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Zur Stellung des ,Titan' im Werk jean Pauls



Für Jean Paul ist die Poesie "die einzige zweite Welt in der hiesigen" . Die empirische erste Welt erscheint ihm platt, öde, seelenlos und von allem höheren Sinn verlassen. Daher muß sich die Seele mit Hilfe der Phantasie über sie hinausschwingen, um ihrer höheren Bestimmung innezuwerden. Das Gegebene kann ihr nie Erfüllung bieten, es kann nur Anstoß für eine frei ins Unendliche strebende Bewegung sein. Distanz zur Welt und Fixierung auf eine jenseitige Sphäre des Ideals sind daher die Charakteristika der "Hohen Menschen", die im Zentrum von Jean Pauls Romanen stehen. In der Unsichtbaren Loge wird ihnen "die Erhebung über die Erde, das Gefühl der Geringfügigkeit alles irdischen Thuns und der Unförmlichkeit zwischen unserem Herzen und unserem Orte" zugeschrieben . Gustav, der Held dieses Romans, findet über den schroffen Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit, von hochfliegenden Ambitionen und desillusionierender Erfahrung nicht hinaus: "Seine innere Welt steht weit abgerissen neben der äußern, er kann von keiner in die andre, die äußere ist nur Trabant und Nebenplanet der innern" .
      Es ist offensichtlich, daß die Hohen Menschen in Jean Pauls Romanen wegen ihrer "Erhebung über die Erde" vor Aporien geraten müssen, deren Lösung ihnen letztlich nur in der Befreiung von den Fesseln der irdischen Existenz, im Tod also, möglich scheint. Auch Jean Pauls Dichtungskonzept, das von eben diesem Dualismus bestimmt ist, droht einen prekären Charakter anzunehmen, indem es nämlich die Verbindlichkeit jener zweiten Welt, auf die es sich so emphatisch bezieht, nicht dartun kann. Die Interpreten haben auf diese Problematik immer wieder hingewiesen. Peter Michelsen etwa bemerkt im Anschluß an eine Stelle aus der Unsichtbaren Loge: "Für das dichterische Geschehen ist das Jenseits eine Annahme, die zur Rechtfertigung der objektlosen Gefühlsbewegungen ergriffen wird, es ist als Grenzwert, an den die Sehnsucht sich hält, für diese vom Wert" . Die rauschhaft beschworene Transzendenz bleibt leer, aber sie liefert gleichwohl die Begründung für eine verachtungsvolle Preisgabe der Realität. Emil Staiger hat die Weigerung, "ins Endliche einzugehen", als die Grundhaltung Jean Pauls bezeichnet und in ihr die "Größe und Fragwürdigkeit seines Werks" gefunden .
      In seinem Titan nun, den er mit höchstem Anspruch schrieb und den er auch später noch für sein bedeutendstes Buch hielt, hat Jean Paul den Versuch unternommen, den geschilderten schroffen Dualismus zu überwinden. Das mußte darauf hinauslaufen, den Hohen Menschen innerhalb der Welt heimisch zu machen und eine Vermittlung zwischen der Sphäre des Ideals und der irdischen Existenz herzustellen. Die äußere Welt durfte daher nicht mehr ausschließlich negativ geschildert werden, vielmehr mußte der Auseinandersetzung mit ihr jetzt eine regulierende, produktive Wirkung zukommen. Die Tendenz zu einer solchen Wertung läßt sich in zahlreichen Wendungen des Titan erkennen. Mehrfach betont der Erzähler, der Held des Buches bedürfe der erziehenden und aufklärenden Wirkung fortschreitender Welterfahrung. Bezeichnend ist auch die Vorstellung, daß der Mensch zu einer Balance zwischen inneren Kräften und äußeren Einwirkungen finden müsse:
"Der geistige wie der physische [Mensch] wird ohne Widerstand der äußern Luft von der innern aufgeblasen und zersprengt, und ohne Widerstand der innern von der äußern zusammengequetscht; nur das Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und äußerem Druck hält einen schönen Spielraum für das Leben und sein Bilden frei" .
      Gegen Ende des Buches blickt der Protagonist Albano auf die gescheiterten Hohen Menschen zurück, die zum Opfer ihrer titanischen Ambitionen geworden sind: "Er dachte [...] an die vom Schicksal geopferten Menschen, welche die Milchstraße der Unendlichkeit und den Regenbogen der Phantasie zum Bogen ihrer Hand gebrauchen wollten, ohne je eine Sehne darüber ziehen zu können" . Und er stellt sich die Frage, warum er selbst verschont blieb, da doch "jener Schaum des Übermaßes" auch seinem Leben nicht fremd war.
      Daß Jean Paul mit dem Titan eine konstruktive, auf die Lebenspraxis bezogene Darstellung pädagogischer und philosophischer Probleme anstrebte, zeigen seine Briefe aus der Entstehungszeit des Buches. An Friedrich Heinrich Jacobi schreibt er am 3. X

II.

1798:
"Mein Titan ist und wird gegen die allgemeine Zuchtlosigkeit des Säkulums gewafnet, gegen dieses irrende Umherbilden ohne ein punctum saliens - gegen jede genialische Plethora, d.i. Parzialität" .
      Solche Absichten mußten auch den von Weltlosigkeit bedrohten Hohen Menschen ins Licht kritischen Zweifels rücken. Jean Pauls Selbstdeutung bekennt sich ausdrücklich zu dieser Konsequenz:
"Titan solte heissen Anti-Titan; jeder Himmelsstürmer findet seine Hölle; wie jeder Berg zulezt seine Ebene aus seinem Thale macht. Das Buch ist der Streit der Kraft mit der Harmonie. Sogar Liane mus durch Einkräftigkeit versinken; Albano streift daran und leidet wenigstens" .
      Es kann kein Zweifel bestehen, daß Albano mit seinem "Hang zu übermäßigen Menschen" und seiner leidenschaftlichen Ausrichtung auf "Größe und Unsterblichkeit" an die "Himmelsstürmer" nicht nur streift, sondern daß er in vielen Situationen zu ihnen zu gehören scheint. Nicht zu Unrecht hat man feststellen können: "Die Absage an das Ideal des hohen Menschen wird in einem Roman vorgenommen, dessen Held selber ein hoher Mensch ist" .
      Eine der entscheidenden Fragen bei der Interpretation des Romans wird sein, ob es Jean Paul gelingt, Albano von seinem Titanismus zu befreien und in der Gesellschaft Wurzel schlagen zu lassen, ohne seine moralische Integrität und sein persönliches Format anzutasten. Angesichts der Emphase, mit der die "Erhebung über die Erde" und die höhere Wahrheit der "zweiten Welt" ansonsten in Jean Pauls Werk beschworen werden, darf man zweifeln, ob ihm ein "AntiTitan" überzeugend gelingen konnte. Daß er jedoch in der Tat einen Roman schreiben wollte, der seinen Helden durch einen Bildungsprozeß zu einem Ausgleich mit der Welt führt, bestätigt der Text des Titan auf Schritt und Tritt.

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