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Die Welt des Adels



Bekanntlich hat Novalis Wilhelm Meisters Geschichte verächtlich als eine 'Wallfahrt nach dem Adelsdiplom" bezeichnet . Diese Kritik ist ungerecht, da sie wesentliche Aspekte des Romans übergeht, insbesondere die Tendenzen, mit denen er über die soziale und politische Ordnung der Ständegesellschaft hinausstrebt.
      Wilhelm Meister bewegt sich in einer Gesellschaft, zu deren bedeutsamsten strukturellen Merkmalen die Trennung von Bürgertum und Adel gehört. Einen Einblick in die Lebensform des Adels zu gewinnen und sich gegenüber den Mitgliedern der Aristokratie recht verhalten zu lernen, gehörte daher zur Welterfahrung eines jungen Menschen bürgerlicher Herkunft. Wilhelm betrachtet denn auch den Aufenthalt auf dem Schloß des Grafen, der ihm durch die Theatergruppe möglich wird, als eine willkommene Gelegenheit, 'die große Welt näher kennen zu lernen, in der er viele Aufschlüsse über das Leben, über sich selbst und die Kunst zu erlangen hoffte" . Die Stellung des Adels scheint ihm zunächst bevorzugt und beneidenswert, ja er glaubt, daß nur der Adlige eine treffende und überlegene Einschätzung der Welt erreichen könne: 'Allgemein und richtig muß ihr Blick auf dem höheren Standpunkte werden, leicht ein jeder Schritt ihres Lebens" .
      Diese hohen Erwartungen geraten mit der Wirklichkeit bald in Konflikt: Der ins Zimmer der Gräfin gebetene Wilhelm kommt wegen allerlei nichtiger Ablenkungen nicht zum Vorlesen, bei der Arbeit an dem Huldigungs-Spiel für den Fürsten muß Wilhelm sich den Schrullen des Grafen unterwerfen, und er erlebt, wie der Baron wegen seiner Kunstliebhaberei zum Gespött seiner Standesgenossen wird. Der Unterschied der Stände, der einen freien Umgang unmöglich macht, wird immer wieder spürbar, besonders im Verhältnis zu der schönen Gräfin:
'Wie über einen Fluß hinüber, der sie scheidet, zwei feindliche Vorposten sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg zu denken, in welchem ihre beiderseitigen Parteien begriffen sind, so wechselte die Gräfin mit Wilhelm bedeutende Blicke über die ungeheure Kluft der Geburt und des Standes hinüber, und jedes glaubte an seiner Seite, sicher seinen Empfindungen nachhängen zu dürfen" .
      In der Unterhaltung mit dem Fürsten zeigt Wilhelm jenen Mangel an Sicherheit und Geschmeidigkeit des Betragens, den Christian Garve in einer 1792 erschienenen Abhandlung als Kennzeichen des 'bürgerlichen Airs" bezeichnet hatte . Gleichwohl bleibt Wilhelm Meister empfänglich für die Eindrücke, die sich ihm durch den Umgang mit der Welt der Aristokratie eröffnen:
'Wilhelm fing an zu wittern, daß es in der Welt anders zugehe, als er es sich gedacht. Er sah das wichtige und bedeutungsvolle Leben der Vornehmen und Großen in der Nähe und verwunderte sich, wie einen leichten Anstand sie ihm zu geben wußten" .
      Als die Theatertruppe vernachlässigt und schließlich entlassen wird, entlädt sich Wilhelms Verstimmung in einer heftigen Kritik des Adels. Dessen Lebensform erscheint ihm jetzt veräußerlicht und arm an Gefühlen und moralischen Werten, weshalb die Privilegierten eher Mitleid als Neid verdienen. Auch der wahre Kunstsinn bleibt ihnen verschlossen:
'Wie will der Weltmann bei seinem zerstreuten Leben die Innigkeit erhalten, in der ein Künstler bleiben muß, wenn er etwas Vollkommenes hervorzubringen denkt, und die selbst demjenigen nicht fremd sein darf, der einen solchen Anteil am Werke nehmen will, wie der Künstler ihn wünscht und hofft" .
      Seine heftige Kritik an den Weltleuten scheint Wilhelm in dem Augenblick vergessen zu haben, als er in einem Brief an Werner seinen Schritt auf die Bühne rechtfertigt. Er glaubt zu erkennen, daß 'eine gewisse allgemeine, wenn ich sagen darf, personelle Ausbildung" nur dem Edelmann, nicht dem Bürger möglich ist. Letzterer könne sich nämlich allein durch seine Leistung, durch praktische Brauchbarkeit Geltung verschaffen:
'Wenn der Edelmann durch die Darstellung seiner I'erson alles gibt, so gibt der Bürger durch seine Persönlichkeit nichts und soll nichts geben [...]. Jener soll tun und wirken, dieser soll leisten und schaffen; er soll einzelne Fähigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt, daß in seinem Wesen keine Harmonie sei noch sein dürfe, weil er, um sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles übrige vernachlässigen muß" .
