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Ziele der Bildung



Obwohl Novalis seinen Roman unvollendet hinterlassen hat und Tiecks Skizze der geplanten Fortsetzung sehr umstritten ist, sind Aussagen über den Fortgang und Zielpunkt des Ofterdingen möglich. Zwar sind die Notizen des Autors vage und ungeordnet, doch eröffnet die eigentümliche Bauform des Romans einen recht eindeutigen Ausblick auf das Telos des Ganzen. Novalis hat nämlich den Ablauf von Heinrichs Geschichte und deren Ziel in einigen Einlagen gespiegelt. Dazu gehören Heinrichs Traum von der blauen Blume, das Atlantis-Märchen und Klingsohrs Märchen von Fabel und Eros. In allen diesen Teilen des Romans deutet sich der Ãœbergang in ein goldenes Zeitalter an, der sich nach einer Äußerung des Autors im Zeichen einer 'Apotheose der Poesie" vollziehen sollte .
      Im Gang des Romans treten immer wieder Anzeichen eines eschatologischen Denkens hervor. Am Ende von Klingsohrs Märchen ist eine so reine und umfassende Harmonie erreicht, daß Entzweiung und Streit nur noch in der symbolischen Form des Schachspiels vorstellbar sind: 'Es ist ein Denkmal der alten trüben Zeit" . Ein Lied des jungen Dichters im Atlantis-Märchen spricht von 'dem Ende der Trübsale, der Verjüngung der Natur und der Wiederkehr eines ewigen goldenen Zeitalters" . Und der alte Bergmann glaubt in der Natur Anzeichen für eine fortschreitende Ãœberwindung der Gegensätze und Entfremdungen wahrzunehmen .
      In den Fragmenten des Novalis ist von einem Bildungsprozeß der Menschheit im ganzen die Rede , aber auch von der Entwicklung des einzelnen Menschen . Alle diese unter dem Begriff ,Bildung' subsumierten Prozesse stehen Novalis zufolge in einem inneren Zusammenhang. In der Bildung des Einzelnen nämlich liegt ein Beitrag zur Bildung des 'Weltgeistes" und der 'Weltseele" .
      Der paradiesische Zustand liegt in der Zukunft und muß erst durch die Ãœber windung des Zeitalters der Entzweiungen wirklich gemacht werden. Zugleich aber ist die Harmonie auch jetzt schon erfahrbar, als 'höhere Welt" hinter den Erscheinungen. Heinrich erklärt im Gespräch mit Mathilde:
'Könntest du nur sehn, wie du mir erscheinst, welches wunderbare Bild deine Gestalt durchdringt und mir überall entgegen leuchtet, du würdest kein Alter fürchten. Deine irdische Gestaltung ist nur ein Schatten dieses Bildes. [...]. Ja Mathilde, die höhere Welt ist uns näher, als wir gewöhnlich denken. Schon hier leben wir in ihr, und wir erblicken sie auf das Innigste mit der irdischen Natur verwebt" .
      In der 'Ahndung", in der Erinnerung und im Traum wird die Sphäre der alltäglich erfahrbaren Realität durchstoßen und der Zusammenhang mit der 'unbekannten heiligen Welt" hergestellt. Auch der Poesie gelingt dies. Denn im Dichter 'redet die höhere Stimme des Weltalls und ruft mit bezaubernden Sprüchen in erfreulichere, bekanntere Welten" . So erklärt sich, daß die Poesie in 'nahe Verwandtschaft mit dem Sinn der Weissagung und dem religiösen, dem Sehersinn überhaupt" gestellt wird und daß in ihr die erlösende Kraft zur Ãœberwindung der Entzweiungen liegen soll:
'Durch die Poesie entsteht die höchste Sympathie und Coactivität, die innigste Gemeinschaft des Endlichen und Unendlichen" .
      Der Zielpunkt des Romans, die 'Apotheose der Poesie" und die Ankunft des goldenen Zeitalters, ist, wie schon erwähnt, in den Märchen des ersten Romanteils vorweggenommen. Es entspricht der inneren Logik des Werkplans, wenn der Roman im ganzen gegen Ende 'allmälich in Märchen übergehen" sollte . Denn die ungebundene Phantastik des Märchens ist besonders geeignet, eine 'Potenzierung" des gemeinen Wirklichen und eine 'Logarithmisierung" des Höheren zu bewirken und auf diese Weise die 'innigste Gemeinschaft des Endlichen und Unendlichen" anschaulich zu machen: 'Die Auflösung der Welt in das gebildete Chaos' [des Märchens] ist die Erhebung des Wirklichen zur ,Chiffre' und ,Hieroglyphe'. Der ,Welt' ist damit ihr ursprünglicher Sinn wiedergegeben" .
      Novalis' Auffassung von der weltverwandelnden Kraft der Poesie ist - was hier nur angedeutet werden kann — verständlich allein aus seiner eigenwilligen Fortbildung der Gedanken Kants und Fichtes. Wenn die kritische Philosophie gelehrt hatte, die formalen Bedingungen der Erkenntnis im Subjekt zu suchen, so radikalisiert Novalis diesen Denkansatz zu der Vorstellung, das Ich könne aus sich heraus die Welt erschaffen: 'Die Dinge werden in ihrem eigenen Sein absolut aufgehoben und als Produkte des absoluten, sich selbst erzeugenden Willens des Ich gesetzt" .
      Dieser Grundgedanke des 'magischen Idealismus" offenbart seine Aporien, wenn sich das Ich am Ende vor der unauflöslichen Positivität des Gegebenen wiederfindet. Zwar versucht Novalis, die äußere Welt dem Ich in einem schwebenden Verhältnis wechselseitiger Aufhebung gegenüberzustellen, aber letztlich entgeht er nicht dem Zwang, daß die vermeintlich welterzeugende Spontaneität des Ich sich doch an bestimmten empirischen Gegenständen festmacht. In Hermann Kurzkes Formulierung: 'Das Verfahren des magischen Idealismus zwingt, soll es nicht schon daran scheitern, daß beliebige Wunder zu vollbringen des Menschen Sache nicht ist, in der Anwendung Objektivierungen auf: Die Magie des Positiven, die Natur, das Leben, die Monarchie, die katholische Kirche etc." . Diese Objektivierungen, in denen das Ich sich selbst eine Bestimmung zu geben sucht, scheitern an der Widerständigkeit und an den Unvollkommenheiten der Dinge, die das überschwengliche Sinnbedürfnis des Ich nicht erfüllen. Es entbehrt nicht der inneren Konsequenz, daß Novalis sich vor solchen Enttäuschungen auf die Poesie zurückzieht, denn in ihr kann sich die produktive Einbildungskraft frei entfalten und in der Tat aus sich eine Welt hervorbringen. Sie ist, wie man treffend gesagt hat, 'ein Bereich, der per definitionem romanticam der Kontrolle durch die ,Welt' entzogen ist." Diese Problematik der Novalis'schen Philosophie spiegelt sich auch in der Anlage des Öfter dingen und seines Dichter-Helden: 'Der magische Idealist zaubert nur noch in der Dichtkunst: Heinrich von Ofterdingen geht einen Weg, in dem alle Verhältnisse der Außenwelt auf die Bedürfnisse der Innenwelt zugeschnitten sind, in der alles Objektive sich vereinigt, um einem Subjekt den Weg zu zeigen. Die Poesie ist so das letzte Resultat des magischen Idealismus, nachdem alle anderen Positivierungsformen vom Ich nicht festgehalten werden konnten" .
     

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