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Stellung des Helden zur Welt



Die einleitenden Partien des Romans lassen keinen Zweifel daran, daß die reichen Anlagen des Helden erst durch die Erfahrung zu voller Entfaltung kommen werden. Albano scheine, so heißt es, 'ein dunkler Edelstein von zu vieler Farbe zu sein, den die Welt, wie andere Juwelen, erst durch Holschleifen lichtet und bessert" . Ausdrücklich ist hier die fördernde Wirkung der 'Welt", das heißt der äußeren Umstände betont, wobei das Bild des Hohlschleifens darauf hindeutet, daß der Entwicklungsprozeß nicht als wachstumsähnliche Entfaltung, sondern als ein gegen Widerstände sich vollziehender und in die Substanz der Person eingreifender Vorgang gedacht ist.
      Wenn wenig später Pflanzenmetaphern zur Schilderung von Albanos Jugendgeschichte benutzt werden, so bezieht sich das auf die erzieherischen Maßnahmen des vermeintlichen Vaters Gaspard:
'Hier ließ er ihn im Hause eines biedern Edelmanns so lange erziehen, oder deutlicher und allegorischer, er ließ hier die pädagogischen Kunstgärtner so lange mit Gießkannen, Inokuliermessern und Gartenscheeren um ihn laufen, bis sie an den hohen schlanken Palmbaum voll Sagomark und Schirmstacheln mit ihren Kannen und Scheeren nicht mehr langen konnten" .
      Die späteren pädagogischen Mahnungen und Pläne Gaspards jedoch stehen in offenem Widerspruch zu den inneren Tendenzen Albanos. Wenn dieser sich in seinen enthusiastischen Vorstellungen an die Seite der großen Menschen gestellt hatte, so muß er nun die desillusionierende Empfehlung hören: 'Du hast höchstens die Menschen zu fliehen, die dir zu ähnlich sind, besonders die adeln" . Gaspard versucht, ihn von der moralischen Schwärmerei abzubringen und auf die Maximen eines nüchternen Pragmatismus zu verpflichten: 'Unglück ist nichts wie Unverstand, und nicht sowohl durch Tugend als durch Verstand wird man furchtbar und glücklich" . Albanos Begeisterung jedoch ist durch solche Sentenzen nicht abzukühlen. Ausdrücklich bekennt er sich zu den Regungen seines Herzens und zu der 'Tugend", von denen Gaspard ihn durch den Hinweis auf den planenden, die Welt beherrschenden Verstand abbringen wollte: 'Ja, Vater, das Schicksal werfe einen Grabstein auf diese Brust und zermalme sie, wenn sie die Tugend und die Gottheit und ihr Herz verloren hat" .
      'Tugend" ist für Jean Paul jenes Prinzip, das den Menschen 'über dem moralischen Kothe aufrecht erhält oder aus diesem empor zieht" , das heißt: sie ist die Kraft, die den Hohen Menschen von dem niederen unterscheidet. Der Kontext der Szene läßt keinen Zweifel daran, daß Albanos Bekenntnis zur Tugend aus einem begeisterten, die besten Kräfte seiner Person zusammenfassenden Aufschwung in höhere Sphären hervorgeht:
'Es war diesem [Albano], als werde von einem steigenden Genius sein Herz und sogar sein Körper, wie der eines betenden Heiligen, gehoben über die Laufbahnen einer gierigen kriechenden Zeit - die großen Menschen einer größern traten unter ihre Triumphbogen und winkten ihm, näher zu ihnen zu kommen - im Osten lag Rom und der Mond und vor ihm der Alpen-Zirkus, eine große Vergangenheit neben einer großen Gegenwart - er ergriff mit dem liebend-stolzen Gefühl, daß es noch etwas Göttlicheres in uns gebe als Klugheit und Verstand, den Vater [...]" .
