Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Goethezeit

Index
» Goethezeit
» Jean Paul: Titan
» Albanos Entwicklung

Albanos Entwicklung



Ein doppeltes Bildungsproblem
Jean Pauls Titan will vorführen, wie sein Held zum Herrscher eines monarchisch regierten deutschen Kleinstaats erzogen wird, und er will zugleich zeigen, wie sich die Kräfte eines Hohen Menschen in ihm entfalten. Den ersten dieser beiden Entwicklungsprozesse versucht Gaspard zu steuern und zu fördern, der zweite vollzieht sich vor allem in Albanons Freundschaften und Liebesaffären.
      Nun können die gefühlsbewegten Lehrjahre des Herzens, die den Inhalt des Romans überwiegend bestimmen, kaum als angemessene und hinreichende Schule für die Aufgaben des Regenten gelten. Offenbar besteht eine Differenz zwischen der inneren Entwicklung Albanos und dem Lebensziel, auf das ihn die Intrige hinführt : In den Gefühlsräuschen und enthusiastischen Aufschwüngen bezeugt sich keineswegs eine zwingende innere Tendenz zur Ãœbernahme eines politischen Amtes. Vielmehr wird Albano dieses Amt von außen zugewiesen, wie es denn ja auch kaum anders möglich war, da man sich zum Thronfolger nicht in folgerichtiger innerer Entwicklung heranbilden kann. Denn in diese Position wird man hineingeboren.
      Das Bildungsproblem des Titan wäre also darin zu sehen, daß Albano sich -in Unkenntnis seiner hohen Bestimmung - durch die Erfahrungen seiner Educa-tion sentimentale zum wahren Herrscher qualifizieren soll. Die damit anvisierte Verbindung von innerer Entwicklung des Hohen Menschen und der Orientierung des Helden auf das höchste Staatsamt sucht der Roman dadurch plausibel zu machen, daß er die Dämpfung des titanischen Gefühlsüberschwangs als unumgängliche Aufgabe hinstellt. Als Albano pathetisch erklärt, 'Mäßigen [...) sei nur für Pazienten und Zwerge", distanziert sich der Erzähler und erläutert in einer längeren Fußnote, daß alle Einseitigkeiten bedenklich seien und 'langsamere individuelle, aber harmonische Ausbildung" das gesündere Prinzip bleibe . In eine ähnliche Richtung deuten die pädagogischen Mahnungen Gaspards .
      Andererseits versucht der Roman anzudeuten, daß diese Mäßigung und Herabstimmung nicht zu einem Erlöschen des idealischen Schwungs führen muß. Vielmehr soll sich das Ungenügen des Hohen Menschen an der bestehenden Welt in konstruktives Handeln umsetzen. In diese Richtung weist Albanos Absicht, ein Regent zu sein, 'um Selbstregenten zu bilden" , ebenso sein- bereits in Kenntnis seiner Berufung zur Thronfolge ausgesprochener-Vorsatz, sich 'aus dem hellen, freien Aetherkreise des ewigen Guten" nicht hinabziehen zu lassen 'in die schmutzige Landenge des gemeinen Seins" . Schon die Formulierung läßt spüren, daß dieses Lebens- und Regierungsprogramm, in dem die Bildungsgeschichte Albanos ihre krönende Synthese finden soll, einen höchst prekären Charakter behält.

      Erzieher
Der Titan umgibt seinen Helden mit einem großen Aufgebot von Erziehern. In der Blumenbühler Jugendepoche sind es der biedere Landschulmeister Wehmeier und der 'niedliche freundliche Falterle" , der in Tanzen, Fechten, Pianospielen und feinem Benehmen unterrichtet. Beide beeinflussen Albano, intensiver wirken indessen die Anregungen Wehmeiers, der seinen Zögling in die Heldenwelt des Plutarch einführt . Wichtiger als diese beiden Lehrer ist der Grieche Dian, 'dessen innerer Mensch ein ganzer war" : Er macht Albano mit Homer und Sophokles bekannt und schafft ihm 'mit schöner liberaler Freiheit" Raum, 'sich breit und hoch zu entwickeln" .
