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Ein Gegenstück zu ,Wilhelm Meisters Lehrjahren'



Novalis hat den Goetheschen Wilhelm Meister im April und Mai des Jahres 1797 gelesen, er hat sich intensiv mit dem Buch auseinandergesetzt und wichtige Anregungen von ihm empfangen . Ansätze zu einer kritischen Distanzierung von Goethes Roman zeigen sich zu diesem Zeitpunkt nicht. Vielmehr wird er in der Folge zum Orientierungspunkt für Novalis' eigene poetische Pläne:


'Ich möchte eine Büchersammlung, aus allen Kunst, und Wissenschaftsarten, als Werck meines Geistes, vor mir sehn. Und so mit allen. Wilhelm Meisters Lehrjahre - haben wir jetzt allein — Wir sollten soviel Lehrjahre, in demselben Geist geschrieben, besitzen, als nur möglich wären — die sämmtlichen Lehrjahre aller Menschen die je gelebt hätten" .
      Die weitere Beschäftigung mit dem Wilhelm Meister führt zu Thesen über das von Goethe befolgte Verfahren der Figurengestaltung und zu dem Versuch, das Problem des Romans und das Lebensziel seines Helden in einer handlichen Formel zu erfassen:
'Sinn für schöne Kunst - und Geschäftsleben streiten sich um Meister in ihm. Das Erste und das Zweyte - Schönheit und Nutzen sind die Göttinnen, die ihm einigemal unter ,yerschiednen Gestalten auf Scheidewegen erscheinen - Endlich kommt Natalie - die bey-den Wege und die beyden Gestalten fließen in Eins" .
      Notizen aus dem Sommer 1798 bezeichnen Goethes Meister als 'Roman schlechtweg, ohne Beywort" , und Novalis steht nicht an, dem Werk das Prädikat 'romantisch" zuzuerkennen .
      Zu einer radikalen Änderung solcher Urteile kommt es im August 1799. Novalis vermißt jetzt im Wilhelm Meister das poetische Element und empfindet das Buch als seinen eigenen Intentionen feindlich:
'Wilhelm Meisters Lehrjahre sind gewissermaaßen durchaus prosaisch — und modern. Das Romantische geht darinn zu Grunde - auch die Naturpoesie, das Wunderbare [...]. Künstlerischer Atheismus ist der Geist des Buchs. Sehr viel Oeconomie - mit prosaischen, wohlfeilen Stoff ein poetischer Effect erreicht" .
      Nur widerwillig räumt Novalis jetzt in seinen polemischen Kommentaren ein, daß die Form des Goetheschen Romans poetische Qualität besitzt. Das muß ihm umso anstößiger sein, als er das Buch im ganzen für einen 'Candide, gegen die Poesie gerichtet", hält .
      'Es ist im Grunde ein fatales und albernes Buch - so pretentiös und pretiös - undichterisch im höchsten Grade, was den Geist betrift - so poetisch auch die Darstellung ist" .
      Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Tendenz von Goethes Bildungsroman, seinen Helden in der Realität Wurzel schlagen zu lassen und ihn zu bewußter Selbstbeschränkung in nützlicher Tätigkeit zu führen. Daß Wilhelm Meister am Ende in den adligen Kreis der Turmgesellschaft eintritt, bedeutet für Novalis nur ein fragwürdiges Reüssieren des Helden, der sich damit begnügt, zu den feinen Leuten zu gehören, ohne doch innerlich weitergekommen zu sein. So kann Novalis den ganzen Roman mit der schon zitierten maliziösen Bemerkung als 'Wallfahrt nach dem Adelsdiplom" bezeichnen .
      Trotz solcher scharfen Distanzierung bleibt der Wilhelm Meister, den Novalis nach Bekunden von Zeitgenossen 'fast auswendig" kannte , der entscheidende Bezugspunkt für den Heinrich von Ofterdingen. Daß dieser Roman beim gleichen Verleger und im gleichen Druckbild erscheinen sollte wie der Goethesche Meister, läßt erkennen, daß der Autor sein Buch als ein Gegenstück zu dem prominenten Muster verstanden wissen wollte. Die Interpreten haben immer wieder darauf hingewiesen, daß der Ofterdingen sich in vielen Dingen an den Wilhelm Meister anschließt : Man hat Affinitäten finden wollen in der Simplizität der Sprache, in der Konstellation der Figuren, im Verlauf der Geschichte von einem Zustand der Dissonanz zu einem der Harmonie, in der relativ großen Selbständigkeit der einzelnen Romanteile und in der frühen Einführung eines Motivs, das die Begegnung mit der Geliebten vorbereitet .
      Aber es ist trotz solcher Verwandtschaften doch unübersehbar, daß die beiden Romane in ganz unterschiedliche Richtungen streben. Wilhelm Meister ist im Unterschied zu Heinrich von Ofterdingen nicht zum Dichter geboren, er läßt alle künstlerischen Ambitionen hinter sich und ordnet sich in die Gesellschaft ein. Novalis dagegen sieht in der 'Poetisierung der Welt" das Ziel seines Romans: 'Das ganze Menschengeschlecht wird am Ende poetisch. Neue goldene Zeit" . Dieses Ziel liefert den Maßstab für die kritische Ablehnung von Goethes Bildungsroman, der aus solcher Perspektive in der Tat 'prosaisch" erscheinen mußte.
     

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