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Zur Problematik des Romanschlusses



Jean Pauls Titan führt seinen Helden am Ende auf den Thron eines deutschen Kleinstaates und will ganz offenbar dieses Resultat als Ankunft an dem vorgezeichneten und durch eine lange Entwicklung vorbereiteten Ziel verstehen. Als Albano die ersten Entschlüsse für die Ausübung seines Herrscheramtes faßt, handelt er endlich frei und selbstverantwortlich, ohne wie bisher von Intrigen und Erziehungsplänen gegängelt und über seine Identität im unklaren gehalten zu werden. Diese Schlußwendung kommt für den Helden der Geschichte überraschend, auch für den Leser. Der Roman nimmt sich nicht viel Raum, Albano auf dem Gipfel seiner Bildungsgeschichte und bei der Bewährung in seinem hohen Amt vorzuführen. Immerhin gibt er seinem Helden Gelegenheit, einige programmatische Ãoberlegungen anzustellen und den guten Vorsatz zu verkünden, daß 'Volksglück" und 'höchste Gerechtigkeit" Maximen seiner Regierung werden sollen .
      Viele ältere Interpreten haben diesen Schluß des Romans als das exemplarische Ende einer geglückten Bildungsgeschichte betrachtet. Sie sahen kein Hindernis, Albano neben den Goetheschen Wilhelm Meister zu stellen .
      Neuere Interpreten jedoch wiesen zunehmend auf Brüche im Schluß des Titan hin und sahen dessen idealbegeisterten Helden nicht eigentlich bei der Wirklichkeit angelangt. Man wandte ein, die praktische Bewährung des Hohen Menschen bleibe bloße Verheißung, deren Erfüllung sei kaum vorstellbar .
      Gelegentlich hat man daher den Versuch unternommen, das Erreichen des Ziels vollständiger menschlicher Bildung allein in jenem hervorgehobenen Moment zu finden, in dem Albano seine Bestimmung erkennt, in dem seine idealische Begeisterung und sein Tatendrang sich verbinden und seine vielfältigen Anlagen nunmehr im Gleichgewicht stehen . Wenn allerdings zugestanden wird, daß die Bewahrung dieses Zustands nicht möglich ist , dann ist damit eigentlich das Scheitern der Bildungsgeschichte eingeräumt: Offenbar kann sie von ihren Prämissen her nicht glaubhaft machen, ihr Ziel für immer erreicht zu haben.
      Das Problem tritt deutlich hervor, wenn man Albanos Vorsätze für die Ausübung des Herrscheramtes ins Auge faßt. Zwar rückt er von der titanischen Ãoberspannung der menschlichen Möglichkeiten ab , doch verpflichtet er sich auch jetzt noch ganz im Geist des Hohen Menschen einem überirdischen Ideal:
'Er war sich höherer Zwecke und Kräfte bewußt, als alle harten Seelen ihm streitig machen wollten; aus dem hellen, freien Ã"therkreise des ewigen Guten ließ er sich nicht herabziehen in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins - ein höheres Reich, als was ein metallener Zepter regiert, eines, das der Mensch erst erschafft, um es zu beherrschen, that sich ihm auf" .
      Man muß nicht Zyniker sein, um diesem Programm den Einwand entgegenzuhalten, daß sich die Regierung eines Landes und die Durchsetzung von Reformen nicht im 'hellen, freien Ã"therkreise des ewigen Guten" abspielen. Das Scheitern des Vorsatzes, sich von der 'schmutzigen Landenge des gemeinen Seins" fernzuhalten, ist daher absehbar.
      Befremdlich muß auch Albanos Absicht scheinen, den Minister Froulay, den der Roman als intrigantes Scheusal vorgeführt hat, in seinem Amt zu lassen:
'Höchste Gerechtigkeit war sein Entschluß und Beförderung alter Feinde, besonders des verständigen Froulay" . Bisweilen hat man darin den bewußten Plan gesehen, an der Handhabung der politischen Geschäfte nichts zu ändern und deren 'amoralische Eigengesetzlichkeit" anzuerkennen . Diese Deutung ist allerdings wenig einleuchtend, da sich Albano im gleichen Atemzuge ganz ohne Vorbehalt zu den reinsten moralischen Grundsätzen bekannt hat. Plausibler scheint da schon die Feststellung, daß der Roman dabei scheitert, 'menschliche" und 'fürstliche" Existenz auf einen Nenner zu bringen . Grund dafür ist, wie Kurt Wölfel gezeigt hat, daß Jean Paul das Politische als eigenständige Kategorie gar nicht in den Roman einführt. Albanos Haltung gegenüber Froulay darf daher nur als Ausdruck seiner moralischen Natur, keinesfalls als Element eines politischen Kalküls verstanden werden: Er beweist selbstlose Großmut und versöhnungsbereite Güte, indem er sogar die 'alten Feinde" fördert. 'So kommt es zustande, daß Jean Paul die politische Wirkung, die Albanos ,Entschluß' für das Ganze der res publica zeitigen könnte , außer aller Beachtung und Betrachtung lassen kann" .
      Den Helden zu einem Kompromiß mit der Welt zu führen und ihm damit den Weg zu praktischer Bewährung zu eröffnen, ist die Intention des Bildungsromans. Die Realisierung dieser Intention im Titan bleibt indessen höchst prekär. Sie konnte nicht bruchlos gelingen, da zum Hohen Menschen Jean Pauls definitionsgemäß die Distanz zur 'schmutzigen Landenge des gemeinen Seins" gehört. Albano bestimmt auch am Ende des Romans seine persönliche Existenz allein aus der Beziehung zum Ideal. Demgegenüber sind, wie man zu Recht angemerkt hat, 'der Fürst, der Mann, die ausgeglichene Persönlichkeit" nichts weiter als 'Akzidentien" . So hat Albano zwar seine Reinheit bewahrt, aber er ist kaum auf überzeugende Weise in der wirklichen Welt heimisch geworden.
     

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