      Als Albano nach Pestitz übersiedelt, bekommt er neue Mentoren: Der weltläufige Augusti soll ihn auf den Umgang mit der vornehmen Gesellschaft vorbereiten. Obwohl Albano die Hofleute haßt, kann er Augusti seine Anerkennung wegen seiner Kenntnisse und seiner Zurückhaltung nicht versagen . Das Verhältnis trübt sich später, weil Albano seinen Hofmeister verdächtigt, selber Absichten auf die geliebte Liane zu haben, und weil Augusti den Umgang mit Roquairol nicht billigt. Der Erzähler jedoch nimmt Augusti gegen die Verdächtigungen und die Abneigung Albanos in Schutz .
      Am nächsten steht Albano von allen seinen Erziehern Schoppe, und zwar deshalb, weil er als einziger Züge des Hohen Menschen trägt. Er ist ein 'ganz freier Mensch" , dem seine Erfahrungen einen kräftigen 'Welt-Ekel" eingeflößt haben . Sich auf die Erwartungen der Gesellschaft einzulassen, etwa einen Beruf auszuüben, lehnt er ab. Er ist deshalb auch nicht wirklicher, sondern nur Titular-Bibliothekar des Malteser Großmeisters und besteht auf völliger Ungebundenheit, als ihn Gaspard mit der Erziehung Albanos beauftragt. Da sein Lebensgesetz 'Freiheit" heißt , ist ihm auch der Gedanke an autoritäre Gängelung seines Zöglings fremd . Gleichwohl sucht er ihn zu beeinflussen, indem er vor den 'heiligen Ãœbertreibungen" warnt , indem er die haltlosen Prätentionen der Menschen entlarvt und über schmerzliche Erfahrungen, etwa über den Verlust Lianes, hinwegzuhelfen sucht.
      Albano spürt deutlich, daß Schoppe einer starken inneren Gefährdung ausgeliefert ist. Gegen dessen Gewohnheit, 'alles Große ruhig aufzunehmen und die Welt still in einen innern Traum zu zerschmelzen", stellt er die Frage: 'Kommst du aber doch nicht zu tief in dieses Gefühl, in diese kalte Gruft hinunter?" Da Schoppe die Welt verachtet und an die Unsterblichkeit nicht glaubt, könnte er Halt nur in sich selbst finden. Das aber mißlingt: Ihn überfällt die wahnhafte Angst, das Ich könne ihm von außen entgegentreten, als etwas Fremdes, dessen er nicht mächtig ist . In dieser Selbstauflösung des Bewußtseins spiegelt sich jener 'Ich-Schauer", den Kommerell bei Jean Paul selbst diagnostiziert hat .
      Zu den Erziehern Albanos gehört auch Gaspard, der Ritter vom Goldenen Vließ und stellvertretende Vater. Er zieht die Fäden in der Intrige, die Albanos fürstliche Identität zunächst verdeckt halten soll. Aber er steuert mit seinen Weisungen auch die Erziehung, die auf das hohe Amt vorbereitet. Es ist Gaspard, der Albanos Wesen in einer präzisen Formel beschreibt und daraus das Ziel für dessen Bildungsgang ableitet: Reich begabte Naturen wie er seien bestimmt 'zu ganzen Menschen; wie etwan ein Fürst sein muß, weil dieser für seine allseitige Bestimmung allseitige Richtungen und Kenntnisse haben muß" .
      Bei seinen pädagogischen Maßnahmen verzichtet Gaspard auf allen autoritären Zwang. Er bestellt einen so unkonventionellen und liberalen Hofmeister wie Schoppe und erweist sich als souverän genug, Albanos Begeisterung für den Französischen Revolutionskrieg als notwendiges Stadium in dessen persönlicher Entwicklung zu tolerieren: 'Mit seiner alten Achtung für jede starke Individualität nahm er es heiter auf, daß so merklich des Jünglings Sonne in die Zeichen des Sommers trat und über die Erde sowol höher stieg als wärmer" .
      Gaspard wird geschildert als weltklug, kalt und distanziert. Seine eiserne Haltung steht in äußerstem Kontrast zu dem sich verströmenden Enthusiasmus Albanos. Diese Eigenschaften des Ritters sind - wie der Roman gleich zu Beginn deutlich macht - das Resultat bitterer Erfahrungen: Er 'hatte in der Jugend wilde Kräfte, zu deren Spiel nur ein Schlachtfeld oder Königreich geräumig gewesen wäre und die sich im vornehmen Leben so wenig bewegen konnten als ein Seekraken im Hafen" . Daß er an der Intrige um Albano beteiligt ist, hat einen wichtigen Grund in einer alten, durch beleidigende Behandlung begründeten Feindschaft gegenüber dem fürstlichen Haus von Haarhaar. Ein persönliches Motiv für seine Steuerung von Albanos Weg ist ferner die Absicht, seine leibliche Tochter Linda mit dem Thronerben zu verheiraten.
