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Austreibung der Kunst?



Daß Wilhelm sich vom Theater abwendet und daß Mignon und der Harfner keine Stelle in der Welt der Turmgesellschaft finden, hat man seit Novalis immer wieder als Beweis für einen kunstfeindlichen Rationalismus und Praktizismus des Goetheschen Romans verstehen wollen. Eine Stütze findet diese Deutung darin, daß die Künste für die Mitglieder der Turmgesellschaft offenbar keine zentrale Rolle spielen: Von keinem heißt es, daß er dichte, male oder komponiere. Auch die Kunstsammlung des Oheims wird offenbar nicht erweitert. Natalie bekennt sogar ausdrücklich, sie sei ohne ästhetische Sensibilität:
'Die Reize der leblosen Natur, für die so viele Menschen äußerst empfänglich sind, hatten keine Wirkung auf mich, beinah noch weniger die Reize der Kunst; meine angenehmste Empfindung war und ist es noch, wenn sich mir ein Mangel, ein Bedürfnis in der Welt darstellte, sogleich im Geiste einen Ersatz, ein Mittel, eine Hilfe aufzufinden" .
      Richtig ist auch, daß am Ende die Lieder Mignons und des Harfners verstummen. Deren Grundstimmung war unerfüllte Sehnsucht und unaufhebbare Fremdheit gegenüber der Welt gewesen. Es ist offensichtlich, daß eine solche Dichtung der weltzugewandten, auf praktische Tätigkeit ausgerichteten Haltung des Turms wenig entspricht.
      Trotz dieser Tendenz des Romanschlusses glaubte Schiller, das Werk finde die Lösung für sein zentrales Problem im 'ästhetischen Zustand", nicht auf dem Wege der Spekulation:
'Innerhalb der ästhetischen Gemütsstimmung regt sich kein Bedürfnis nach jenen Trostgründen, die aus der Spekulation geschöpft werden müssen; sie hat Selbständigkeit, Unendlichkeit in sich; nur wenn sich das Sinnliche und das Moralische im Menschen feindlich entgegenstreben, muß bei der reinen Vernunft Hilfe gesucht werden" .
      Natalie erschien Schiller als 'rein ästhetische Natur" , in der es einen Widerstreit von sinnlichen und moralischen Kräften nicht gibt und die sich infolgedessen in schöner Harmonie darstellt. Schiller konnte nicht entgehen, daß Wilhelm Meister selbst am Ende nicht eigentlich in einem freien ästhetischen Zustand anlangt. Dies mußte aus Schillers Perspektive als Mangel an gedanklicher Konsequenz erscheinen, weshalb er Goethe aufforderte, die Entwicklung des Helden durch Ergänzungen und Umformungen des Romantextes plausibler und schlüssiger zu gestalten. Geschehen sollte das Schillers Anregung zufolge dadurch, daß Wilhelm am Ende seiner Bildungsgeschichte in einem freieren und überlegeneren Verhältnis dem Schönen gegenüber vorgeführt würde. Schiller beanstandete, der Held des Buches sei beim Eintreten in den Saal der Vergangenheit
'noch zu sehr der alte Wilhelm, der im Hause des Großvaters am liebsten bei dem kranken Königssohn verweilt und den der Fremde, im ersten Buch, auf einem so unrechten Wege findet. [...] Wäre hier nicht der Ort gewesen, den Anfang einer glücklichen Krise bei ihm zu zeigen, ihn zwar nicht als Kenner, denn das ist unmöglich, aber doch als einen mehr objektiven Betrachter darzustellen [...]?"
Goethe ist dieser Anregung sehr behutsam gefolgt. Zur architektonischen Gestaltung des Saals der Vergangenheit sagt der Erzähler, jeder Besucher scheine 'über sich selbst erhoben zu sein, indem er durch die zusammentreffende Kunst erst erfuhr, was der Mensch sei und was er sein könne." Auch Wilhelm unterliegt dieser Wirkung, allerdings 'ohne sich davon Rechenschaft geben zu können" . Darin zeigt sich: Er ist empfänglich für ästhetische Reize und kann im Kunstwerk ein Analogon zum Zustand des gebildeten Menschen erspüren. Ã"hnlich hatte er schon reagiert, als er im Schloß des Oheims mit der 'reinsten, schönsten, würdigsten Baukunst" bekannt wurde: ',Ist doch wahre Kunst', rief er aus, ,wie gute Gesellschaft: sie nötigt uns auf die angenehmste Weise, das Maß zu erkennen, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist'" .
      Wilhelm hatte sich früher mit der Absicht der Selbstbespiegelung den Kunstwerken genähert, ohne deren ästhetischen Rang besonders zu würdigen. Das ist am deutlichsten bei seiner Vorliebe für das Bild vom kranken Königssohn, aber es gilt auch noch für seine Beschäftigung mit dem Shakespeareschen Hamlet . Daß die geänderte Haltung gegenüber der Kunst, das heißt die Fähigkeit, 'eine gute Statue, ein treffliches Gemälde an und für sich zu beschauen" und objektiv aufzunehmen, Resultat der Bildung und Ausdruck einer Befreiung der Person aus subjektiver Befangenheit ist, spricht der Abbe in einer längeren Reflexion deutlich aus .
      Goethes Roman schildert indessen keine ästhetische Erziehung im Sinne Schillers. Daß Wilhelm Meister durch Freisetzung des 'Spieltriebs" in einen 'ästhetischen Zustand" versetzt würde, in dem die sinnliche und die vernünftige Natur zugleich aktiviert werden und eine 'vollständige Anschauung seiner Menschheit" möglich wird, wäre keine angemessene Beschreibung der erzählten Bildungsgeschichte. Goethe stellt den Entschluß zu einer 'reinen und sichern Tätigkeit" in den Vordergrund und sieht im Kunstwerk lediglich ein Symbol dafür, 'was der Mensch sei und was er sein könne" .
     

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