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Dichtungen aus der Karolingerzeit (9. Jahrhundert)



In der Karolingerzeit trat die Dichtung in den Dienst der Mission. Die Geistlichen wollten dieses mächtigen Hilfsmittels bei der Ausbreitung des Christentums und im Kampf gegen das Heidentum nicht entraten. Dabei bedienten sie sich zunächst weiterhin der deutschen Sprache und der alten poetischen Form, des Stabreimes. Dazu kam später der Endreim. Zum Vorlesen vor Laien waren vermutlich zwei Stabreimdichtungen bestimmt, die als Wessobrunner Gebet und Muspilli bezeichnet werden. Die Verfasser, gelehrte Geistliche, verschmolzen darin germanisches Gedankengut mit der christlichen Heilslehre.
      Das Wessobrunner Gebet, um 800 in bayerischer Mundart in dem oberbayerischen Kloster Wessobrunn bei Weilheim aufgezeichnet, zerfällt deutlich in zwei Teile. Der erste Teil schildert die Entstehung der Welt, der zweite beinhaltet ein Gebet. Die Entstehung der Welt ähnelt in vielfacher Hinsicht der 'Weltschöpfung" in der Edda .
     

Das erfragte ich unter Menschen Wunder größtes,daß Erde nicht war, noch Himmelsgewölbe,noch Baum, noch Berg nicht war,noch irgendeines, noch Sonne nicht schien,noch Mond nicht leuchtete, noch der Meersee.
      Als da nichts war Enden noch Wenden,
da war der eine allmächtige Gott.
      Das Muspilli-Lied schildert dagegen das Ende der Welt. Die Dichtung, ein Fund aus dem Kloster St. Emmeram zu Regensburg, ist ebenfalls nur als Bruchstück erhalten geblieben.
      Das Muspilli-Lied zerfällt in drei Teile. Im ersten Teil kämpfen Himmel und Hölle um die Seele des Menschen nach dem Tode, der zweite Teil schildert den Kampf zwischen Elias und dem Antichrist, dem der Satan selbst zur Seite steht; danach folgen der Weltenbrand und das Jüngste Gericht.
      Brüder kämpfen und bringen sich Tod.
      Brudersöhne brechen die Sippe;

Arg ist die Welt, Ehebruch furchtbar,
Schwertzeit, Beilzeit, Schilde bersten,

Windzeit, Wolfzeit, bis die Zeit vergeht -
Nicht einer will den anderen schonen.
      Die Sonne verlischt, das Land sinkt ins Meer;
Vom Himmel stürzen die heiteren Sterne.
      Lohe umtost den Lebensnährer;
Hohe Hitze steigt himmelan.
      Ein zum Lesen oder Vorlesen bestimmtes Epos von rund 6000 Versen ist der altsächsische Heliand , eine dichterische Darstellung des Lebens Jesu.
      Das Hauptverdienst des sächsischen Dichters besteht in der Anpassung des christlichen Stoffes an die germanische Gefühlswelt. Es war ein nicht geringes Wagnis, den Sachsen, die eine Verherrlichung kriegerischer Taten zu hören gewöhnt waren, ein Epos zu bieten,dessen Held nur ein Held der Leiden war. Demgemäß ließ der Dichter weg, was germanischen Vorstellungen allzu schroff widersprach: das Verbot, erlittenes Unrecht zu rächen, das Gebot der Feindesiiebe, den Ritt auf dem Esel. Dagegen malte er breit aus, was germanischen Vorstellungen schmeichelte: das festliche Gelage, den Seesturm, die schnelle Tat des 'Schwertdegens" Petrus, der bei der Gefangennahme Christi dem Malchus ein Ohr abschlägt:

Da erboste sidi der schnelle Schwertdegen Petrus:
Ihm wallte wild der Mut, kein Wort mocht er sprechen,

So härmt es ihn im Herzen, als sie den Herrn ihm da
Zu greifen begehrten. Ingrimmig ging

Der dreiste Degen vor den Dienstherrn stehn,
Hart vor seinen Herren. Sein Herz war entschieden,

Nicht blöd in der Brust. Blitzschnell zog er
Das Schwert von der Seite und schlug und traf

Den vordersten Feind mit voller Kraft,
Davon Malchus ward durch des Messers Schärfe

An der rechten Seite mit dem Schwert gezeichnet,
Am Gehör verhauen: Das Haupt ward ihm wund,

Daß ihm waffenblutig Backen und Ohr
Borst im Gebeine und das Blut nachsprang

Aus der Wunde wallend. Als die Wange schartig war
Dem vordersten Feinde, wich das Volk zurück,

Den Schwertbiß scheuend.
     
Einen ähnlichen Versuch, das Leben des Heilands dichterisch zu beschreiben, unternahm um 870 der gelehrte Mönch Otfried von Weissenburg in seinem Evangelienbuch. Otfried schrieb das Werk in seiner rheinfränkischen Mundart und widmete es König Ludwig dem Deutschen. Das Evangelienbuch ist von besonderer Bedeutung: Otfried gebraucht darin als erster Dichter der deutschen Literatur den Endreim, freilich in unvollendeter Form, denn er ersetzte ihn noch häufig durch die Assonanz .
      Nach Otfried erfuhr das deutsche Reimgedicht eine weitere Belebung im Georgslied und im Ludwigslied, das mit dem Sieg des "Westfrankenkönigs Ludwig I

II.

über die Normannen noch einmal dem alten fränkischen Stammesbewußtsein huldigte.
     

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