      Mit diesen beiden privaten Absichten scheitert Gaspard. Albano hat sich am Ende von Linda abgewandt, diese selbst ist zum Opfer von Roquairols Betrug geworden und kann diese Erfahrung nicht verwinden. Als Braut fungiert nun Idoine, eine Prinzessin aus dem verhaßten Haus von Haarhaar. Angesichts dieser Konstellation verläßt der Ritter ohne jede weitere Erklärung die Szene. Daß er mit seiner Erziehung Albanos ebenso gescheitert sei, wird man kaum sagen können. Der Roman bemüht sich in seinen Schlußpartien offensichtlich, Albano so vorzuführen, wie es Gaspards programmatischen Erklärungen entspricht: 'halb zum thätigen, halb zum idealischen Streben ausgerüstet", als 'ganzen Menschen" .
      Die Geliebten
Daß die Liebesaffären mit Liane und Linda den größten Teil des Romans einnehmen, zeigt die Bedeutung dieser rauschhaften Erprobung der Gefühle für Albanos Bildungsgang. Die Liebe der Hohen Menschen ist eine religiöse Erfahrung, die im anderen und durch ihn das Göttliche sucht und damit über alles Irdische hinausstrebt. Der alte Spener wird zum Sprachrohr einer solchen Deutung der erotischen Gefühle:
'Daher müsse sich das liebekranke Herz in den Geber dieser und jeder Liebe selber, in die Fülle alles Guten und Schönen, in die uneigennützige, unbegränzte All-Liebe senken und darin zergehen und aufleben, seelig im Wechsel des Zusammenziehens und Ausdeh-nens. Dann sieht es zurück auf die Welt und findet überall Gott und seinen Wiederschein -die Welten sind seine Thaten — jeder fromme Mensch ist ein Wort, ein Blick des All-Liebenden; denn die Liebe zu Gott ist das Göttliche, und ihn meint das Herz in jedem Herz" .
      Im Zeichen dieses religiösen Liebesverständnisses steht vor allem die Verbindung Albanos mit Liane. Die Geliebte ist beherrscht von einer unwiderstehlichen Todes-Sehnsucht. Albano sieht sie schon früh 'für die Flora der zweiten Welt in den Leichenschleier eingesponnen" und lehnt sich gegen die Welt-flüchtigkeit und Todessüchtigkeit der Geliebten auf. Auch der Erzähler nennt ihre Neigung zu schwärmerischen Vorstellungen einen 'heiligen Fehler" . Aber die Trennung von Albano ist nicht das Resultat eines Konflikts, der aus Lianes festem Glauben an ihren baldigen Tod hätte erwachsen können. Es bedarf vielmehr der Intrige, um einen Keil zwischen die Liebenden zu treiben. Froulays Heiratsprojekte für seine Tochter, die er durch Zimmerarrest zu fördern hofft, können nur eine äußerliche Trennung erzwingen. Als wirksamer erweist sich der von dem frommen Spener abgeforderte Eid, mit dem Liane ihren Verzicht auf Albano besiegelt. Aus dem Ende der Beziehung resultiert daher kein Vorwurf gegen Liane. Ihr Tod wird zur Apotheose. Die Reinheit und die Selbstlosigkeit ihrer Gefühle lassen sie später zur Schutzheiligen für Albanos Liebe zu Linda und für die Verbindung mit Idoine werden .
      Die Ambivalenz der Figur spiegelt die Grundspannung des Romans. Einerseits sind Lianes Selbsttäuschung, ihre Schwärmerei und Todessehnsucht Einwänden ausgesetzt. Denn offensichtlich kann Albano nicht bei der ätherischen Beziehung zu dieser fragilen, schon in höheren Sphären schwebenden Geliebten stehenbleiben, da er sich doch als Held einer Bildungsgeschichte tätig in der Welt bewähren soll. Andererseits wird Liane zur Heiligen verklärt, weil ihre Schwärmerei auf die idealische zweite Welt orientiert ist und damit der Weltüberwindung des Hohen Menschen entspricht. In dieser Tendenz erkennt Jean Pauls Roman offenbar ein Moment der Wahrheit, das letztlich der Kritik entzogen bleiben soll .
