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Pflichtmäßige Tätigkeit
Am Ende von Wilhelms Bildungsbemühungen steht nicht, wie er in seinem programmatischen Brief an Werner gehofft hatte, das 'Scheinen" in repräsentativer Selbstdarstellung, sondern die bewußte Beschränkung in fruchtbarem Handeln. 'Lassen Sie uns zusammen auf eine würdige Weise tätig sein!" sagt Lothario, wobei er auf Natalie als 'lebhaftes Beispiel" deutet .
Wie Georg Simmel in seinem Goethe-Buch deutlich macht, hat diese entschiedene Wendung zur Praxis ihren Grund in Goethes allgemeiner Lebensdeutung: 'Wie viele Äußerungen zeigen, ist ihm Tätigkeit nicht ein Inhalt oder Bewährung des Lebens neben andern, sondern sie ist ihm das Leben selbst, die spezifische Energie des menschlichen Daseins" . Ihre inhaltliche Orientierung findet die Tätigkeit aus dem Vollzug des Lebens selber, wie Wilhelm Meister erfährt, als er in Felix seinen Sohn erkennt: Er fühlt sich durch diese Lebenstatsache in der Wirklichkeit festgemacht und zur Anerkennung bestimmter moralischer Pflichten aufgerufen . Auf eben diese Wirkung des Lebensprozesses deutet Goethes Notiz: 'Wilhelm, der eine unbedingte Existenz führt, in höchster Freyheit lebt bedingt sich solche immer mehr, eben weil er frey und ohne Rücksichten handelt" . Simmel umschreibt den zugrundeliegenden Gedanken mit folgender Formulierung: 'Es ist in seiner [Goethes] Überzeugung von der naturhaften Harmonie dieses Daseins begründet, daß das Leben nur sich selbst überlassen zu werden braucht, d.h. daß die Tätigkeit in jedem Augenblicke ein nächstes Ziel vor sich habe, in dem alles für jetzt Notwendige beschlossen liegt, während vor dem nächsten Augenblick wieder seine Notwendigkeit steht" .
Indem sich die Tätigkeit Wilhelm Meisters auf andere bezieht und er in Gemeinschaft mit anderen wirkt, läßt er alle subjektivistische Vereinzelung und alle leeren Prätentionen hinter sich. Zugleich erkennt er die Beschränkung an, die sich aus seiner Individualität ergibt, ja er wendet diese Beschränkung ins Positive, indem er sie als Hinweis auf die komplementäre Ergänzung seiner Person durch andere begreift. Die Formulierungen des Lehrbriefs stellen außer Zweifel, daß alle menschlichen Anlagen ausgebildet werden sollen, - 'aber nicht in einem, sondern in vielen". Der Gedanke an eine universale Entfaltung des Einzelnen ist damit als illusorisch abgetan. Denn: 'Nur alle Menschen machen die Menschheit aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt" .
Daß der Mensch sich beschränken soll, ist keine heteronome Zumutung, die zu den Leiden der Entfremdung führen müßte. Denn die tätig realisierte Einschränkung soll der individuellen Anlage der Person entsprechen. Als konstanter Antrieb in Wilhelms Handlungen ist ein Engagement für andere hervorgetreten, ein Wille zu moralischer Wirkung, eine helfende Teilnahme. Schon hinter seinen Theater-Ambitionen stand der Wunsch, den 'besseren Funken" in seinen Mitmenschen anzufachen und eine nationalpädagogische Aufgabe zu erfüllen. Mignon und dem Harfner gegenüber beweist er den Willen, für die Hilfsbedürftigen Sorge zu übernehmen. Wilhelms Selbstlosigkeit und Verantwortungsgefühl zeigen sich besonders deutlich, als er den undankbaren und ungerechten Schauspielern nach dem Überfall seine Hilfe anbietet . Bezeichnend ist, daß dann die Zuwendung zu Felix jenen Punkt seiner Lebensgeschichte bildet, an dem die Lossprechung erfolgt und die Lehrjahre für beendigt erklärt werden. Die Verbindung mit Lothario und Natalie zeigt an, daß Wilhelms Zukunft im Zeichen praktischer Tätigkeit zum Wohle seiner Mitmenschen stehen wird.
Paradigmatisch an Wilhelms Geschichte ist die Art seiner Entwicklung bis zur Übernahme eines Lebensprogramms, in dem sich die in seiner Person angelegten Impulse erfüllen können. Die Besonderheiten seiner Rolle erklären sich aus Zufällen, etwa dem, daß er ein bedeutendes Vermögen erbt, und aus seiner individuellen Natur, beispielsweise aus dem Fehlen eines entschiedenen künstlerischen Talents. Andere Menschen haben jeweils aus ihrer eigenen Individualität eine ihnen angemessene Lebensform zu entwickeln, um den ihnen zugänglichen Aspekt der 'Menschheit" zu verwirklichen: 'Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn jenes unerläßlich geforderte Ebenmaß abgeht" Q.W. Goethe: Maximen und Reflexionen. Hg. v. M. Hecker, Nr. 474). |