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Das 'goldene Zeitalter — regressive Utopie oder Ziel eines revolutionären Denkens?



Die zahlreichen Versuche zu einer ideologiekritischen Einordnung des Novalis'-schen Werks haben nicht zu einheitlichen Resultaten geführt. Nicht selten galt Novalis als der 'absolut reaktionärste Vertreter der Romantik" . Andere dagegen erkannten in Novalis einen entschiedenen Anhänger der Revolution und des Fortschritts .
      Immer wieder wurde Novalis zum Objekt wohlgemeinter ,Rettungen', etwa gegenüber dem Einwand, er habe eine 'Weltanschauung märchenhaft-utopischen Charakters" vertreten . Man verteidigte seine Vorstellung vom goldenen Zeitalter als eine 'echte, geistige Programmbildung [...], welche die bestehenden Zustände verändern will und diese Veränderung von einer innerlichen Erweckung und Umwandlung des Menschen abhängig macht" . Man betonte ferner, daß man den 'Weg nach innen" nicht einseitig als die Denk- und Lebenstendenz des Novalis verstehen dürfe: Er habe nämlich zugleich die ergänzende Wendung nach außen gefordert . Allerdings kommt dieser Hinweis kaum darüber hinweg, daß die Gegenstände der äußeren Erfahrung immer schon in prästabilierter Harmonie zum Subjekt gedacht sind, ja daß sie im Kontext des 'magischen Idealismus" als Hervorbringungen des Ich gelten.
      Bei der Suche nach eindeutigen politischen Tendenzen im Werk des Novalis wurde nicht selten gewaltsam interpretiert. Ein Beispiel bietet folgende Argumentation: 'Und nur weil die Französische Revolution als garantierendes Indiz humaner Perfektibilität die selbstverständliche und darum stillschweigende Voraussetzung dieses Romans darstellt, erscheint ,Heinrich von Ofterdingen' ohne jeglichen expliziten Bezug zur aktuellen geschichtlichen Realität" . Nun findet sich bei Novalis ohne Zweifel eine Kritik der vorgefundenen Wirklichkeit und das Programm des historischen Fortschreitens in Richtung auf ein enthusiastisch beschworenes Ziel. Aber dadurch wird der Ofterdingen noch nicht zu einem 'historischen Zeitroman" . Denn seine Vorstellung vom Ziel der Menschheit und vom Telos der Naturentwicklung sind so überschwenglich, daß sie als Maßstäbe einer zeitkritischen Analyse oder als Elemente eines politisch-praktischen Programms denn doch kaum brauchbar sind. Wo sich bei Novalis ein revolutionäres Pathos bemerkbar macht, muß man sich, wie Hermann Kurzke gezeigt hat, vor Äquivokationen und undifferenzierten Parallelisierungen hüten: 'Der formale Revolutionarismus mancher Stellen gilt der romantischen, nicht der politischen Innovation. Der falschen, philiströsen, partikulären, habsüchtigen, rationalistischen und egoistischen Revolution wird die wahre, die deutsche, die romantische, schwärmerische, transzendentale und universale erst folgen" .
      Novalis' Wille zur Veränderung der Welt steht unter hochfliegenden spekulativen Voraussetzungen, er richtet sich auf die Utopie des goldenen Zeitalters und bewegt sich daher in einer sehr abstrakten Sphäre. Auf dem Boden des romantischen Dichtungsverständnisses hat bei Novalis das Ungenügen an der Wirklichkeit und die Hoffnung auf eine Erlösung der Welt zur Ausbildung einer privaten Mythologie geführt. Auf diese Weise hat Karl Wilhelm Ferdinand Solger schon den Ofterdingen verstanden:
'Nach meiner Einsicht sollte der Roman in dem wirklichen Leben absichtlich anfangen, und je mehr H[einrich] selbst nach und nach in die Poesie überging, auch sein irdisches Leben darin übergehn. Es würde also dies eine mystische Geschichte, eine Zerreißung des Schleiers, welchen das Endliche auf dieser Erde um das Unendliche hält, eine Erscheinung der Gottheit auf Erden, kurz ein wahrer Mythos, der sich von andern Mythen nur dadurch unterschiede, daß er sich nicht in dem Geist einer ganzen Nation, sondern nur eines einzelnen Mannes bildete" .
      Dieser komplexe Entwurf mit seinen kritischen, vorwärtsdrängenden Motiven, mit seiner phantasievollen Ãœberschwenglichkeit und mit seiner eigenwilligen philosophischen Begründung entzieht sich offenbar einer Ideologiekritik, der lediglich die Kategorien 'affirmativ" oder 'kritisch" beziehungsweise 'reaktionär" oder 'progressiv" zu Gebote stehen. Um den historischen Ort des Ofterdingen und der philosophischen Konzepte des Novalis zu bestimmen, bedürfte es einer Analyse der geistigen und gesellschaftlichen Lage der jungen romantischen Generation um 1800, die genauer und eindringlicher verfährt als die bisher vorliegenden.
     

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