      War Lianes Liebe und ganze Existenz auf Entselbstung angelegt, so ist egozentrische Unbedingtheit des Gefühls das Lebensprinzip Lindas. Wegen ihrer genialischen Eigenschaften erkennt Albano sie als ebenbürtige Partnerin an:
'Albanos Geist stand hier von der Fürstenbank auf, um die hohe Verwandte zu grüßen, und sagte: ,Unsterbliche! und war' es sonst niemand!'"
Bei der ersten Begegnung ist er 'von einem Gott erschüttert und von einem Wunder geblendet" . Bald indessen kommt es zum Konflikt, weil Albanos Drang nach heroischer Selbstbewährung sich nicht mit Lindas Forderung in Einklang bringen läßt, das Leben ganz aus der erotischen Passion zu gestalten. Dem Tatendrang Albanos hält sie entgegen:
'Wem die Liebe nicht allein genügt, der ist von ihr nicht erfüllet worden [...]. Ich dächte, wenn ein Mensch nur für sich etwas würde, nicht für andere, das reichte zu. Was große Thaten sind, das kenn' ich gar nicht; ich kenne nur ein großes Leben; denn jenen Ähnliches vermag jeder Sünder" .
      Zwar scheint eine Annäherung, ein Kompromiß zwischen den beiden Liebenden bisweilen möglich, aber am Ende steht doch die Entzweiung. Sie ergibt sich zwangsläufig aus der Divergenz der Lebensentwürfe.
      'Idoine", so hat man gesagt, 'ist der Komparativ Lianes, Linda war ihr Gegensatz" . In der Tat ist die Ähnlichkeit Idoines mit Liane der Grund von Albanos Neigung. Er hegt die Hoffnung, 'daß die Ãœberirdische aus dem stillen Spiegel der zweiten Welt und aus dessen unabsehlichen Fernen herausträte wieder in den irdischen Luftzug und nach der Verklärung wieder verkörpert hier ginge" . Noch ganz am Ende des Romans, als die Verbindung mit Idoine bereits beschlossene Sache ist, scheint es Albano, 'als glänze sie überirdisch, und wie auf eine Luna die Sonne unter der Erde, strale Liane aus der andern Welt auf ihr Angesicht und schmücke das Ebenbild mit einer Helligkeit jenseits der Erde" . Der Glanz ihrer Person ist also ein abgeleiteter, er stammt aus der Erinnerung an eine andere.
      Allerdings besitzt Idoine auch Eigenschaften, die sie in bedeutsamer Weise von Liane unterscheiden. Bei aller Zartheit nämlich lebt in ihr 'der feste Geist [...], der das Leben regieren konnte" . Der Roman schreibt ihr eine Lebenstüchtigkeit und einen praktischen Sinn zu, die der ätherischen Liane ganz fremd waren. In deren Mund wäre Idoines Satz undenkbar: 'Ernste Thätigkeit söhnet zuletzt immer mit dem Leben aus" .
      Zunächst scheint eine Verbindung Albanos mit Idoine unmöglich, da diese ihrer Familie das Versprechen gegeben hatte, nur einen Mann von fürstlichem Stand zu heiraten. Albano fügt sich resigniert und strebt, wie mehrfach bei enttäuschenden Erfahrungen, nach dem Tod auf dem Schlachtfeld . Erst als die Intrige an ihrem Ziel ist und Albanos hohe Abkunft aufgedeckt wird, entfallen die äußeren Hindernisse für die Heirat. Diese ist dem Roman ein Zeichen für Albanos Wendung zur Realität, für den Beginn einer tätigen, auf das Wohlergehen seiner Mitmenschen gerichteten Existenz. Dieses Ziel wäre mit der sterbenssüchtigen Liane nicht zu erreichen gewesen, ebensowenig mit Linda, die ihre Leidenschaft verabsolutierte. Wegen ihrer Einseitigkeiten, so erkennt Albano am Ende, mußten diese früheren Geliebten untergehen: 'Das ganze Sternbild seiner glänzenden Vergangenheit, seiner hohen Menschen war hinunter unter den Horizont, und nur Ein heller Stern davon stand noch schimmernd über der Erde, Idoine" .

      Die Französische Revolution
Während des Aufenthalts in Rom steigern sich Albanos Tatendrang, seine Begeisterung für die Freiheit und das Verlangen nach Bewährung im Krieg. Die Erinnerung an die Heroen einer versunkenen Epoche erfüllt ihn bei seinem ersten Besuch auf dem Forum Romanum mit dem Wunsch, diesen erhabenen Vorbildern nachzustreben:
'O ihr großen Schatten, die ihr einst hier strittet und lebtet, ihr blickt herab vom Himmel, aber verachtend, nicht trauernd, denn euer großes Vaterland ist euch nachgestorben! Ach, hätt' ich auf der nichtigen Erde voll alter Ewigkeit, die ihr groß gemacht, nur eine That eurer werth gethan!"
