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Faktoren des Bildungsprozesses



Trotz der besonderen spekulativen Voraussetzungen und trotz der konzeptionellen Abweichungen von anderen Bildungsromanen zeigen sich im Heinrich von Ofterdingen und in den theoretischen Ãoberlegungen des Novalis Parallelen zu den am Ende des 18.Jahrhunderts herrschenden Auffassungen zum Bildungsproblem: Wie Wieland, Herder und Goethe betrachtet auch Novalis die individuelle Anlage, die Umwelt und den sittlichen Willen als die Faktoren, die den Bildungsprozeß des Einzelnen bestimmen . Man sollte diese Ãobereinstimmung allerdings in ihrer Bedeutung nicht überschätzen, da die einzelnen Elemente im Denken des Novalis einen veränderten Sinn bekommen und in ganz neu aufgefaßten Zusammenhängen auftreten.
      Ãober Heinrich von Ofterdingen sagt der Erzähler des Romans, er sei 'von Natur zum Dichter geboren" . Der alte Bergmann spricht von 'Beschäftigungen, für die man von der Wiege an bestimmt und ausgerüstet ist" . Erfüllung und Glück erreicht der Mensch nur, wenn er dieser angeborenen Anlage folgt. Ein Beispiel für einen verfehlten Lebensgang bietet Heinrichs Vater, der auch einmal von der blauen Blume geträumt hatte , dann aber der damit angedeuteten höheren Bestimmung auswich. Sylvester beschreibt die Grenzen seiner Existenz:
'Er wollte nicht Achtung geben auf den Ruf seiner eigensten Natur. Die trübe Strenge seines vaterländischen Himmels hatte die zarten Spitzen der edelsten Pflanze in ihm verdorben. Er ward ein geschickter Handwerker und die Begeisterung ist ihm zur Thorheit geworden" .
      In den Fragmenten fordert Novalis die Ausbildung der Individualität und spricht von der 'heiligen Eigenthümlichkeit" des Menschen . Die Orientierung aufs Unendliche soll also die Besonderheit der einzelnen Existenz keineswegs zum Verschwinden bringen. Im Gegenteil: Der Mensch soll 'unendlich gebildetes Individuum" werden, denn nur so kann er seinen Beitrag zum universellen Bildungsprozeß leisten.
      Die Entwicklung des Einzelnen ist nun aber, wie der Ofterdingen an mehreren Stellen deutlich macht, nur in Abhängigkeit von äußeren Einflüssen zu denken. Der Einsiedler spricht die Erkenntnis aus, 'daß der Mensch erst durch vielfachen Umgang mit seinem Geschlecht eine gewisse Selbständigkeit erlangt" . Und Sylvester betont die glücklichen Umstände von Heinrichs Jugendentwicklung .
      Mehrfach spricht Novalis in den Fragmenten davon, daß Bildung eine sittliche Aufgabe sei. Der Mensch bedarf der 'Selbsterziehung" , ja er hat seine Bildung als 'religiöse Pflicht" aufzufassen . Dieser Aspekt wird im Ofterdingen nicht deutlich, da der Held keine moralischen Proben zu bestehen hat und er keine falschen Tendenzen in seinem eigenen Innern bekämpfen muß. Daß es somit auf den sittlichen Willen kaum ankommt und daß die Entwicklung Heinrichs als widerstandslos ablaufender, wachstümlicher Prozeß erscheint, bezeichnet die Besonderheit der im Ofterdingen erzählten Bildungsgeschichte.

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