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Weltfeindliche und weltfreundliche Dichtung im II. und I2. Jahrhundert



Gegen Ende des 10. Jahrhunderts erlitt die christliche Welt durch die Erwartung des nahen Weltendes eine Erschütterung, mit der sich eine tiefgehende geistige Wandlung vollzog: Abkehr von allem Irdischen und völlige Hinwendung an das Himmlische. Aus diesem Geiste wurde in Südfrankreich das Kloster Cluny gegründet. Noch im gleichen Jahrhundert folgten andere Klöster dem Beispiel der Cluniacenser, so daß die asketische Bewegung immer größere Kreise zog.
      Auch Deutschland geriet in ihren Bann. Als geschichtliche Folge entstand hieraus der Investiturstreit, der Deutschland jahrzehntelang aufwühlte und erst 1122 seinen vorläufigen Abschluß im Wormser Konkordat fand.
      Die Anhänger der asketischen Bewegung, Geistliche und Mönche, wenden sich nicht mehr an die gebildete Oberschicht, sondern an die breite Masse des Volkes. Sie kehren daher zur deutschen Sprache zurück.
      Memento mori, gedenke des Todes! hat man das Gedicht des Alemannen Notker von Zwiefalten genannt, das die weltfeindliche Dichtung um die Mitte des 11. Jahrhunderts einleitete. Er predigte eindringlich, die böse "Welt zu scheuen und des Todes zu gedenken. Andere Gedichte folgten. Sie geißelten erbarmungslos die Sinnlosigkeit des Weltlebens, beschworen die Qualen der Hölle, stellten die Heilsgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zu Christi Leiden und Auferstehung dar, schilderten den Opfergang von Märtyrern und Heiligen, um schließlich die Herrlichkeit des Himmels zu preisen.
      Als zarteste Blüte gedieh in dieser Zeit der "Weltabkehr die von mystischer Frömmigkeit befruchtete Mariendichtung. Maria ist Gottes Traute, heißt es in einem Marienlied der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts aus dem Kloster Arnstein an der Lahn, Trost der Armen, Zuflucht des Sünders, Pforte des Himmels. 'Stella maris bist du genannt nach dem Stern, der das müde Schiff zum Lande geleitet, wo es zur Ruhe gelangt. Leite uns zu Jesus, deinem lieben Sohn." Drei Lieder von der Jungfrau hat der bayerische Priester Wernher seine Verse genannt, die er um 1172 schuf und in denen er voll "Wärme und Innigkeit das Leben Marias von ihrer Geburt bis zur Rückkehr von der Flucht nach Ã"gypten erzählte.
      Ein andersartiger Geist umfängt uns, wenn wir in die Bezirke der weltfreundlichen Dichtung eintreten, die gleichfalls aus geistlicher Feder stammt. Die unterhaltenden Stoffe gehen vor allem auf französische, spätgriechische und orientalische Quellen zurück.
      Um 1130 schuf der Trierer Geistliche Lamprecht nach französischem Vorbild das berühmte Alexanderlied. Es schildert den persischen und den indischen Feldzug des großen Königs. Als Alexander jedoch das Paradies erobern will, wird er an der Eingangspforte zur Demut ermahnt und zur Umkehr und inneren Einkehr veranlaßt.
      Künstlerisch weit höher als das Alexanderlied steht das Rolandslied, das um 1170 der Regensburger Pfaffe Konrad im Auftrag des "Welfenherzogs Heinrich des Löwen nach einem französischen Liede eindeutschte. Konrad hielt sich durchaus nicht sklavisch an seine Vorlage, deren Themen - Kampf christlicher Helden gegen die Sarazenen in Spanien - in dem Zeitalter der Kreuzzüge überaus zugkräftig war. Er erweiterte oder kürzte, wo er es für nötig hielt, und bewies dabei ein feines dichterisches Gefühl. Auch der Gesamteindruck des Gedichtes wurde unter seinen Händen verändert: der heldische Stoff wandelte sich zu einer Märtyrerlegende großen Stils.