Die heroischen Ambitionen Albanos richten sich offenbar nicht auf bestimmte irdische Zwecke, sondern auf Selbstverklärung in der Rolle des Helden und auf Ãœberwindung der 'nichtigen Erde". Der gewaltige Scherbenhaufen des Monte testaccio wird ihm zum Symbol der sinnleeren Weltgeschichte, gegen deren zermalmende Kraft sich nur der Ruhm der großen Täter behauptet:
'Ein solcher namenloser Töpfer-Berg ist im Ganzen auch die Geschichte der Völker. -Aber man möchte sich doch lieber auf der Stelle tödten, als erst nach einem langen Leben sich so namen- und thatenlos in die Menge eingraben" .
      Albanos Entschluß, im französischen Revolutionsheer zu kämpfen, resultiert daher kaum aus einem politisch bewußten Eintreten für die Rechte des dritten Standes oder für die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Sondern ihm ist der Krieg vor allem 'die tragische Bühne eines höhern Geistes" , weshalb ihm denn auch Schoppe später entgegenhalten kann: 'Nicht aus Mangel an Kunstgeist ]...], sondern aus Ãœberfluß daran gehst du unter die Soldaten" .
      Manche Interpreten des Titan haben in Albanos Wunsch, sich auf der französischen Seite am Revolutionskrieg zu beteiligen, eine radikale politische Parteinahme sehen wollen. Wolfgang Harich zum Beispiel versteht den Titan als den Gipfel der Jean Paulschen Revolutionsdichtung, in der sich ein entschiedener politisch-sozialer Veränderungwille spiegele. Auch wenn man erkannte, daß Albanos heroische Ambitionen in seinem Inneren eingeschlossen bleiben und nicht zur Tat finden, glaubte man bisweilen, der Roman im ganzen halte mit dem Bezug auf die Revolution eine ins Politische strebende 'Alternative zur melancholischen Untätigkeit des bürgerlichen Daseins" fest .
      Zweifel an einer solchen Deutung ergeben sich schnell, wenn man auf die Motive Albanos blickt. In Rom ist es, wie angedeutet, der Wunsch, sich über die Nichtigkeit des Welttreibens durch ruhmvolle Taten zu erheben. Als er Linda gegenüber seinen Plan begründet, für die Franzosen zu kämpfen, geht es Albano darum, der eigenen Person durch sichtbare Verdienste Gewicht zu geben und sich dadurch als würdiger Geliebter zu erweisen. 'Ich bin noch nichts", erklärt er Linda , und an anderer Stelle: 'Sobald der Krieg und die Freiheit auf einander stoßen, so will ich dich im Sturm der Zeit verdienen und dir Thaten mitbringen und die unsterbliche Liebe" . Später greift Albano auf seine Kriegspläne zurück, wenn er aus verzweifelten Lagen einen gewaltsamen Ausweg sucht. Das ist der Fall, als der Betrug Roquairols an Linda ans Licht kommt , und später noch einmal, als er glaubt, Idoine sei für ihn unerreichbar .
      Alle Entschlüsse, für die Sache der Revolution zu fechten, lösen sich mit einem Schlage auf, als Albano den Brief der Fürstin Eleonore, seiner leiblichen Mutter, gelesen hat und ihm seine Berufung zum Amt des Herrschers vor Augen steht: 'Du schickst den Frieden - ich soll nicht in den Krieg - wohlan, ich habe mein Loos!" . Die großen 'Thaten", nach denen er sich sehnte, wird er nicht als heroischer Streiter auf dem Schlachtfeld, sondern als maßvoller und friedlicher Regent seines Landes vollbringen: 'Sein frommer, von Landes-En-keln noch gesegneter Vater zeigte ihm die reine Sonnenbahn seiner Fürsten-Pflicht - nur Thaten geben dem Leben Stärke, nur Maß ihm Reiz" .
