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Zur Rolle des Helden



Novalis hat seinen Roman um eine zentrale Figur herum aufgebaut, und er hat diese Figur einen Entwicklungsprozeß durchlaufen lassen. An dieser Struktur hat er auch in seinen romantheoretischen Überlegungen aus den Jahren 1797 und 1798 festgehalten: "Dieser Wechsel, oder die Veränderungen Eines Individuums - in einer continuirlichen Reihe machen den interessanten Stoff des Romans aus" .
      Es ist indessen nicht zu übersehen, daß der Held des Heinrich von Ofterdingen anders angelegt ist und sich anders durch seine Welt bewegt als die Protagonisten der Bildungsromane Wielands und Goethes. Das hat seinen Grund darin, daß das Verhältnis von Subjekt und Welt von völlig anderen Prämissen her gedeutet wird, aber auch darin, daß die Hauptfigur der Erzählung dezidiert zum "Organ des Dichters" gemacht ist . Das heißt: sie interessiert nicht um ihrer Individualität oder um ihrer besonderen Erfahrungen willen, sondern weil sie funktionalen Wert für eine bestimmte Demonstrationsabsicht hat.
      Die Kritik hat oft festgestellt, Heinrich sei keine Figur mit einprägsamen persönlichen Zügen, er sei vielmehr Repräsentant und Exempel zur Veranschaulichung spekulativer Gedankenentwürfe. Aus dieser Besonderheit ist allerdings nicht zu folgern, daß der Ofterdingen vom Bildungsroman durch unüberbrückbare Differenzen geschieden sei . Im Gegenteil: Vom Agathon bis zum Zauberberg ist der Entwicklungsgang der zentralen Figur immer wieder als erzählerisches Substrat für die Entfaltung eines ideellen Gehalts behandelt worden. Allerdings ist das nur selten in so bestimmender Weise der Fall wie im Heinrich von Ofterdingen.
      Während der Arbeit an seinem Roman deutet Novalis an, daß ihm das Entwicklungskonzept des Goetheschen Bildungsromans fremd geworden ist und daß er für sein eigenes Werk eine grundlegend andere teleologische Orientierung gefunden hat. In einem Brief vom 27.

II.

1799 heißt es:
"Ich habe Lust mein ganzes Leben an Einen Roman zu wenden - der allein eine ganze Bibliothek ausmachen - vielleicht Lehrjahre einer Nation enthalten soll. Das Wort Lehrjahre ist falsch - es drückt ein bestimmtes Wohin aus. Bei mir soll es aber nichts, als Übergangs-]ahre vom Unendlichen zum Endlichen bedeuten. Ich hoffe damit zugleich meine historische und philosophische Sehnsucht zu befriedigen" .
      Der wesentliche Unterschied zu den Bildungsromanen Wielands und Goethes liegt im Verhältnis des Helden zu der ihn umgebenden Wirklichkeit: Diese ist nicht mehr als Widerstand begriffen, an dem das Subjekt sich abarbeiten muß, um am Ende zu einem Ausgleich seiner Ambitionen mit den Ansprüchen der äußeren Realität zu finden. Richard Samuel hat betont, daß bei Novalis das Problem der ,Bildung' und der Modus der Entwicklung in einer ganz neuen Weise bestimmt sind:
"Heinrich von Ofterdingen ist in der Tat ein Bildungsroman, nimmt aber eine eigentümliche Stellung innerhalb dieser Gattung ein. Es sind weniger die äußeren Verhältnisse der Welt, die auf den Helden einwirken, als innere Kräfte, die sich in ihm entfalten und die nicht von der Welt, wie sie sich uns darbietet, beeinflußt sind, sondern Brücken schlagen zu einer höheren Welt, die für Novalis eine absolute Realität war" .
      Wenn man den Ofterdingen im Rahmen der Gattungsgeschichte des Bildungsromans betrachtet, sollte man zur Vermeidung von Mißverständnissen die Besonderheiten dieses Werks im Vergleich zu den meisten Exemplaren der Gattung deutlich hervorheben: Zu nennen wäre da nicht nur die vollkommen konfliktfreie Entwicklung der Hauptfigur und die Eliminierung einer widerständigen Außenwelt, sondern auch die Tendenz zur Aufhebung der zeitlichen Abfolge. Mit Recht hat man sagen können, "die sich ausdehnende Handlung [sei] nur vorgetäuscht, denn ,alles' ist ja schon in ,jedem', in jedem Satz, in jeder Episode da" . Immerhin ist eine zeitliche Reihenfolge der Ereignisse beibehalten, und der Roman selbst deutet sie als ein sinnvolles Fortschreiten, dessen Ziel sowohl die Realisierung von Heinrichs persönlicher Bestimmung als auch die "Poetisierung der Welt" und damit das Anbrechen eines neuen goldenen Zeitalters ist . Es ist offensichtlich, daß mit dieser Universalisierung des Entwicklungskonzepts jene Grenzen überschritten sind, in denen der Bildungsroman sich sonst bewegt.
     

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