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'Die Erfüllung. Zum zweiten Teil des Romans



Ludwig Tieck hat 1802 im zweiten Band seiner Novalis-Ausgabe einen Bericht über die geplante Fortsetzung des Romans veröffentlicht, der sich auf Gespräche mit dem Autor und auf dessen hinterlassene Notizen stützt . Dieser Versuch, den Werkplan zu rekonstruieren, ist indessen oft mit Skepsis und Ablehnung betrachtet worden. Die Unsicherheiten über den Fortgang des Ofterdingen werden vermehrt durch Friedrich Schlegels Mitteilung, Novalis habe noch kurz vor seinem Tod 'seinen Plan ganz und durchaus geändert" .


      Immerhin scheinen wichtige Grundtendenzen der weiteren Entwicklung des Werks erkennbar. Die Titel der beiden Teile, 'Die Erwartung" und 'Die Erfüllung", finden in einer brieflichen Bemerkung des Autors eine Erläuterung:
'Heinrich von Afterdingen wird im lsten Theile zum Dichter reif- und im Zweyten als Dichter verklärt" .
      Ging es im ersten Teil um die Selbstfindung des zum Poeten geborenen Heinrich, so sollte die Fortsetzung nach Ausweis der Notizen weiter in die äußere Welt ausgreifen und 'die Verwandlung der Natur- und Menschenwelt durch die Macht des zu sich selbst erwachten poetischen Geistes, die Durchdringung der inneren und äußeren Welt, die sichtbare Erscheinung der Poesie ,auf Erden' schildern" . Dabei wollte sich Novalis offensichtlich zunehmend wunderbarer Motive bedienen und den Roman 'allmälich in Märchen übergehn" lassen .
      Gelegentlich hat man bezweifelt, daß Novalis, hätte er länger gelebt, die 'Poe-tisierung der Welt" im zweiten Teil seines Romans hätte plausibel darstellen können. In dem vorliegenden Fragment des Eingangskapitels wollte man geradezu das 'drohende Scheitern" des Werks angedeutet sehen: 'Heinrich ist nun endgültig geworden, was er von Anfang an zu werden drohte: ein Sprachrohr, durch das von jenen Wundern geredet wird, die eigentlich im Schicksal dieses Dichters hätten vorgeführt werden sollen." Die Selbstthematisierung der Poesie führe zu einem fortdauernden Räsonnement und hintertreibe die sinnliche Veranschaulichung, die doch in dichterischer Darstellung gefordert sei .
      Andere Interpreten meinten dagegen, der Ofterdingen verwirkliche mit dem knappen Fragment seines zweiten Teils eine ganz neue Form des Romans: Er erfülle durch die Einbeziehung des Wunderbaren und durch die Einführung des philosophischen Dialogs jene Forderungen, die Friedrich Schlegel an die Gattung gestellt habe . Man wird indessen bezweifeln müssen, ob eine so deutliche formale Unterscheidung zwischen den Kapiteln des ersten Teils und dem Textfragment des zweiten sich treffen läßt. Denn philosophische Gespräche gibt es in den früheren Partien ebenso wie wunderbare Momente . Immerhin wird man den Notizen des Autors entnehmen dürfen, daß der zweite Teil des Ofterdingen die bislang geltenden Gattungskonventionen ostentativ durchbrechen sollte. Dieser Absicht diente die in den Fortsetzungsplänen angedeutete völlig enfesselte Phantastik der erzählten Vorgänge und die Auflösung der Figuren, deren Identität offenbar mit dem Personal des Atlantis- und des Klingsohr-Märchens verschwimmen sollte .
      In die Lücke zwischen die beiden Teile des Romans fällt der Tod Mathildes, den Heinrich bereits in seinem Traum nach der ersten Begegnung vorausgesehen hatte . Als die Erzählung wieder einsetzt, zeigt sie den Helden in Schmerz und Verzweiflung über diesen Verlust. Seine seelische Erstarrung löst sich durch die Betrachtung der 'unübersehlichen Herrlichkeit" der Natur und durch eine wunderbare Vision, in der ihm Mathilde erscheint. Danach fühlt er sich befreit und verwandelt. Er glaubt durch die Erfahrung des Todes einen neuen, tieferen Zugang zur Welt und zum Leben gefunden zu haben:
'Stimme und Sprache waren wieder lebendig bei ihm geworden und es dünkte ihm nunmehr alles viel bekannter und weissagender, als ehemals, so daß ihm der Tod, wie eine höhere Offenbarung des Lebens, erschien, und er sein eignes, schnellvorübergehendes Daseyn mit kindlicher, heitrer Rührung betrachtete" .
      Heinrich gelingt eine neue Zuwendung zur Welt, indem er durch den Tod der Geliebten zu der Erkenntnis findet, daß der Fluchtpunkt aller irdischen Zu-sammmenhänge im Unendlichen liegt. Damit ist er für das große Lehrgespräch mit Sylvester vorbereitet, das die Natur, die Poesie und den 'Geist der Tugend" behandelt und das in einer Verheißung für Heinrichs Zukunft gipfelt: 'Die Unschuld Eures Herzens macht Euch zum Propheten [...]. Euch wird alles verständlich werden, und die Welt und ihre Geschichte verwandelt sich Euch in Heilige Schrift" .
     

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'Die  Erfüllung.  Zum  zweiten  Teil  Romans    





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