      Der Roman gibt indessen der hochfliegenden Begeisterung für die 'Tugend" nicht vorbehaltlos recht. Gleich zu Beginn war die Notwendigkeit einer pragmatischen Annäherung an die Welt, einer Ã"nderung der Person angedeutet worden. Auch später noch meldet sich der Erzähler mit Bemerkungen, in denen er es für unumgänglich erklärt, daß Albano seine Ãoberzeugungen durch Erfahrung korrigiert und seinen jugendlichen Radikalismus ablegt. Den heftigen Attacken auf gesellschaftliche Konventionen stimmt der Erzähler nicht zu: 'Freund Albano! du mußt erst noch lernen [...]" . Allerdings nimmt er die kompromißlos moralisierende Kritik seines Helden gleich wieder in Schutz, indem er sie als Ausdruck einer reinen und groß denkenden Seele interpretiert: 'Aber ein Jüngling wäre mittelmäßig, der das bürgerliche Leben sehr zeitig lieb hätte" .
      Die Ambivalenz von Albanos Entwicklung wird erkennbar, wenn man sich vor Augen führt, in welchem doppelten Licht Gaspard erscheint. Sein Pragmatismus und seine Kälte machen ihn zum Antipoden des idealerfüllten Hohen Menschen. Aus dessen Perspektive erscheint er als gefühlloser, finsterer Intrigant. Betrachtet man Albanos Entwicklung jedoch unter dem Gesichtspunkt einer Erziehung zur Welt, einer Ernüchterung seiner überschwenglichen Natur durch Erfahrung, dann vertritt Gaspard höchst wichtige und fruchtbare, wenn auch für den Helden schmerzliche Wahrheiten. Zwar ist Gaspard am Ende mit dem ehrgeizigen und auf dubiose Weise betriebenen Projekt gescheitert, seine Tochter Linda mit dem Thronfolger von Hohenfließ zu verheiraten. Aber mit seinen Bemühungen, Albanos titanische Bestrebungen herabzustimmen, hat er offensichtlich eine dem guten Ende förderliche Entwicklung unterstützt. Weil Gaspard unter diesem Aspekt als positive Figur erscheint, kann ihm der Roman höchst bedeutungsvolle und treffende Sätze in den Mund legen, 'die den Jüngling auf allen Seiten griffen" und seinen Bildungsgang erläutern:
'Es gibt einige wackere Naturen, die gerade auf der Gränze des Genies und des Talentes stehen, halb zum thätigen, halb zum idealischen Streben ausgerüstet - dabei von brennendem Ehrgeize. - Sie fühlen alles Schöne und Große gewaltig und wollen es aus sich wieder erschaffen, aber es gelingt ihnen nur schwach; sie haben nicht wie das Genie Eine Richtung nach dem Schwerpunkt, sondern stehen selber im Schwerpunkte, so daß die Richtungen einander aufheben. [...] Sie sollten aber einsehen, daß gerade sie, wenn sie ihren Ehrgeiz früh einzulenken wissen, das schönste Loos vielartiger und harmonischer Kräfte gezogen; sowol zum Genüsse alles Schönen als zur moralischen Ausbildung und zur Besonnenheit ihres Wesens scheinen sie recht bestimmt zu sein, zu ganzen Menschen; wie etwan ein Fürst sein muß, weil dieser für seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muß" .
      Hier ist die Aufgabe beschrieben, die 'Vielkräftigkeit" des Helden, das heißt: die Fülle seiner Talente vor der Vereinseitigung durch falschen Ehrgeiz zu bewahren, ihn auf diese Weise zu einem 'ganzen Menschen" zu bilden und auf eine fruchtbare Tätigkeit vorzubereiten. Ironischerweise versteht Albano die auf ihn gemünzten Wahrheiten gar nicht und hält ihnen den Traum von einer ruhmreichen Kriegslaufbahn entgegen .
      Wenn Gaspard darauf abzielt, daß Albano sich der Wirklichkeit annähert, daß er seinen Enthusiasmus dämpft und mit Männern wie dem Minister Froulay in freundschaftliche Beziehung tritt , so will er durch ein solches Sich-Einlassen mit der Welt keineswegs die moralische Integrität Albanos gefährden. Deren Erhaltung gehört vielmehr zu den Zielen einer geglückten Bildungsgeschichte, wie Gaspard beim Abschied in Rom ausdrücklich zu erkennen gibt: 'Albano, ich bin mit dir zufrieden, ich war' es unendlich, wenn die Reinheit des Jünglings in den Mann überginge - noch hab' ichs nie gefunden" . Dieser Satz beschreibt präzise die Sendung Albanos, die idealischen Bestrebungen des Hohen Menschen in der vorgefundenen Realität zu behaupten und fruchtbar werden zu lassen.

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