      Es spricht daher alles für die von Kurt Wölfel vorgetragene These, daß man Albanos republikanische Begeisterung gar nicht politisch verstehen darf und daß auch sein Heroismus 'eine Kategorie der Innerlichkeit" bleibt . Der Hohe Mensch dient nicht konkreten politischen Zwecken, sondern er manifestiert in seinem Handeln nur seinen erhabenen Charakter. In Wölfeis Worten: 'Die Tat des großen Menschen ist das Spiegelbild seiner selbst [...]. Sie führt nicht vom Subjekt über die Tat hinaus in den Bereich der res publica, in welchem die objektiven Resultate der Tat das Interesse beanspruchen könnten, sondern zurück zum Subjekt, das sich in der Tat reflektiert" .

      Bildung durch Welterfahrung?
Der Roman erzählt von einschneidenden, krisenhaften Erfahrungen Albanos: vom Tod Lianes, dem Ende der Freundschaft mit Roquairol, der Trennung von Linda. Schoppe versucht solche Erschütterungen als notwendige Lebens-Lektionen zu deuten: 'Was thut es denn , wenn das Unglück den jungen Menschen derb durchknätet? - Das nächstemal wird er den Schmerz, der ihn jetzt in der Gewalt hat, in der seinigen haben. Wer nichts getragen, lernt nichts ertragen" . Allerdings will Schoppe seinen Zögling keineswegs nur dazu bringen, mit unvermeidlichen Enttäuschungen und Verlusten sich besser abzufinden. Sondern er will die einzelne schmerzhafte Erfahrung nur als eines von zahllosen ähnlichen Beispielen im 'Nichtigkeits-Spiel" der Welt erscheinen lassen . Vor den Ruinen Roms gelangt Albano zu dieser Relativierung aller persönlichen Erfahrungen angesichts der Trümmerberge der Geschichte:
'O Dian, wie kann ein Mensch, der in Rom einen Vater, eine Geliebte verliert, eine einzige Thräne vergießen und bestürzt um sich sehen, wenn er hierhertritt, vor dieses Schlachtfeld der Zeit, und hineinschauet ins Gebeinhaus der Völker?
Der Text des Romans spricht mehrfach davon, daß Albano in Italien bedeutsame Entwicklungen durchmache. Es heißt, er sei 'wie eine Welt von Rom wunderbar verändert" worden: 'Er wurde kräftiger, ungeselliger, schärfer — ein tief eingesenkter Ernst waltete auf der hohen Stirn und durch das Auge brannte ein düsterer Geist" . In diesen äußeren Merkmalen spiegelt sich Albanos Bestreben, als Hoher Mensch die Nichtigkeit der Welt hinter sich zu lassen und sich einer höheren Sphäre zu verpflichten. Eine reflektierende Verarbeitung der Erfahrung und die Sicherung eines tragfähigen Verhältnisses zu den Mitmenschen sind auf dieser Grundlage nicht möglich. Albanos hochfliegende heroische Projekte finden denn auch bezeichnenderweise nicht zu konkreten Handlungsansätzen, sondern behalten ganz den Charakter rauschhafter Phantasien. Es bestätigt sich somit als Charakteristikum des Hohen Menschen, daß ihm eine produktive Anverwandlung der Wirklichkeit nicht möglich ist, sondern nur deren Abwehr.
      Hauptinhalt des Romans sind Albanos Begegnungen mit großen Seelen, die -mit Ausnahme Idoines - untergehen. Als Grund ihres Scheiterns erkennt Albano am Ende, daß sie die Möglichkeiten des menschlichen Daseins überspannt haben . Ihm selbst als dem Ãœberlebenden fiele es nun zu, seine Existenz den irdischen Verhältnissen anzupassen und allen idealischen Ãœberschwang abzulegen. Dieses Resultat allerdings ist nicht schrittweise aus Albanos Erfahrungen entwickelt. Weder haben sich seine Gefühlsräusche in einem Prozeß der Desillusionierung abgekühlt, noch sind die Träume von einer heroischen Existenz der Probe der Wirklichkeit ausgesetzt worden. Vielmehr scheint Albano die Notwendigkeit eines Ausgleichs mit der gegebenen Welt erst in jenem Augenblick aufzugehen, der ihm überraschend das Amt des Herrschers und damit eine feste Aufgabe in der Gesellschaft zuweist. Mit Recht hat man zu Jean Pauls Titan angemerkt, der Konflikt des Hohen Menschen mit der ihm feindlichen Wirklichkeit sei nicht ausgetragen, er werde vielmehr am Ende gleichsam im Handstreich, auf dem Wege einer forcierten Versöhnung zum Verschwinden gebracht .
     

 Tags:
Albanos  Entwicklung    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com