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Roquairol



Zur Entstehungsgeschichte der Figur
Wie man aus Jean Pauls Entwürfen und Arbeitsmaterialien weiß, sollte der Held des Titan ursprünglich sowohl die positiven als auch die negativen Seiten einer genialisch angelegten Existenz in sich verbinden . Während der Fortentwicklung des Romankonzepts spaltete sich die Figur in einen Helden und einen Antihelden, indem sich die problematischen Züge in der Gestalt Roquairols verselbständigten. Die Entwürfe betonen die 'öde Leerheit" von dessen Existenz und schreiben ihm eine nihilistische Tendenz zu: 'Stirbt ohne Glauben und Unglauben - hat zuletzt nichts als Eitelkeit -tödtet sich auf dem Liebhabertheater als Franz Moor wirklich" . Es war offenbar die Absicht Jean Pauls, mit der Figur Roquairols die Gefährdung durch ästhetizistische Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Leben und durch eine von bodenloser Selbstreflexion genährte Egozentrik in ihrer extremen Konsequenz vorzuführen.
      Wenn die dämonischen und destruktiven Tendenzen des Genies sich auf diese Weise in Roquairol konzentrieren, so bedeutet das für die Figur Albanos, daß sie an Komplexität, an innerer Spannung und Problematik verlieren muß. Die Interpreten haben das oft beanstandet . Allerdings wird man feststellen müssen, daß Albano die Neigung zu titanischer Unbedingtheit keineswegs ganz genommen ist.
      Grund für die Aufspaltung der ursprünglich geplanten höchst komplexen Hauptfigur war offensichtlich, daß Jean Paul seinen Helden, um ihn zu einem harmonischen Ende führen zu können, nicht zu sehr mit bedrohlichen und selbstzerstörerischen Zügen belasten durfte. Andererseits brauchte er die ins Diabolische gesteigerte und dem Selbstmord zutreibende Figur Roquairols, um eine radikale Kritik an bestimmten, ihm fragwürdig erscheinenden Tendenzen seiner Epoche formulieren zu können. Wie man aus Jean Pauls Briefen weiß, hat er Goethe und Schiller wegen ihrer vermeintlichen Kälte und moralischen Verödung mit Befremden, ja mit Erschrecken betrachtet. Ein irritierendes Zeugnis für diese Deutung der Weimarer Klassiker liegt darin, daß Jean Pauls Vorarbeiten für den 53. Zykel des Titan, der die zusammenfassende Charakteristik Roquairols enthält, die Ãoberschrift 'Goethe" tragen .
      Ein 'Abgebrannter des Lebens"
Wie sich in Roquairols Verhalten gegenüber Rabette, Linda oder Albano zeigt, hat er alle Aufrichtigkeit, allen Respekt vor moralischen Normen, allen Lebens ernst verloren. Er ist 'mit ruchloser Kraft vermögend, alles zu wagen und zu opfern, was ein Mensch achtet, weil er nichts achtete" . Gefühle dienen ihm nur zur Selbstspiegelung: 'Er stürzte sich in gute und böse Zerstreuungen und Liebeshändel und stellte hinterher alles auf dem Papier und Theater wieder dar, was er bereuete oder segnete" . Er führt eine scheinhafte, die Lebenssituationen nach den Erfordernissen des Effekts arrangierende, schauspielerhafte Existenz. Schoppe erkennt scharfsichtig die moralische Bedenklichkeit dieses Charakters. Als dessen Kardinalfehler bezeichnet er 'das chronische Geschwür der Eitelkeit und ein unheiliges Schlemmen und Prassen in Gefühlen" . Der Erzähler verdeutlicht die Heillosigkeit und innere" Verödung Roquairols, indem er ihn zu den 'Abgebrannten des Lebens" zählt .
      Die moralische Haltlosigkeit, die übersteigerte Reflektiertheit, die maßlose Egozentrik Roquairols resultieren aus einer falschen Erziehung, die ihren Zöglingen alles zu früh und zu leicht zugänglich macht und damit Ãobersättigung erzeugt. Neue Erkenntnisse werden nur noch als intellektuelles Reizmittel genossen, nicht mehr im Lebensprozeß fruchtbar gemacht. Und die Empfindungen sind längst in der Imagination erprobt und durchgeschmeckt, bevor ihre Stunde gekommen ist.
      'Alle herrliche Zustände der Menschheit, alle Bewegungen, in welche die Liebe und die Freundschaft und die Natur das Herz erheben, alle diese durchging er früher in Gedichten als im Leben, früher als Schauspieler und Theaterdichter denn als Mensch, früher in der Sonnenseite der Phantasie als in der Wetterseite der Wirklichkeit; daher als sie endlich lebendig in seiner Brust erschienen, könnt' er besonnen sie ergreifen, regieren, ertödten und gut ausstopfen für die Eisgrube der künftigen Erinnerung" .
