu gewinnen, und die Aussicht, die schöne Gräfin wiederzusehen, die Wilhelms Entschluß begründen . Trotzdem ist der Traum von der theatralischen Sendung noch nicht überwunden. Als Wilhelm vor der Unterzeichnung des Vertrages mit Serlo steht, glaubt er an das Wirken einer wohltätigen Fügung: 'Und muß ich nicht das Schicksal verehren, das mich ohne mein Zutun hierher an das Ziel aller meiner Wünsche führt? Geschieht nicht alles, was ich mir ehemals ausgedacht und vorgesetzt, nun zufällig ohne mein Mitwirken?"
Dieser fromme Glaube gerät ins Zwielicht der Ironie, als Wilhelm schon wenig später einsehen muß, 'daß dieses Handwerk [das des Theatermannes] weniger als irgendein anderes den nötigen Aufwand von Zeit und Kräften verdiene" . Jarno gegenüber läßt sich Wilhelm zu einer von Enttäuschung und Empörung gefärbten Strafrede über die Schauspieler hinreißen . Und doch reagiert er noch empfindlich, als er zur definitiven Absage an das Theater aufgefordert wird, weil ihm das nötige Talent fehle . Erst als er Serlos Truppe noch einmal besucht und dabei feststellt, daß man ihn keineswegs vermißt und seine Rollen längst von anderen erfolgreich übernommen worden sind , kann er sich innerlich von seinem alten 'Lieblingstraum" lösen. In einem Brief an Werner bekundet er den Entschluß, seiner Existenz eine neue Richtung zu geben: 'Ich verlasse das Theater und verbinde mich mit Männern, deren Umgang mich in jedem Sinne zu einer reinen und sichern Tätigkeit führen muß" .
      Durch diese Wendung wird die dem Theater gewidmete Lebensepoche Wilhelm Meisters allerdings nicht zu einem sinnlosen, gänzlich verfehlten Unternehmen erklärt. Was er hier erfahren hat, vermittelt eine Bekanntschaft mit der Welt und den Menschen, die in anderen Sphären ganz ähnlich hätte ausfallen können. Auf seine Scheltrede über die Schauspieler antwortet ihm Jarno: 'Wissen Sie denn, mein Freund [...], daß Sie nicht das Theater, sondern die Welt beschrieben haben, und daß ich Ihnen aus allen Ständen genug Figuren und Handlungen zu Ihren harten Pinselstrichen finden wollte?" Auch Wilhelms gesellige Talente, sein Aussehen und seine Manieren sind gefälliger und bestimmter geworden. Der Text des Romans sucht das deutlich zu machen, indem er Wilhelm mit seinem Jugendfreund Werner kontrastiert, der sich aus den Grenzen seiner bürgerlichen Herkunft nicht hinausbewegt hatte und dabei zu einem 'arbeitsamen Hypochondristen" geworden war . Die vorteilhaften Veränderungen im Wesen Wilhelms sind jedoch nicht bloß eine Folge des Auftretens auf der Bühne, sondern auch ein Resultat des Umgangs mit Angehörigen anderer sozialer Schichten, insbesondere des Adels. Damit dieser Umgang überhaupt möglich wurde, hatte Wilhelm sich der gewissermaßen außerständischen Gruppe der Schauspieler anschließen müssen. Als reisender Kaufmann wäre er kaum ins Boudoir der Gräfin geraten oder mit dem Prinzen ins Gespräch gekommen, wohl aber als Mitglied der auf das Schloß eingeladenen Theatertruppe. Erfahrungen dieser Art helfen ihm, über seine bürgerliche Unbeholfenheit und Befangenheit hinauszukommen, und sind eine notwendige Vorbereitung für den Eintritt in die Turmgesellschaft.
      Vor allem aber vermitteln die Begeisterung für das Theater und deren schließliche Enttäuschung die für den Bildungsprozeß entscheidend wichtige Erfahrung des Auslebens und Uberwindens einer 'falschen Tendenz". Erst nach dieser Selbsterprobung kann Wilhelm seine eigentliche Bestimmung erkennen.
     

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