      Wilhelm glaubt nun, im Beruf des Schauspielers die Möglichkeit zu freier Ausbildung und Selbstdarstellung seiner Person zu finden. Durch körperliche Ãœbungen, durch Schulung seiner Sprache und Stimme, durch geselligen Umgang und durch die Erfahrung des öffentlichen Auftretens auf der Bühne hofft er sich in ähnlicher Weise präsentieren zu können wie der Edelmann: 'Auf den Brettern erscheint der gebildete Mensch so gut persönlich in seinem Glanz als in den oberen Klassen; Geist und Körper müssen bei jeder Bemühung gleichen Schritt gehen, und ich werde da so gut sein und scheinen können als irgend anderswo" .
      An dieser Stelle ist für Wilhelms Drang zur Bühne kaum noch ein künstlerisches Motiv, sondern fast ausschließlich das Lebensinteresse der Selbstausbildung entscheidend , wobei ihm der Schauspielerberuf nur Mittel zum Zweck ist. Wilhelm hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits wieder dem Metier des Kaufmanns innerlich angenähert . Er wird nun vor allem durch Werners zudringlichen Brief und die Plattheit seiner Vorschläge dazu getrieben, sich von seiner Herkunft mit einem 'heimlichen Geist des Widerspruchs" zu distanzieren und sich erneut dem Theater zuzuwenden, um dort 'die Bildung, die er sich zu geben wünschte", zu suchen .
      In der Kontrastierung der bürgerlichen und adligen Lebensform zeigen Wilhelms Ãœberlegungen deutliche Parallelen zu denen Christian Garvesjn der schon erwähnten Abhandlung. Bereits dort fand sich die These, daß der Adlige 'die Geschmeidigkeit im Umgange", der Bürgerliche dagegen 'die Brauchbarkeit" ausbilde, und daß der letztere im Staatsdienst durch Leistung aufsteige, der Aristokrat aber durch seine geselligen Talente . Wegen der auffallenden Ãœbereinstimmungen hat man angenommen, Goethe habe bei dieser Passage der Lehrjahre Garves Essay vor Augen gehabt .
      Das verklärte Bild der adligen Persönlichkeitsbildung steht allerdings in auffälligem Gegensatz zu Wilhelms früheren Erfahrungen. Er selbst hatte die auf Repräsentation und formelle Contenance angelegte Lebensform des Adels als gefühlsarm und oberflächlich kritisiert, so daß es nicht recht einleuchten will, warum er das Ziel seines Bildungsstrebens jetzt unter dem Bild einer aristokratischen Selbstdarstellung der Person faßt. Zweifelhaft ist auch, ob sich die Bühne als das geeignete Medium für die angestrebte 'harmonische Ausbildung" der Person erweisen kann. Es ist vorauszusehen, daß Wilhelm sich vom Theater abwenden wird, wenn er dort keine spürbare Wirkung auf das Publikum erreicht und wenn sich ein Zwang zu künstlerischen Halbheiten einstellen sollte. Nach allem, was der Leser bislang über das Publikum und die Theaterleute erfahren hat, wird Wilhelm diese Enttäuschung kaum erspart bleiben. Daß er sich mit ihr abfinden könnte, ist angesichts des Lebensernstes, der aus seinem Bildungsvorsatz spricht, nicht zu erwarten. Aus diesen Gründen erscheint Wilhelms Lebensplan, wie er in dem programmatischen Brief an Werner formuliert ist, höchst fragwürdig. Das gilt sowohl für die inhaltliche Fixierung auf repräsentative Selbstdarstellung nach aristokratischem Muster als auch für das zur Realisierung dieses Ziels gewählte Mittel der Bühnenlaufbahn.
      Am Ende von Goethes Roman scheinen wichtige Regeln der Ständegesellschaft ohne viel Aufhebens außer Kraft gesetzt zu sein. Schiller hat diese Tendenz des Romans besonders begrüßt:
'Es ist übrigens sehr schön, daß Sie, bei aller gebührenden Achtung für gewisse äußere positive Formen, sobald es auf etwas rein Menschliches ankommt, Geburt und Stand in ihre völlige Nullität zurückweisen und zwar, wie billig, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren" .
      Die drei Mesalliancen über die Standesschranke hinweg, Lotharios Forderung nach Abschaffung des Lehnswesen und sein Plan, die Arbeiter an den Erträgen seiner Güter zu beteiligen, zeigen einen neuen, von den überkommenen Vorstellungen freien Geist. Es läßt sich daher wohl nicht sagen, daß die Gesellschaft vom Turm, in der Wilhelm am Ende seinen Platz an der Seite Natalies finden soll, die aristokratische Lebensform konserviere , — allerdings ebensowenig, daß hier revolutionär-demokratische Ideale oder auch nur ein 'radikal-liberales" ökonomisches Konzept dargestellt seien . Immerhin beweist Goethe im Arrangement der Heiraten gegen Ende seines Romans eine solche Unbefangenheit gegenüber dem Standesproblem, daß Schiller fürchtete, die zeitgenössischen Leser könnten Anstoß nehmen. Nicht ohne Grund hat Georg Lukäcs im Schluß der Lehrjahre eine 'Verschmelzung zwischen den fortgeschrittenen Vertretern des Adels und denen des gebildeten Bürgertums" erkennen wollen . Die Turmgesellschaft entspricht mit ihrem Ideal nützlicher Tätigkeit und mit ihrer Großzügigkeit in der Frage standesüberschreitender Heiraten offensichtlich der bürgerlichen Mentalität; die äußere Einrichtung der Existenz und der gesellige Umgang jedoch bleiben vom adligen Lebensstil geprägt.
     

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