      Roquairol ist ein Beispiel für jene pädagogische Erkenntnis, die Jean Paul schon in der Unsichtbaren Loge ausgesprochen hatte: 'Eh' der Körper des Menschen entwickelt ist, schadet ihm jede künstliche Entwicklung der Seele; philosophische Anstrengung des Verstandes, dichterische der Phantasie zerrütten die junge Kraft selber und andere dazu" . Da diese künstlich und zu schnell Gereiften alles schon wissen und kennen, ohne es doch erlebt zu haben, fehlt ihnen später die Möglichkeit, überhaupt noch Erfahrungen zu machen, die das Innere der Person ergreifen und formen: 'Eine vertrocknete Zukunft voll Hochmuth, Lebensekel, Unglauben und Widerspruch liegt um sie her" . Absichtsvoll ist das organisch fortschreitende Wachstum Albanos der forcierten und korrumpierten Entwicklung Roquairols gegenübergestellt. Ein Anklang an das Rousseausche Erziehungsideal wird spürbar, wenn der Erzähler des Romans die Integrität von Albanos Person aus der Umschützt-heit seiner Jugend ableitet: 'Die ländliche Erziehung und Dian, welcher den gehaltenen Gang der Natur verehrte, hatte den Knospengarten seiner Kräfte vor frühzeitiger Morgensonne und schnellem Aufspringen bewahret" .
      Roquairols diabolischer Charakter enthüllt sich am deutlichsten in dem monströsen Betrug, den er an Linda verübt. Wenig später setzt er seinem Leben ein Ende, bezeichnenderweise während der Aufführung eines eigenen Stücks mit dem Titel 'Der Trauerspieler". Der tödliche Schuß durchbricht auf verstörende Weise den ästhetischen Schein der Theaterdarbietung und rückt noch einmal auf krasse Weise das Prinzip von Roquairols Existenz ins Licht: die Preisgabe allen moralischen Lebensernstes im ästhetizistischen Selbstgenuß und die Bodenlosig-keit eines auf den Effekt hin inszenierten Lebens. Der theatralische Abgang auf offener Bühne ist - wie Gaspard 'mit einer anatomischen Kälte" feststellt -Ausdruck innerer Konsequenz: 'Jetzt kann man doch Respekt vor ihm haben, er hat seinen Charakter wirklich durchgeführt" .
      Zum Verhältnis Roquairols zu Albano
So sehr Roquairol als 'Abgebrannter des Lebens" dargestellt ist, als immoralisti-scher, von Reflexion ausgehöhlter Schauspieler seiner selbst, so sehr behält er doch gewisse Züge des Hohen Menschen, vor allem die Weltverachtung und die Affinität zum Tode, seinem 'eisernen Schutzheiligen" . Ihm sind die 'heiligen Empfindungen" keineswegs fremd, aber sie werden ihm bloß 'eine neue Schwelgerei, höchstens ein Stärkungsmittel " . In der Freundschaft mit dem reinen und enthusiastischen Albano spürt er noch einmal die Möglichkeit, sich aus seinem heillosen Leben zu befreien:
'Es ist schändlich von mir ; ist er nicht so gläubig und offen und bieder? - Nein, die ganze Welt will ich belügen, nur seine Seele nicht! -[...] Von dieser Stunde an stand sein Entschluß zur herzlichsten Beichte und Buße fest" , trägt von Anfang an illusionäre Züge. Albano nähert sich dem Freund mit überhitzten und ganz unbegründeten Erwartungen, wie sich vor allem darin zeigt, daß er zur engsten Seelengemeinschaft schon entschlossen ist, bevor er Roquairol kennengelernt, ja überhaupt gesehen hat. Der Erzähler kann daher bei der Charakteristik im 53. Zykel zur Warnung des Lesers einschalten: 'Aber Roquairol war nicht der, der er ihm schien" .
      Der Gegensatz erweist sich als unüberbrückbar. Zum definitiven, klärenden Bruch kommt es, als Roquairol in einem Brief an Albano sein wahres Gesicht zeigt: 'Einmal muß es geschehen, wir müssen uns sehen, wie wir sind, und dann hassen, wenn es sein muß" . Er gesteht, Rabette verführt zu haben, und bekennt sich offen zu einem egozentrischen Immoralismus: 'Es gibt einen kalten, kecken Geist im Menschen, den nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn er wählt sie erst, und er ist ihr Schöpfer nicht ihr Geschöpf" . Solche Sätze müssen Albano, dem die Tugend heilig ist, in einen unversöhnlichen Gegensatz zu dem ehemals leidenschaftlich gesuchten Freund treiben. Der Schluß des Romans betont diese schroffe Antithese, indem er Roquairol im theatralischen Selbstmord enden läßt und Albano der Bewährung im Amt des Fürsten entgegenführt.
     

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