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Gerhart hauptmann: bahnwärter thiel

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Probleme für den heutigen Leser



Aus der Charakterisierung des Täters und der Verkettung der vordeutenden Zeichen ergibt sich, daß der Autor Thiels Mord an Frau und Kind als eine unausbleibliche und unvermeidliche Handlung verstanden wissen will. Hauptmann bewegt sich hier in den Bahnen des Naturalismus, der den Menschen als biologisch und soziologisch determiniert verstand. Für den Leser resultiert daraus die Frage: Ist Thiel frei von Schuld, weil übermächtige Determinanten sein Handeln bestimmen und lenken? Das setzt voraus, daß der heutige Leser in allen Punkten den im Text enthaltenen Auffassungen des Erzählers zustimmt. Von den Schülern ist das aber auf Grund ihrer sozialen Erfahrungen kaum zu erwarten. Aus der Position der Gleichberechtigung von Mann und Frau ergeben sich neuartige Gesichtspunkte zur Beurteilung der Lene Thiel; von dem heute üblichen Sexualverhalten der jüngeren Generation her wird Thiels Beziehung zu Lene in einem anderen Licht erscheinen als in der Zeit um 1890 mit ihren starren Moralvorstellungen; von der Mobilität unserer Gesellschaft ausgehend, wird man die berufliche Isolation des Bahnwärters in der Zeit des Kaiserreichs schwerlich als unerbittliches Schicksal akzeptieren. Da manche Fixpunkte, denen Thiel offensichtlich nicht auszuweichen vermag, mittlerweile in Bewegung geraten sind, stellt sich die andere Frage: Muß der heutige Leser Thiel schuldig sprechen, weil er ihm die Verantwortung für sein Tun nicht abnehmen kann?

Die bisher genannten Gesichtspunkte sollten der Lerngruppe erläutert und dann in einer Diskussion erörtert werden. Zur Vertiefung können unterschiedliche Positionen zum Problem der Verantwortung in Textausschnitten aus der Sekundärliteratur herangezogen werden: Stellungnahmen aus der Rezension der 'Neuen Zeit" und die gegensätzliche These von Werner Zimmermann; bedeutend schwieriger und deshalb nur für die besten Schüler der Lerngruppe geeignet sind Fritz Martinis Ausführungen in seinem Nachwort zur Textausgabe des Reclam-Verlags, weil hier Thiels innerer Widerspruch auf die für Hauptmanns Denken konstitutive Antinomie des Lebens zurückgeführt wird .
      Der Unterricht ist also in dieser Phase auf folgende Ziele ausgerichtet:

Die Schüler sollen
- erkennen, daß die heutige Stellung der Frau, die Beurteilung der Sexualität und die soziale Mobilität wegen der seit 1888 eingetretenen gesellschaftlichen Veränderungen mit den in der Erzählung dargestellten Lebensverhältnissen nicht übereinstimmen;
- bereit sein zu einer ethischen Bewertung des Geschehens in der Erzählung;
- sich Rechenschaft ablegen, von welchen ethischen Prinzipien aus sie ihre Bewertung vornehmen;
- das Problem von Freiheit und Determination bei Thiel erkennen;
- Thiels Verantwortlichkeit diskutieren;
- sich mit ausgewählten Textausschnitten zum Problem der Verantwortlichkeit auseinandersetzen.
     

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