      Das Rolandslied besingt die Heldentaten und den Tod Rolands, des Neffen Karls des Großen. Wie der Heiland von zwölf Aposteln, so zieht Karl, von zwölf der besten Ritter umgeben, mit einem Heer gegen die Heiden in Spanien, die er besiegt und deren König Marsilie er in Saragossa hart bedrängt. Heuchlerisch bietet dieser seine Unterwerfung an, und obwohl man Verrat fürchtet, wird auf Vorschlag Rolands dessen Stiefvater Genelun zu Unterhandlungen mit den Heiden abgeschickt. Dieser meint, Roland wolle ihn dem sicheren Tode überliefern, um ihn zu beerben, und schwört ihm Rache. Er verabredet mit Marsilie einen teuflischen Plan. Dieser unterwirft sich scheinbar, Karl zieht heimwärts und vertraut auf Geneluns Rat die Nachhut Roland an, der sodann von dem verräterischen Feinde überfallen undnach schwerem Kampfe getötet wird. In der höchsten Not bläst er so gewaltig in sein Hifthorn Olifant , daß es Karl vernimmt und zurückkehrt. Aber es ist zu spät. Der Kaiser vernichtet die heranziehenden Heiden und bestraft den Verräter Genelun, indem er ihn an den Schweif wilder Pferde binden, durch Dornen schleifen und zerreißen läßt.
      Das erste aus einem deutschen Heldenlied erwachsene Epos ist das um 1150 von einem inBayern wirkenden Rheinländer verfaßte Epos von König Rother. Auch in diesem "Werke ist der geistliche Verfasser zu erkennen. Die Abenteurer werden in christliche Kreuzritter umgewandelt, und das Ganze ist durchaus dazu angetan, Kreuzzugsstimmung zu erwecken. Am Schluß zieht sich der Held sogar von der Welt zurück und wird Mönch.
      König Rother, der seine Residenz zu Bari in Unteritalien hat, läßt durch zwölf seiner Mannen bei Kaiser Konstantin von Konstantinopel um dessen Tochter Oda werben. Dieser aber wirft Rothers Abgesandte in einen tiefen Kerker, wo sie Jahr und Tag schmachten müssen. Da fährt der König selbst zu Schiff nach Konstantinopel, begleitet von seinen tapfersten Degen, darunter dreizehn Riesen, gibt sich für einen von Rother vertriebenen Grafen, namens Dietrich, aus und tritt in die Dienste des Kaisers. Er gewinnt die Liebe der schönen Prinzessin, der er sich zu erkennen gibt, befreit mit ihrer Hilfe seine Mannen und entführt die Jungfrau mit List in seine Heimat. Zwar gelingt es einem von Konstantin ausgeschickten Spielmann, in Rothers Abwesenheit die Kaisertochter auf ein Schiff zu locken und zu ihrem Vater zurückzubringen, aber Rother fährt nun zum zweiten Male, diesmal mit einem starken Heere, nach Konstantinopel und zwingt den Kaiser, ihm seine Gemahlin zurückzugeben.
      In dem Epos vom Herzog Ernst sind Ereignisse aus dem Leben Ludolfs, des Sohnes Ottos des Großen, und Ernsts, des Stiefsohnes Kaiser Konrads IL, verwoben.
      Ernst, der Sohn eines bayerischen Herzogs, wird bei seinem Stiefvater, Kaiser Otto, verleumdet und von diesem seiner Herrschaft beraubt. Nach heftigem, aber ergebnislosem Kampf weicht er der Gewalt und unternimmt eine Kreuzfahrt. Im Morgenland erlebt er nun mit seinem Freunde "wetzel die sonderbarsten Abenteuer. Er bezwingt die Sarazenen, betet am hl. Grabe zu Jerusalem und kehrt schließlich wieder nach Bayern zurück. In Bamberg wirft er sich am Weihnachtsfest seinem Stiefvater zu Füßen und erhält dessen Verzeihung.
     

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Weltfeindliche  weltfreundliche  Dichtung  II.  I2.  Jahrhundert    


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